BT-Kommentar: Abkehr vom "Weiter so" muss sein
Abkehr vom 'Weiter so' muss sein
Baden-Baden (red) - Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist raus aus der Weltmeisterschaft. Das 0:2 gegen Südkorea am Mittwoch besiegelte das Ende der Ambitionen des amtierenden Weltmeisters. Lesen Sie hierzu einen Kommentar von BT-Sportredakteur Moritz Hirn:

Angetreten war Deutschland, um Geschichte zu schreiben. Das ist gelungen auf bisher beispiellose Art und Weise. Doch statt der anvisierten Titelverteidigung endete der Auftritt des DFB in Russland mit der schwärzesten Stunde der so ruhmreichen schwarz-rot-goldenen Fußball-Historie. Das vorzeitige Aus in der Gruppenphase - wohlgemerkt gelten Mexiko, Schweden und Südkorea mitnichten als Großmächte des Spiels - ist unbestritten die größtmögliche Blamage. Dabei ist der ungeplante, weil viel zu frühe Rückflug in die Heimat absolut verdient.

In keinem einzigen Spiel konnte das Team von Joachim Löw nur annährend überzeugen, das entscheidende Duell gestern gegen Südkorea war ein letzter spielerischer Offenbarungseid. Zaghaft, zaudernd, zuschauend agierten die Kicker mit dem Adler auf der Brust. Ohne Selbstvertrauen, ohne Plan, ohne Durchschlagskraft. Die proklamierte Initialzündung nach dem Kunstschuss von Toni Kroos gegen Schweden: wirkungslos verpufft.

Stetige Unruhe, schwächelnde Leistungsträger

Angesichts dieser Attribute konnte das Ausscheiden nicht mehr wirklich überraschen. Zumal man im deutschen Lager hätte gewarnt sein müssen angesichts des Fluchs, der scheinbar auf dem amtierenden Champion liegt - auch Italien (2010) und Spanien (2014) mussten vorzeitig die Segel streichen.

Die Gründe für das krachende Scheitern der Titelmission sind vielschichtig. Die stetige Unruhe im Team, die Causa Erdogan sowie die unerklärliche Formschwäche vermeintlicher Leistungsträger torpedierten das Vorhaben permanent. Der Bundestrainer ist zwar von seiner Nibelungentreue zu verdienten Köpfen abgerückt, das Abbügeln berechtigter Kritik - analog zum Merkel-Mantra "Wir schaffen das" - war freilich wenig hilfreich. Und hat Löws Schützlinge angesteckt. Kroos' Kahn-Replik ("Man muss dann auch die Eier haben!") klingt im Nachhinein nicht mehr selbstsicher, sondern geradezu überheblich.

DFB-Boss Reinhard Grindel hat dem Bundestrainer gestern Vormittag eine Jobgarantie ausgestellt. Ein systemimmanenter Reflex der Branche. Das kann selbstredend nicht verhindern, das Löws Zukunft hinterfragt werden muss. Trotz aller Verdienste des Teamchefs kann es ein "Weiter so" - die Devise in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise in den vergangenen Jahren - in dieser Lage kaum geben. Und keiner weiß das besser als Jogi Löw selbst. Schließlich ging sein Stern erst auf, als sich der DFB nach der Rumpelfüßler-Ära 2004 dereinst von eben diesem Prozedere verabschiedet hat.

Foto: dpa

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