Vier Fragen an: Nikolas Karanikolas
Vier Fragen an: Nikolas Karanikolas
Rheinstetten (kie) - Nikolas Karanikolas ist in diesem Jahr Jugenddelegierter der Vereinten Nationen (UN) und damit die Stimme der deutschen Jugend. Der 20-jährige Lehramtsstudent aus Rheinstetten reist gemeinsam mit der zweiten Delegierten Josephine Hebling durch Deutschland und trifft Jugendliche, um deren Forderungen in der Generalversammlung und der Sozialentwicklungskommission der Vereinten Nationen in New York vorzustellen. Getragen wird das Programm von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und vom Deutschen Nationalkomitee für internationale Jugendarbeit. UN-Delegierter wurde Karanikolas durch sein ehrenamtliches Engagement: Vor zwei Jahren hat er den Verein "Childhood for Children" gegründet, mit dem er in Westafrika Aufklärungskampagnen umsetzt. BT-Volontärin Franziska Kiedaisch stellte ihm vier Fragen.

BT: Herr Karanikolas, dank der "Fridays-for-Future"-Bewegung merken nun viele Erwachsene, dass Jugendliche nicht tatenlos zuschauen, was auf der Welt passiert. War diese Jugend-Bewegung für Sie überraschend?

Nikolas Karanikolas: Nein, ganz und gar nicht. Das Potenzial, das junge Menschen haben, ist riesig. Doch sich zu engagieren, wird häufig in Deutschland sehr schwer gemacht. Auch weil die Jugend selten für voll genommen wird. Zum einen wird uns eingeredet, dass wir klein sind und nichts bewegen können. Und zwar so lange bis wir es glauben. Doch wenn wir etwas machen, dann wird versucht, uns daraus ein Strick zu drehen. Ein unschöner und respektloser Umgang mit Aktivismus, wie ich finde.

BT: Woher nehmen Sie die Energie, sich immer wieder und auf so vielfältige Weise für das Wohl anderer einzusetzen?

Karanikolas: Zunächst muss man dafür in gewisserer Weise leben und dafür auch leben wollen. Wenn man merkt, dass die Arbeit etwas bewirkt, dann motiviert das dazu, noch mehr zu leisten. Außerdem habe ich für mich herausgefunden, dass meine Arbeit mich aufrichtig glücklich macht. Motivation bekomme ich auch dadurch, dass andere Hilfsorganisationen häufig über die Köpfe von Jugendlichen hinweg sprechen, was ich nicht für gut halte. Kein Mensch kann besser die Erlebniswelt eines Jugendlichen erfassen als ein Jugendlicher selbst. Darum müssen junge Menschen in diese Arbeitsprozesse eingebunden werden. Außerdem sind von Jugendlichen geleitete Hilfsorganisationen häufig flexibler und besitzen keine festgefahrenen Strukturen. Man kann sich voll auf die Arbeit konzentrieren.

BT: In den sozialen Medien wird momentan unter dem Hashtag "nowhitesaviours" (deutsch: "Keine weißen Retter") Kritik von Aktivisten an weißen Entwicklungshelfern laut. Was erwidern Sie Kritikern, die meinen, dass nicht ein weißer, gut ausgebildeter Mann Frauen in Afrika erzählen sollte, wie man verhütet?

Karanikolas: Grundsätzlich hätte ich es besser gefunden, wenn der Hashtag vielleicht "nowesternsaviours" (deutsch: "Keine westlichen Retter") gelautet hätte. So wird die Hautfarbe zum Thema gemacht, was in meinen Augen nicht nötig ist. Zum anderen ist die Kritik aber auch berechtigt. Es darf kein Freiwilligendiensttourismus entstehen und wir müssen geschlossen gegen postkoloniale Strukturen stehen. Doch ein kategorisches Nein zu Entwicklungszusammenarbeit lehne ich genauso vehement ab. Es geht darum, dass wir zusammenzuarbeiten und nicht meinen müssen, zu helfen. Wir müssen gute Konzepte fördern und Organisationen, die Freiwilligendienste anbieten mehr in die Verantwortung nehmen, dass Freiwillige besser auf ihre Arbeit vor Ort vorbereitet werden. International und gemeinsam müssen wir uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen, denn diese gehen uns alle etwas an.

BT: Als UN-Jugenddelegierter können Sie diesen weltweiten Herausforderungen aus Sicht der Jugend eine Stimme geben. Welche Erfahrungen haben Sie bisher sammeln können?

Karanikolas: Während einer Tagung des deutsch-griechischen Jugendwerks in Leipzig fand etwas für mich sehr beeindruckendes statt: Deutsche und griechische Jugendliche teilten uns die gleichen Sorgen, Wünsche und Forderungen mit. Wie ich finde, ein starkes Zeichen dafür, dass wir über Grenzen hinweg alle lediglich junge Menschen mit den gleichen Träumen für diese Welt sind. Schockierend schwer hingegen finde ich es, Kontakt zu gewissen Jugendlichen aufzubauen. Wir haben versucht, diverse Hauptschulen als Juggenddelegierte zu besuchen, und haben bis jetzt von keiner Schule eine Antwort, während einige Termine mit Gymnasien stehen. Erwachsene entscheiden hier, dass diese Jugendlichen nicht ihre Meinung sagen dürfen - was unglaublich traurig ist.

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind.

Foto: Niklas Benninghof

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