Vier Fragen an: Cornelia Gali und Joachim Kiefer-Neuberth
Vier Fragen an: Cornelia Gali und Joachim Kiefer-Neuberth
Rastatt (kie) - Cornelia Gali und Joachim Kiefer-Neuberth sind hochsensibel. Und damit sind sie nicht allein. Hochsensible Personen nehmen Stimmungen stärker wahr und sind schneller von vielen Sinneseindrücken überfordert. Gleichzeitig nennen sie spezielle Begabungen ihr Eigen. In Rastatt besteht seit rund einem halben Jahr eine Selbsthilfegruppe für Hochsensible. BT-Volontärin Franziska Kiedaisch sprach mit den beiden Mitgliedern Gali und Kiefer-Neuberth.

BT: Frau Gali, Herr Kiefer-Neuberth, was bedeutet Hochsensibilität?

Cornelia Gali: Man fühlt sich anders, als die anderen, weiß aber erst einmal nicht warum. Hochsensible haben eine niedrige sensorische Reizschwelle. Alle Sinne arbeiten auf Hochtouren. Ein Filtern oder Ausblenden ist nicht möglich. Sie sind sehr empathisch, nehmen Stimmungen schnell wahr und können auch komplexe Zusammenhänge schnell erfassen. Die meisten sind perfektionistisch. Das kann überfordern - und tut es in den meisten Fällen auch. Es kann zum Rückzug aus der Gesellschaft, Arbeitslosigkeit, Depression oder auch Alkoholismus führen. Daher ist uns Aufklärung ein Anliegen. Wer seine Hochsensibilität kennt, kann Wege finden, sie als Vorteil, als Begabung zu verstehen. Denn Hochsensibilität ist ein Geschenk, das viel Gutes mit sich bringt, wenn man es annehmen kann.

Joachim Kiefer-Neuberth: In meinem Fall bedeutet Hochsensibilität, dass alle Sinne um ein Vielfaches feiner und schärfer ausgeprägt sind. Geräusche und Gerüche können berauschend oder als extrem störend empfunden werden. Lange Gespräche, Menschenmengen, Supermärkte führen schnell zu einer Reizüberflutung. Außerdem spüre ich Stimmungen und Gefühlsschwankungen meiner Mitmenschen oft sehr genau. Hinzu kommt spannendes, kreatives, geistreiches Hoch-, Weit- und Querdenken, welches bei unterdrückter Hochsensibiliät zumeist leider in endlosem, krankhaftem Gedankenkreisen und schließlich in Depressionen endet.

BT: Wie groß ist der Bedarf an einer Selbsthilfegruppe in der Region?

Gali: Das Interesse ist groß; so groß, dass wir im Moment an die Neugründung einer zweiten Gruppe in Rastatt denken. Schön wäre auch eine Gruppe in Baden-Baden und eine in Bühl, um das Angebot abzurunden. Hochsensibilität ist keine Krankheit; es gibt keine Diagnose, keine Anlaufstelle für Fragen, keine Therapie. Der Austausch untereinander und das Erkennen, dass man nicht alleine ist, ist deshalb besonders wertvoll.

Kiefer-Neuberth: Je bekannter das Thema wird, je offener der Umgang damit ist, desto mehr hochsensible Menschen werden ihre Begabung erkennen und Hilfe oder Gemeinschaft innerhalb einer Gruppe von "Gleichgestimmten" suchen.

Memme, Mimose, Weichei: Die Vorurteile sind zahlreich

BT: Sie selbst sind hochsensibel. Mit welchen Vorurteilen hatten und haben Sie zu kämpfen?

Gali: Besonders als Jugendliche habe ich darunter sehr gelitten. Ich hatte kein Selbstwertgefühl und war schüchtern. Meine Versuche, so zu sein wie die anderen, waren anstrengend und ermüdend. Mein HNO-Arzt hat dann als erster nachgewiesen, dass ich ein außergewöhnliches Gehör habe und mich dafür bemitleidet. Einige Jahre später hat mein Mann in einer Zeitschrift einen Bericht zum Thema entdeckt und im vergangenen Sommer hat dann ein Buch zur vollständigen Aufklärung beigetragen. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mich selbst so anzunehmen wie ich bin und mich darüber zu freuen. Ich hoffe, dass ich anderen, die mehr leiden, Mut machen und damit helfen kann.

Kiefer-Neuberth: Dass ich irgendwie anders, komplizierter, sensibler bin, das weiß ich schon, seit ich bewusst denken kann. Die Vorurteile als hochsensibler Mann sind zahlreich. Memme, Mimose, Weichei, Jammerlappen - gerade als Kind, im Wettbewerb mit gleichaltrigen Jungen, habe ich mich mit meiner Hochsensibilität sehr ausgegrenzt und unterlegen gefühlt. Meine künstlerischen Begabungen und zarten Sinneswahrnehmungen waren immer irgendwie unpassend und unmännlich. In der Welt der Erwachsenen wurde es zwar nicht besser, inzwischen konnte ich mich aber besser anpassen. Kam diese dann doch durch, so erfuhr ich nur Ablehnung und Abwertung. Das Versinken in Depressionen war vorprogrammiert. Die tatsächliche Erkenntnis kam für mich erst im November - mit 45 Jahren. Eine Bekannte lieh mir ein Buch über Hochsensibilität aus. Niemals zuvor berührte und erschütterte mich ein Buch so tief: Dass da eine fremde Therapeutin seitenweise detailliert mich und meine Macken beschreibt - und das dann auch noch Begabung nennt - war unglaublich erkenntnisreich.

Hochsensibilität ist keine Modeerscheinung

BT: Inwiefern ist Hochsensibilität ein Thema unserer Zeit?

Gali: Hochsensibilität ist keine Modeerscheinung und gab es zu allen Zeiten. Berater von Königen, Späher oder Schamanen sind typische Hochsensible aus der Vergangenheit. Durch ihre wachen Sinne und ihre Fähigkeit, schnell einen vorausschauenden Überblick zu haben, konnten sie diese Positionen perfekt ausfüllen. Aber auch heute noch können Hochsensible wertvolle Beiträge in der Gesellschaft leisten, auch wenn sich die Bedürfnisse der Zeit sehr gewandelt haben. Sie haben ein besonderes Gespür und es wäre schön, wenn dies jeder dafür einsetzen könnte, unser elektronisches Zeitalter wieder menschlicher und natürlicher zu machen. Trends wie Achtsamkeit, Meditation, Kräuterwanderungen oder Waldbaden kommen den Bedürfnissen von Hochsensiblen sehr entgegen und zeigen, dass es ein Aufwachen gibt.

Kiefer-Neuberth: Zu Zeiten, als Instinkte und Emotionen noch über dem technologischen Fortschritt standen, waren die Hochsensiblen die Beschützer und Berater zum Wohle aller. In der heutigen Zeit jedoch ist es nicht leicht, ein Hochsensibler zu sein. Vorgesetzte verlassen sich lieber auf errechnete Fakten als auf die Intuition eines Beraters. Immer und jederzeit erreichbar, Bildschirmflackern, wohin das Auge blickt, Werbetafeln, Blinklichter, permanenter Lärmpegel, Luftverschmutzung, Elektrosmog. Der Hochsensible nimmt vieles davon ungefiltert auf und leidet schnell an Konzentrationsstörungen und Müdigkeit - bis hin zu permanenter Erschöpfung und Depressionen. Es ist gut und wichtig, dass wir wieder aufmerksam werden auf die Menschen mit den feinen Sinneswahrnehmungen. Ich wünsche mir, dass Hochsensibilität bekannt, anerkannt und frühzeitig erkannt wird in Bildungs- und Gesundheitssystemen und dass sich hochsensible Kinder frei und selbstbewusst entfalten können.

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind.

Foto: Anja Groß/Archiv

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