Lieber rechen statt pusten
Lieber rechen statt pusten
Von Helmut Heck
Elchesheim-Illingen - Herbstzeit. Bäume färben ihr Laub, bevor es Blatt für Blatt zu Boden schwebt. Kaum gelandet, werden von Menschenhand dröhnende Maschinen angeworfen, das welke Grün fortzublasen. Von wegen "Lärm macht krank". Lärm macht sauber!

Der Beweis ist allerorten zu erleben. Laubbläser sind am Werk, wirbeln alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Die knatternde Mobilmachung erfasst Friedhöfe, Grünanlagen, Parks. Nun hat die Blasorgie endlich auch jenes Terrain erobert, wo sie am dringendsten gebraucht wird: den Wald. Im Forst von Elchesheim-Illingen wurde dieser Tage mit Riesengetöse Herbstlaub von Wegen und Wegrändern ins Unterholz geblasen.

Offenbar im Auftrag der Stadtwerke Karlsruhe waren rund um das zu dem Unternehmen gehörende Wasserwerk "Rheinwald" gleich drei dröhnende Geräte im Einsatz. Frei nach Loriot: Es jault und bläst der Heinzelmann, wo Vati nicht mehr kehren kann. Erst wurde der Rasen des Areals besenrein geblasen, dann von den umgebenden Wegen alles welke Blattwerk ins Unterholz gepustet.

Wenige hundert Meter entfernt, muss die Gemeinde für den Naturschutz Totholz erhalten. Morsche Bäume, so heißt es, seien wertvoller Lebensraum für allerlei Insektenarten. Das Gleiche behaupten Biologen von den Teppichen aus totem Laub, die der Herbst jedes Jahr auslegt. Aber ist doch nur Luft, was da unter den Waldflor geblasen wird. Fühlt sich jemand vom Lärm genervt, darf er sich bei der Volkshochschule zum neuesten Trend des Stressabbaus anmelden. "Waldbaden" heißt er. Krachgeplagte umarmen dabei Bäume, atmen Ruhe, definieren Natur neu, meditieren, nehmen eine Blätterdusche. Aber wehe, es tobt eine Blasattacke. Dann hat es sich ausgebadet.

Ersatzweise ist ein Kursus "Laub rechen" zu empfehlen. Die reine Entschleunigung, man ist ganz auf sich zentriert - und auf das Laub. Man macht nichts als zu rechen. Das ist kein Rechtschreibfehler, sondern ein Tätigkeitswort. Ein ganz altes Handwerk, fast ausgestorben. Foto: Heck

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