Badem-Baden schreibt: Wiedersehen am Bahnsteig
Badem-Baden schreibt: Wiedersehen am Bahnsteig
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" werden die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl. Heute erzählt Ingeburg Hand. Sie musste im Herbst 1948 Dänemark verlassen und lebte zunächst in Norddeutschland. Ihre Ausbildung als Krankenschwester absolvierte sie in Flensburg und ihr Beruf führte sie in den Süden Deutschlands. Seit 1987 wohnt sie in Baden-Baden.

"Bei vielen Familienfesten wurde diese eine Geschichte immer und immer wieder erzählt. Deswegen stellte ich sie auch nie in Frage. Sie erschien mir wahr und weitere Fragen kamen mir nicht in den Sinn. Erst als ich mein Buch geschrieben hatte, konfrontierten mich nicht nur meine Nichten und Neffen mit vielen Fragen, auf die ich damals noch keine Antwort hatte. Aber ich begann nachzuforschen: Zuerst sprach ich mit meinen Geschwistern, dann mit meinen Cousins und Cousinen, denn meine Eltern lebten nicht mehr. Danach suchte ich in Archiven, Behörden und sprach mit Zeitzeugen. Und so hat es sich wohl zugetragen:

Entweder Trennung oder zurück nach Deutschland

Im Herbst 1948 wurde meine Mutter von den dänischen Behörden vor die Wahl gestellt: Entweder könne sie mit ihren drei Kindern in Dänemark bleiben, müsse sich aber dann von ihrem deutschen Mann trennen, oder sie müsse das Land sofort verlassen. Sie entschied sich für ihren Mann, der sich damals noch in einem dänischen Gefangenenlager befand. Meine Mutter kannte seinen konkreten Aufenthaltsort nicht; sie versuchte alles, um ihn ausfindig zu machen - doch vergebens.

An einem kühlen Herbsttag in Regen und Sturm stand sie mit ihren drei Kindern - meinem Bruder Willi, meiner Schwester Lissi und mir im Kinderwagen - auf dem Bahnsteig in Flensburg und wartete auf den Zug, der sie nach Husum bringen sollte. Sie durfte keine Sachen mitnehmen außer denen, die sie und ihre Kinder am Leib trugen.

Kinder weinten und schrien

Allmählich kamen immer mehr ängstliche, frierende, verhärmte Menschen, darunter auch entlassene Kriegsgefangene, auf den Bahnsteig. Das Gedränge wurde immer größer, die Kinder weinten und schrien. Nach unendlichem Warten rollte der Zug langsam durch den Bahnhof. In die bis dahin fast bewegungslose Menge kam ein Ruck und jeder versuchte, in die langsam vorbeifahrenden, vollkommen überfüllten Waggons zu gelangen. Kinder wurden durch geöffnete Fenster gestopft, Erwachsene stürmten die Türen.

Kinderwagen steht noch auf dem Bahnsteig

Unsere Mutter griff meine beiden Geschwister, konnte sie doch nur mit einem an jeder Hand in den Zug gelangen. Drinnen waren Menschen dicht an dicht gedrängt. Es war stickig und noch immer kamen mehr Menschen in die Abteile. Wo konnte sie Willi und Lissi kurz alleine lassen, um auch mich noch - egal ob mit oder ohne Kinderwagen - in den Zug zu holen? Meine Mutter geriet in Panik. Der Zug hielt nicht, sondern rollte einfach, wenn auch langsam, weiter, meine Geschwister klammerten sich weinend an meine Mutter, während ich noch immer verloren auf dem Bahnsteig wartete.

Mann wird auf Baby aufmerksam

Das Gedränge, die Schreie, das Quietschen des Zugs, die vielen Menschen und ich allein laut schreiend im Kinderwagen. Ein Mann wurde auf mich aufmerksam, hob mich hoch und sprang mit mir auf dem Arm in den Zug. Laut rief er immer wieder: "Vermisst jemand sein kleines Mädchen?" Plötzlich standen wir vor meiner verzweifelten Mutter. Der Mann, der mich auf dem Arm hatte, war ihr Ehemann, mein Vater! Der Neuanfang war nicht leicht für meine Eltern, aber Vater schaffte es immer, Arbeit zu finden und seiner großen Familie ein geborgenes Zuhause zu bieten. Die dramatischen Erlebnisse wurden durch liebevolle Erziehung und ein intensives Familienleben überwunden. Meine Eltern haben uns mit gutem Rüstzeug ins Leben entlassen."

Foto: Privat

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