Ein Urteil im Schatten der Tat
Ein Urteil im Schatten der Tat
Von Florian Krekel

Baden-Baden - Im Prozess gegen einen Schwimmlehrer, der 37 kleine Mädchen teils schwer missbraucht haben soll, hat die Staatsanwaltschaft am Montag vor dem Landgericht Baden-Baden zwölf Jahre und sechs Monate Haft gefordert. Außerdem beantragte sie - wie bereits zum Prozessauftakt angekündigt - die Sicherungsverwahrung für den 34-jährigen Deutschen. Der Verteidiger forderte sechs Jahre ohne Sicherungsverwahrung. Das Urteil wird im Laufe des Tages erwartet. Die Öffentlichkeit war für die Schlussworte zuvor auf Antrag der Nebenklage ausgeschlossen worden. Ausgewählte Eltern sowie die Presse durften jedoch im Saal bleiben.

Neun Tage wurde verhandelt, 46 Zeugen waren geladen und wurden gehört, unzählige Seiten von Akten und zig Beweismittel gewälzt; jetzt steht der Abschluss eines der wohl aufsehenerregendsten Prozesse in jüngerer Vergangenheit am Baden-Badener Landgericht bevor. Am Montag wird Richter Stefan Schmid aller Voraussicht nach das Urteil über Dimitri T. fällen. Der Schwimmlehrer soll sich in 198 Fällen an insgesamt 40 Mädchen im Alter zwischen vier und zwölf Jahren vergangen haben. Ein Überblick:

Der Angeklagte: Dimitri T. (34) verfolgt die Aussagen der Zeugen meist sehr genau, schreibt oft viel mit, manchmal unablässig. Zu Prozessbeginn verweigert er die Aussage, lässt dann aber am zweiten Tag überraschenderweise von seinem Pflichtverteidiger Christian Süß doch eine Erklärung verlesen: Er habe - mehr oder minder aus Versehen - bei Kursen Aufnahmen mit der Unterwasserkamera gemacht. Der Chef der Schwimmschule, dem die Kameras gehörten, habe dann die Aufnahmen entdeckt und ihn damit und mit Nacktaufnahmen von Dimitri T.s Frau, die wohl auch auf einer der Kameras waren, erpresst, noch mehr kinderpornografische Aufnahmen herzustellen. Er wisse, dass er große Fehler gemacht habe, die nicht zu entschuldigen oder wiedergutzumachen seien.

Die Ermittlungen gegen den beschuldigten Chef wurden von der Staatsanwaltschaft mittlerweile als unbegründet eingestellt. Beweise für die Erpressungstheorie konnten nicht gefunden werden.

Die Beweislast: Auf den Kameras von Dimitri T. wurden große Mengen Bilder und Filme pornografischen Inhalts gefunden, die den teils schweren sexuellen Missbrauch an den kleinen Mädchen zeigen. Darüber hinaus gleichen sich die Aussagen der betroffenen Mädchen - sie wurden im Vorfeld vernommen - und auch die Schilderungen der Eltern über die Berichte ihrer Kinder auffallend. Alle enthalten schwere Anschuldigungen gegen den Angeklagten. Dimitri T. habe den Kindern während des Schwimmunterrichts im Becken immer wieder in den Intimbereich gefasst, den Finger in und auf die Vagina gelegt, habe die Kinder in den Unkleidekabinen immer wieder begrapscht und sogar den Penis in die Scheide geschoben und auch brutale Filme gedreht.

Die Taten sollen sich zwischen 2015 und September 2017 in Badeanstalten in Gernsbach, Baden-Baden, Achern, Bad Herrenalb, Kuppenheim und Lörrach zugetragen haben.

Das psychiatrische Gutachten: Der forensische Psychiater der Uniklinik Tübingen, Dr. Stephan Bork, bescheinigt dem Angeklagten in seinem Gutachten unverminderte Schuldfähigkeit, eine pädophile Neigung und nach aktuellem Stand ein hohes Rückfallrisiko. Der Mediziner macht deutlich, dass er eine sogenannte "Gewohnheitsbildung" für wahrscheinlich hält, also die Gefahr, pädophile Straftaten immer wieder zu begehen. Auch sei keinerlei Einsicht in die Taten bei den insgesamt drei Gesprächen zu erkennen gewesen. Für einen verantwortungsvollen Umgang mit der wohl unheilbaren Störung der Pädophilie und eine Therapie, die es ermögliche, diese Neigung in den Griff zu bekommen, sei ein "Mindestmaß an Einsicht nötig", das bei dem Angeklagten "nicht im entferntesten ersichtlich" sei, führt der Psychiater in der vergangenen Woche aus.


Foto: dpa

Nur am ersten Prozesstag sind für zehn Minuten vor Beginn der Verhandlung Fotografen zugelassen. Dimitri T. verbirgt in der Zeit sein Gesicht hinter einem Aktenordner.

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