"Stromversorger müssen sich der Verantwortung stellen"
'Stromversorger müssen sich der Verantwortung stellen'
Stuttgart (vn/red) - "Grausamer Tod durch Stromschläge" lautete Ende Juli 2018 der Titel über einem BT-Bericht, der sich mit dem massenhaften Sterben von Vögeln an Mittelspannungsmasten im Südwesten beschäftigte. Was bei Tierfreunden Entsetzen auslöst, scheint die Energieversorger kalt zu lassen. Sechs Monate später mahnt der Naturschutzbund NABU erneut, dass sich die Unternehmen ihrer Verantwortung stellen müssen.

"Nachlässig, falsch oder gar nicht gesicherte Mittelspannungsleitungen töten in Baden-Württemberg jedes Jahr Hunderte Vögel", beschreibt der Ornithologe Jost Einstein das Problem. Er ist der Leiter des NABU-Naturschutzzentrums Federsee bei Bad Buchau. "Gefährlich sind vor allem Masten, an denen stromführende Leitungen in kurzen Abständen befestigt sind. Berührt ein Vogel zwei Drähte einer elektrischen Freileitung gleichzeitig, fließt Strom durch seinen Körper." Die Folge seien schwerste Verbrennungen und Lähmungen, die zum Tod führen, so Einstein. Auch wenn ein Vogel nur auf dem Mast sitzt und beim An- und Abflug eine Leitung berührt, kann das Tier an einem Stromschlag sterben. "Hier spricht man von einem Erdschluss", erläutert der Fachmann.

Jährlich sterben 1,8 Million Brutvögel

Wie viele Vögel letztlich dem Stromtod zum Opfer fallen, kann nur geschätzt werden. Im Februar 2017 hat der NABU Zahlen veröffentlicht, wonach in Deutschland jedes Jahr bis zu 1,8 Millionen Brutvögel sowie bis zu eine Million Rastvögel an den 60.000 Kilometern Hoch- und Höchstspannungsfreileitungen verenden. Einstein: "Die Kadaver werden oft nicht gefunden, da sie vorher etwa von Füchsen verschleppt werden." Auch Marder und Beutegreifer aus der Luft bedienen sich an den Tieren, die äußerlich fast unversehrt wirken. Neben Störchen lassen Schwäne, Trappen, Kraniche, Uhus, Schleiereulen, Rotmilane und andere Greifvögel an den Konstruktionen ihr Leben.

Drahtbüschel auf Masten sind wirkungslos

Seit Jahren sind die Netzbetreiber zur Nachrüstung verpflichtet. Das regelt das Bundesnaturschutzgesetz. "Doch die Übergangsfrist ist am 31. Dezember 2012, also vor sieben Jahren, ohne Reaktion abgelaufen", kritisiert Einstein. Die Naturschutzbehörden hätten auf das Nachbohren des NABU nicht reagiert. Der Versuch, zum Beispiel mit Drahtbüscheln das Anfliegen an einigen Masten zu verhindern, habe sich in der Praxis als untauglich erwiesen.

Unangemessen findet der NABU, dass die Stromunternehmen sich bei der Meldung ungesicherter Leitungen und Masten auf die Naturschützer verlassen. "Die Beweislast liegt allein bei den Unternehmen", stellt Einstein klar. "Wir fordern die Landesregierung auf, ihrer Kontrollpflicht nachzukommen und die Firmen zum Umrüsten aufzufordern."

Foto: NABU/av

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