Viel zu viel Theater auf dem grünen Rasen
Viel zu viel Theater auf dem grünen Rasen
Von Hucky Krämer

Baden-Baden - Zwei Wochen lang haben die deutschen Riesen die Zuschauer in Berlin, Köln und Hamburg mit beherztem Handball für ihren Sport begeistert. Im Schnitt fieberten bei den deutschen WM-Auftritten im eigenen Land bis zu 11,9 Millionen vor der Glotze mit. Nicht einmal die Fußball-Bundesliga, die Australian Open oder das legendäre Lauberhornrennen faszinierten die deutschen Fernsehzuschauer so, wie die Spiele von Kapitän Uwe Gensheimer und seiner Crew.

Doch woher kommt das große Interesse an einer Sportart, die normalerweise in der Popularitäts-Skala weit hinter "König Fußball" rangiert? Ein wichtiger Faktor ist die Nahbarkeit der Spieler. Jeder Akteur strahlt eine Bodenständigkeit aus, keiner der Handballer - nicht einmal der noch bei Paris St. Germain angestellte Gensheimer - verdient Millionen, wie es im Profifußball üblich ist.

Wenn beim Handball einer liegenbleibt, hat es wehgetan

Abgehoben ist da keiner. Und sie heulen nicht rum. "Wer auf dem Boden liegt, gilt im Handball als Memme. Und wenn einer schwalbt, sehen das die Gegenspieler, der bekommt im nächsten Angriff richtig einen ab", hat Weltmeister Dominik Klein einmal drastisch gesagt. Fakt ist: Wenn beim Handball einer liegenbleibt, hat es richtig wehgetan.

Die Sprache der Handballer kommt ohne die branchentypischen Floskeln aus, mit denen Fußballer oft die Inhaltslosigkeit ihrer Sätze überdecken. Und es liegt am Spiel selbst. Handball ist schnell, hart, taktisch anspruchsvoll, abwechslungsreich, mitunter dramatisch, nahezu pausenlose Action.

Zu viel Schauspiel beim Fußball

Da fragt man sich schon, was der durchkommerzialisierte Fußball, der des Deutschen liebstes Kind ist und bleiben wird, vom Handball lernen kann. Da wäre einmal die Schauspielerei. Auf dem grünen Rasen wird viel zu viel Theater gespielt. Unvergessen die spektakuläre Mehrfachrolle des brasilianischen Schauspielers Neymar. Spieler, die sich schmerzverzerrt am Boden wälzen und kurz darauf weiterspielen, als sei nichts gewesen, sieht man aber auch an jedem Bundesligaspieltag.

Fußball: Fast jede Schiedsrichter-Entscheidung wird kommentiert

Dann diese ewige Zeitschinderei. Ständig werden neue Szenarien gefunden, um das Spiel zu unterbrechen. Natürlich nur, wenn das eigene Team nicht in Rückstand liegt. Beim Handball wird die Zeit angehalten und bekommt ein Spieler, der nach dem Pfiff für den Gegner den Ball nach zwei Sekunden noch nicht auf den Boden gelegt hat, eine Zeitstrafe. Außerdem wird im Fußball ständig lamentiert, fast jede Schiedsrichter-Entscheidung kommentiert. Meist im Rudel wird der Referee bedrängt. Bleibt noch dieses unfaire Karten-Fordern. Meist ist es der Trainer, der an der Seitenlinie herumhampelt und vehement eine Verwarnung eines Spielers der gegnerischen Mannschaft fordert.

Fußball in seiner reinsten Form ist ein toller Sport

Der Grundgedanke des fairen sportlichen Miteinanders wird im Profifußball viel zu oft mit Füßen getreten. Und das vor den Augen all der jungen Kicker, die von ihren vermeintlichen Vorbildern vorgemacht bekommen, dass es durchaus lohnenswert ist, sich nicht an die Regeln zu halten. Ganz zu schweigen von den Amateurfußballern, die mittlerweile in Sachen Schauspielerei, Rudelbildung und Zeitschinderei fast schon selbst Profis sind. Fußball in seiner reinsten Form ist ein toller Sport, im Profibereich derzeit allerdings überwiegend im Geldverdienen professionell.

Was der Fußball vom Handball lernen kann

Dabei ist es gar nicht so schwer, Lösungen zu finden, damit der Profifußball in Deutschland wieder attraktiver und fairer wird. Der Handball hat es jetzt gerade wieder gezeigt: Der Schiedsrichter kann jederzeit die Uhr anhalten, dann würde ein Spiel auch wirklich wieder 90 Minuten dauern. Außerdem kann er den Schauspielern auf dem Platz und an der Seitenlinie das Handwerk legen. Zumindest das sollte der Fußball vom Handball lernen.

Grafik BT

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