Terroranschlag in Straßburg
Terroranschlag in Straßburg
Straßburg (dpa) - Nach dem tödlichen Terroranschlag in Straßburg fahndet die Polizei mit einem Großaufgebot nach dem geflüchteten Täter. Der 29-Jährige schoss am Dienstagabend am Rande des Weihnachtsmarkts um sich und tötete laut Behörden drei Menschen. Der Markt bliebt auch am Donnerstag geschlossen.

Der Täter war am Mittwoch weiter auf der Flucht. Der mutmaßliche Angreifer von Straßburg ist nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein französischer Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln.

Nach Informationen des Bürgermeisters der elsässischen Metropole, Roland Ries, kontrolliert die Bundespolizei mehrere Grenzübergänge von Deutschland nach Frankreich. Der vermutlich radikalisierte Mann soll nach Medienberichten vor seiner Flucht von Soldaten verletzt worden sein.

Fluchtrichtung unbekannt

Nach Informationen des Senders France Info entkam er mit einem Taxi, das er gestohlen hatte. Etwa 350 Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber seien an der Fahndung beteiligt, sagte Innenminister Castaner.

Auf die Frage, ob der Mann ins benachbarte Deutschland geflüchtet sein könnte, antwortetet Ries: "Die Grenze ist im Prinzip geschlossen." Es sei aber alles möglich, falls der Tatverdächtige ein Auto habe. Die Bundespolizei erklärte, es gebe Kontrollen an vier Grenzübergängen nach Frankreich.

Bürgermeister Ries sagt, für die Stadt beginne ein Tag der Trauer. Der Weihnachtsmarkt werde geschlossen bleiben. Die drei Opfer des Mannes seien brutal getötet worden.

Frankreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von islamistisch motivierten Terroranschlägen geworden, die fast 250 Menschen das Leben kosteten. Auch diesmal übernahmen wieder Anti-Terror-Spezialisten der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen. Die Untersuchung wurde unter anderem dem Inlandsgeheimdienst DGSI übergeben, wie Justizkreise der Deutschen Presse-Agentur in Paris bestätigten. Castaner war in der Nacht in Straßburg eingetroffen.

Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Das bedeute verstärkte Kontrollen an den Grenzen des Landes, erläuterte Castaner. Auch Weihnachtsmärkte würden stärker kontrolliert. Der mutmaßliche Täter sei bereits wegen Delikten in Frankreich und Deutschland verurteilt worden, sagte Castaner.

Unter den bei dem Attentat getöteten ist ein 45 Jahre alter Tourist aus Thailand, wie das Außenministerium in Bangkok bestätigte. Er sei zusammen mit seiner Frau zu einem Urlaub in Frankreich gewesen. Das Paar war erst wenige Stunden zuvor eingetroffen. Die Frau blieb dem Ministerium zufolge unverletzt. Nach Medienberichten starb der Thailänder durch einen Schuss in den Kopf.

Auch das Auswärtige Amt in Berlin bemühte sich um Informationen über Opfer in Straßburg, da der Weihnachtsmarkt auch bei Deutschen sehr beliebt ist.

Zwei Schusswechsel mit Sicherheitskräften

Der Verdächtige hatte nach Angaben der Präfektur gegen 20 Uhr nahe dem Weihnachtsmarkt der Elsass-Metropole das Feuer eröffnet. Castaner beschrieb den genauen Tatort nicht näher und sagte lediglich, der Täter habe an drei verschiedenen Orten in der Stadt "Terror" verbreitet. Zwischen 20 und 21 Uhr habe er sich zweimal einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften im Patrouilleneinsatz geliefert.

Weite Teile der Straßburger Innenstadt wurden von Dienstagabend an über Stunden abgeriegelt. Menschen wurden dazu aufgerufen, die Innenstadt in Richtung Norden zu verlassen und nicht in Richtung des südöstlich gelegenen Stadtteils Neudorf zu gehen. Dort war nach dem flüchtigen Tatverdächtigen gefahndet worden. Die Polizei rief die Bürger dazu auf, Ruhe zu bewahren und den Anweisungen der Sicherheitskräfte zu folgen.

Verhaftung war bereits am Dienstagmorgen geplant

Der mutmaßliche Täter hätte einem Medienbericht zufolge eigentlich schon am Dienstagmorgen verhaftet werden sollen. Wie France Info unter Berufung auf Polizeiquellen berichtete, war er jedoch nicht zu Hause. Demnach wird dem 29-Jährigen versuchter Mord vorgeworfen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung Stunden vor den Schüssen sollen Granaten gefunden worden sein, wie France Info und die Zeitung "Le Parisien" berichteten.

Bereits etliche Jahre im Gefängnis

Der mutmaßliche Angreifer hat nach Kenntnis der deutschen Justiz bereits etliche Jahre im Gefängnis verbracht - in allen Fällen ging es um Einbrüche. So verurteilte das Amtsgericht Singen den Mann Mitte 2016 zu zwei Jahren und drei Monaten Haft, weil er in eine Zahnarztpraxis in Mainz und eine Apotheke in Engen im Süden Baden-Württembergs eingebrochen war. Wie aus dem entsprechenden Urteil, das der dpa vorliegt, außerdem hervorgeht, wurde er unter anderem schon 2008 in Frankreich und 2013 in der Schweiz jeweils wegen mehrerer Einbrüche zu Gefängnisstrafen verurteilt. Alle Taten hat er zugegeben.

Seit 2011 arbeitslos

Er sei zusammen mit sechs Geschwistern im Elternhaus in Straßburg aufgewachsen, habe einen dem Hauptschulabschluss vergleichbaren Abschluss, aber keine Ausbildung gemacht. Nach der Schule habe er bei der Gemeinde gearbeitet, seit 2011 sei er arbeitslos gewesen und nach eigener Aussage viel gereist. Schon vor seiner Verurteilung in Singen habe er insgesamt vier Jahre in Gefängnissen verbracht, heißt es im Urteil.

Krisensitzung in Paris

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron berief in Paris eine Krisensitzung ein. Er beriet sich am frühen Mittwochmorgen unter anderen mit Premierminister Édouard Philippe und Verteidigungsministerin Florence Parly. "Solidarität der gesamten Nation für Straßburg, unsere Opfer und ihre Familien", schrieb Macron auf Twitter.

In Straßburg öffnen die kulturellen Einrichtungen der Stadt am Mittwoch nicht, wie es in einer Mitteilung der Stadt hieß. Der Unterricht sollte am Mittwoch an Grundschulen und Vorschulen ausgesetzt werden. Eltern wurde geraten, ihre Kinder zu Hause zu lassen, wie die Präfektur mitteilte. An weiterführenden Schulen und Hochschulen sollte der Unterricht stattfinden.

Auch Europaparlament abgeriegelt

Auch das Europaparlament in Straßburg wurde zwischenzeitlich abgeriegelt. Über Stunden hinweg durfte niemand das Gebäude verlassen, Mitarbeiter wurden per Handy-Kurznachricht und Mail gewarnt. Erst am frühen Mittwochmorgen durften sich Abgeordnete und Mitarbeiter auf den Heimweg machen.

Außenminster Heiko Maas twitterte am Morgen: "Wir sind tief erschüttert vom Anschlag in #Straßburg und verurteilen diese feige Tat. Unsere Gedanken sind bei den Opfern, unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen. Wir tun alles, um unseren französischen Freunden beizustehen." Regierungssprecher Steffen Seibert hatte sich auf Twitter "erschüttert über die schreckliche Nachricht" aus Straßburg gezeigt. "Welches Motiv auch immer hinter den Schüssen steckt: Wir trauern um die Getöteten und sind mit unseren Gedanken und Wünschen bei den Verletzten."

Kontrollen an Grenzübergängen

Am deutsch-französischen Grenzübergang kontrollierte die Polizei am Abend Autos, die von Deutschland nach Frankreich fuhren, wie eine dpa-Reporterin berichtete. "Wir verstärken (...) aktuell die Kontrollen an der deutsch-französischen Grenze in diesem Bereich", teilte die Bundespolizei Baden-Württemberg auf Twitter mit. Später twitterte sie, dass der Verkehr einer grenzüberschreitenden Straßenbahn eingestellt worden sei. "Sofern möglich vermeiden Sie bitte aktuell den Grenzübertritt im Bereich Kehl", hieß es weiter.

Auch Bundespolizei fahndet nach Täter

Die Bundespolizei ist mit Unterstützung der Landespolizei aktuell im Raum Kehl vermehrt auf Streife, da die Fahndung nach dem Täter noch immer läuft, wie eine Sprecherin gegenüber dem Badischen Tagblatt sagte. Es werden zudem alle Autos, Straßenbahnen und Züge, die aus Richtung Frankreich kommen, an sämtlichen Grenzübergängen rund um Kehl kontrolliert. Wegen der Grenzkontrollen kam es am Mittwoch auch an den Grenzübergängen Iffezheim und Winterdorf zu langen Rückstaus.

Weihnachtsmarkt bleibt geschlossen

Wie am Mittwochabend bekannt wurde, bleibt der Straßburger Weihnachtsmarkt - eine beliebte Touristenattraktion - aus Sicherheitsgründen auch am Donnerstag geschlossen. Die kulturellen Veranstaltungen in der Stadt sollten aber "so weit wie möglich" wie geplant stattfinden.

Foto: dpa

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