BT-Tagebuch: Minister aus dem Heizungskeller
BT-Tagebuch: Minister aus dem Heizungskeller
Von Werner Kolhoff

Berlin - "Ist ja ganz schön was los bei Ihnen". Ich spreche den DDR-Grenzer am Übergang zur CSSR in Zinnwald ungeniert auf die Trabi-Schlange hinter uns an. "Ja, das rollt den ganzen Tag", sagt er. "Jeder, der einen Ausweis hat, kann durch".

Mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper fahre ich an diesem Sonntag nach Prag. Eine große Berliner SPD-Gruppe besucht dort die Gedenkstätten in Theresienstadt und Lidice, und wir wollen zu ihr stoßen. Aber wichtiger sind vorher unsere geplanten Gespräche mit der tschechischen Führung und mit den Oppositionellen. In der CSSR hat die KP das Ruder scheinbar noch fest in der Hand. Demonstrationen hat sie bisher brutal unterdrückt. Der Prager Bezirks-Parteichef Miroslaw Stepan gilt als der neue starke Mann, und so gibt er sich in seinem Büro auch. Alles im Griff, kein Grund, um etwas zu verändern, so ist gegenüber uns seine Darstellung der Lage. Perestroika und Glasnost, das habe man doch schon längst. Drei Wochen später wird er im Gefängnis sitzen.

Oppositionelle machen großen Eindruck

Dafür wird Jiri Dienstbier drei Wochen später Außenminister sein. Jetzt hat er einen abgetragenen Anzug an und Schwielen an den Händen. Seit dem Prager Frühling 1968 darf er nicht mehr als Journalist arbeiten. In dem Wohnblock, in dem er lebt, bedient er die Kohle-Heizung. Er, wie auch die anderen Oppositionellen von der "Charta 77", die wir in der Residenz des deutschen Botschafters treffen, machen auf mich einen großen Eindruck. Sie wirken zielstrebiger als ihre Freunde in der DDR.

Einige von ihnen haben 1968 während des Prager Frühlings schon Regierungserfahrung gehabt. Die Bürgerbewegung in der DDR tut sich mit der Machtfrage schwer. Sie will das System nicht beseitigen, sondern es reformieren. Die tschechischen Bürgerbewegten hingegen wollen freie Wahlen, komplette Pressefreiheit und demokratische Parteien, sagen sie uns. Klare Ziele. Nur warten sie noch auf den richtigen Zeitpunkt.

In der deutschen Botschaft sieht es wüst aus

Am Abend fahren wir in die deutsche Botschaft. Noch vorgestern haben hier 5.000 Menschen gelagert. Es sieht wüst aus und riecht entsprechend. Der Rasen ist eine einzige Matschlandschaft. Die Räume des Palais Lobkowitz sind bis unter die Decke mit Feldbetten vollgestellt. Wie hastig die Flüchtlinge in der Nacht zu Samstag aufgebrochen sind, sieht man daran, dass überall noch Spielsachen, Kleider und Bücher herumliegen.

Wir stellen uns auf den Balkon, von dem aus Hans-Dietrich Genscher am 30. September den Botschaftsbesetzern der ersten Welle unter unbeschreiblichem Jubel zugerufen hat, dass sie ausreisen können. Jetzt ist daraus eine regelrechte Ausreise-Karawane geworden, die sich unablässig Richtung Bayern bewegt. Morgen, so erfahren wir aus den Nachrichtenagenturen, will die DDR-Regierung ein neues Reisegesetz veröffentlichen. Wir sind überzeugt, dass es kaum hinter dem jetzt erreichten Zustand wird zurückfallen können: Freie Ausreise, aber nicht mehr über Tschechien, sondern direkt. Auch nach West-Berlin, auch durch die Mauer.

Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff (Foto: Mathias Krohn/krohnfoto) war zur Zeit des Mauerfalls Sprecher des Senats von Berlin und Vertrauter des damaligen Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD). Er schildert in dieser Serie bis 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse rund um den 9. November 1989.

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