Vier Fragen an: Arnulf Salmen
Vier Fragen an: Arnulf Salmen
Bonn - Die Situation in den Klöstern spitzt sich zu. Der Altersdurchschnitt ist sehr hoch. Und er wird immer höher. Wieso tritt kein Nachwuchs mehr ein? Weshalb denkt die nächste Generation nicht mehr über ein Leben in einer geistlichen Gemeinschaft nach? Über diese Fragestellungen unterhält sich BT-Volontärin Sarah Gallenberger mit Arnulf Salmen, Pressesprecher der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK).

BT: Herr Salmen, welche Gründe hat es Ihrer Meinung nach, dass immer weniger Nachwuchs an einem Leben im Kloster interessiert ist?

Arnulf Salmen: Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen. Zum einen, und das spielt wohl eine sehr große Rolle, ist das Gesellschaftsbild der Vergangenheit ein ganz anderes als heute. Die Menschen waren damals in sehr viel stärkeren Strukturen verankert - der Mann ging arbeiten, die Frau bekam Kinder und blieb zuhause, um sich um die Familie zu kümmern. Der Weg in eine Ordensgemeinschaft bedeutete somit auch der Weg in eine andere Struktur. Zum anderen bestand damals durch den Eintritt die Möglichkeit, in Berufsbilder wie das der Lehrerin oder der Krankenschwester einzusteigen. Heute muss man nicht mehr in einen Orden eintreten, um solche Berufe erlernen zu können. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch die niedrigere Bereitschaft zu einer lebenslangen Bindung. Heute wird häufig in Projekten gedacht, in Lebensabschnitten, da fühlen sich viele Menschen bei so einer endgültigen Entscheidung nicht wohl. Zudem nehmen die religiösen Kontexte ab, die Selbstverständlichkeit eines religiösen Lebenswegs ist heute weniger gegeben. Und wenn man das Ganze aus einer anderen Sicht betrachtet: Die Kinderzahlen in Familien haben deutlich abgenommen. Der Nachwuchs fehlt also von vorneherein. Alles in allem lässt sich trotzdem sagen, dass es bei der Betrachtung der Gesamtsituation durchaus Ordensgemeinschaften gibt, bei denen Nachwuchs vorhanden und dadurch der Altersdurchschnitt ausgewogen und nicht so hoch ist wie in anderen Ordensgemeinschaften.

BT: Gäbe es denn Hoffnung auf mehr Nachwuchs, wenn sich die Klöster pragmatischer geben und nicht mehr auf den strikten Glauben als solchen konzentrieren würden?

Salmen: Nein. Wie bereits erwähnt spielt bei der Thematik sicherlich eine Rolle, dass sich heute nur wenige an lebenslange Strukturen binden wollen. Es gibt durchaus Menschen, die an einem Leben im Kloster interessiert sind - nur nicht unbedingt für die Dauer ihres gesamten Lebens. Deshalb bieten viele Ordensgemeinschaften auch (mehrtägige) Besuche an. Speziell dafür wurde jetzt ein gesondertes Konzept erarbeitet. Sozusagen ein "Angebot auf Zeit". Es handelt sich um ein Freiwilliges Ordensjahr, das eine Mindestdauer von drei Monaten hat und bis zu zwölf Monate gehen darf. Dabei kann also ein Lebensabschnitt im Kloster verbracht werden, ohne sich direkt zu verpflichten. Das Anliegen dieses Angebots ist es nicht, neuen Nachwuchs zu finden. Sondern Menschen Zeit in einer Ordensgemeinschaft anzubieten, die sich nicht für ein ganzes Leben im Kloster entscheiden wollen oder können.

BT: Schwester Regina Pröls, ehemalige stellvertretende Vorsitzende des DOK, sagte einmal: "Ordensleute müssen rechtzeitig überlegen, wie es weitergeht mit ihren Gemeinschaften. Da muss man sich natürlich auch rechtzeitig die Frage stellen, was passieren soll, wenn ich alleine übrig bin und pflegebedürftig werde".

Salmen: Diese Fragen sind vollkommen verständlich und auch in Familien nichts Ungewöhnliches. Auch ein Paar, das 80 Jahre alt ist, wird sich solche Dinge fragen. Jeder muss sich irgendwann Gedanken über diese Weichenstellungen machen. Für Ordensgemeinschaften gibt es einige Angebote, die bei solchen Fragestellungen Unterstützung anbieten. Beispielsweise gibt es Häuser, die gezielt ganze Ordensgemeinschaften aufnehmen, die altern. Sozusagen Senioreneinrichtungen.

BT: Wird es auch zukünftig immer Klöster geben?

Salmen: Mit Sicherheit. Die Frage ist nur, in welchem Rahmen. Das Ordensleben hat bereits im Laufe der Geschichte immer wieder große Hürden überwältigt. 1803 sind nahezu sämtliche Klöster im heutigen Deutschland geschlossen worden, 30 Jahre später entstanden Ordensgemeinschaften - oft in veränderter Form - neu. Aber trotz Auf und Ab wird es immer Menschen geben, die in ihrem Leben eine Berufung zu einem Leben im Kloster sehen.

Vier Fragen an:

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags um 8 Uhr auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Foto: DOK

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