Vier Fragen an: Angelika Berger
Vier Fragen an: Angelika Berger
Baden-Baden (marv) - Die überwältigende Mehrheit der Caritas-Mitarbeiter sind Frauen. 82,1 Prozent laut dem aktuellen Genderbericht der Caritas. In Führungspositionen sieht das aber noch ganz anders aus. Dort steigt der Frauenanteil laut dem Bericht nur langsam. Einen Schritt in die richtige Richtung hat der Caritasverband Baden-Baden am 1. Oktober gemacht. Angelika Berger ist seitdem neue Geschäftsführerin des kurstädtischen Verbands. BT-Redakteur Marvin Lauser hat ihr vier Fragen zu ihren Zielen und Projekten, zur Thematik Gewalt gegen Frauen sowie Altersarmut gestellt.

BT: Frau Berger, was möchten Sie als Caritas-Geschäftsführerin hier in Baden-Baden erreichen?

Angelika Berger: Wenn wir uns bei der Caritas die Frage stellen: Wofür machen wir das? Lautet die Antwort: für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Für alte Menschen, die vereinsamen, Bedürftige, Kranke und Obdachlose. Wir schaffen Angebote, um diese Menschen zu stärken. Wir wollen zeigen: Wir sind für euch da, wir sorgen uns um euch. Dann erfolgt vielleicht ein Umdenken, die Menschen bekommen das Gefühl, es gibt noch andere, die sich um uns kümmern. Ziel ist eine Stärkung des Selbstwertgefühls dieser Menschen. Unser allergrößtes Ziel ist es, zum Beispiel mit der Obdachlosenhilfe in Oos, Menschen aus der Obdachlosigkeit zu führen. Das ist oft ein sehr langer Weg. Wenn es dann aber klappt, ist es das Schönste, das man erreichen kann.

BT: Welche Projekte haben Sie sich konkret vorgenommen?

Berger: Ich lerne die Menschen und die Arbeitsweise hier erst kennen. Erst mal muss ich jetzt gut ankommen, gut netzwerken und zuhören, vor allem den Fachbereichsleitern und Mitarbeitern. Anschließend gilt es, gemeinsam gute Dinge zu entwickeln. Das kann ich nicht einfach so alleine aus dem Boden stampfen.

Verschmelzung von katholischer Sozialstation und Caritasverband angedacht

Was wir in der nächsten Zeit angehen werden, ist die Verbesserung der EDV-Situation hier im Caritasverband, die für mich hohe Priorität hat. Außerdem steht eine Verschmelzung von katholischer Sozialstation und Caritasverband an. In welcher Form ist noch nicht sicher, darüber muss noch beraten werden.

Patenschaften für Obdachlose und Betreuung von Kindern psychisch kranker Eltern

Aktuell suchen wir im Rahmen des gemeinsamen NIS-Projekts mit der Stadt Ehrenamtliche, die Wohnungslose beispielsweise bei Arztbesuchen begleiten und sie dabei unterstützen, wieder geregelte Tagesabläufe zu etablieren.

Ab Mitte 2020 wollen wir mit dem Projekt "Kleine Helden" Kindern von psychisch erkrankten Eltern einen geschützten Ort zur Verfügung stellen und so etwas Entlastung anbieten.

Betriebliche Sozialberatung mögliches neues Geschäftsfeld

Denkbar ist auch eine Art Sozialberatung für größere oder kleinere Betriebe durch Sozialarbeiter und Sozialpädagogen mit einer Zusatzausbildung in der Soziotherapie. Das Know-how ist da. Wenn sich Betriebe finden, die diese Beratung wollen, können wir hier ein gutes Angebot machen. Man könnte ja klein anfangen, zum Beispiel einmal im Monat auf Honorarbasis. In Aachen, Mannheim und Rastatt gibt es das bereits. Wir werden mit dieser Idee auf die Firmen zugehen, vielleicht kommen ja auch Firmen mit diesem Anliegen auf uns zu. Ich finde, die betriebliche Sozialberatung ist ein sehr wichtiges Thema. Bei einer guten Zusammenarbeit zwischen der Caritas und den Firmen kann eine Win-win-Situation entstehen. Betriebe sind in Zeiten des Fachkräftemangels zunehmend interessiert daran. Eine erste Konzeption haben wir im vergangenen Jahr bereits gemeinsam mit dem Caritasverband Rastatt und dessen neuem Geschäftsführer Marco Stenger erarbeitet.

BT: In den vergangenen Wochen ist viel über Gewalt gegen Frauen berichtet worden. Es wurden besorgniserregende Statistiken über Femizide und andere Gewalttaten publik. Bietet die Caritas Baden-Baden eine spezielle Anlaufstelle für Frauen in Not an?

Berger: Diese Statistiken haben mich auch sehr berührt. Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle Schichten. Ich frage mich, wie wir es schaffen, betroffene Frauen zu stärken, sie dazu zu bringen, sich Hilfe zu suchen. Sie müssen erkennen, dass sich etwas ändern kann, wenn sie selbst aktiv werden. Aktuell bieten wir beim Caritasverband außer Beratung und Vermittlung noch kein spezielles Angebot bezüglich Gewalt gegen Frauen an. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass sich das in Zukunft ändert.

BT: Wie kommt es aus Ihrer Sicht dazu, dass alleinstehende Frauen oft in der Altersarmut landen?

Berger: Das hängt in erster Linie natürlich mit der Bezahlung zusammen. Oft verdienen Männer immer noch deutlich mehr als ihre weiblichen Pendants. Die Caritas ist da zum Glück ein Arbeitgeber, bei dem Männer und Frauen gleich viel verdienen. Das wünsche ich mir branchenübergreifend für ganz Deutschland.

Viele Probleme - zum Beispiel die Altersarmut - entstehen, weil Frauen in Teilzeit arbeiten und dann auch noch in schlecht bezahlten Jobs. Ich finde es entwürdigend, dass bei Frauen, die erwiesenermaßen mehr Pflegearbeit leisten - nach der Geburt des Kindes, bei der Erziehung und letztlich bei der Pflege von Angehörigen -, die Rente nicht dazu ausreicht, um ein würdiges und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Mietpreisexplosion und fehlende Wertschätzung sowie finanzielle Honorierung von Pflegetätigkeiten

Die explodierenden Mietpreise in vielen Städten betreffen oft vor allem kleine Wohnungen, was Armut noch mehr auf diese Menschen verlagert. Ich glaube, wenn wir dazu übergehen würden, dass Frauen das Gleiche verdienen und auch die vielfältigen Pflegeaufgaben und die Zeit, die dafür investiert wird, so honorieren würden, dass es sich in der Rente niederschlägt, dann gäbe es weniger Altersarmut unter Frauen. Für mich ist es wirklich beschämend, dass Frauen und Männer über 60 vielerorts Pfandflaschen sammeln müssen. Das ist eine Generation, die oft auch keine klassische Sozialhilfe beantragen würde. Da stellt sich mir dann die Frage, was läuft in diesem Land falsch?

Ein Artikel über Angelika Berger, ihre Ziele und Projekte, die ihr wichtig sind und die sie in den kommenden Monaten angehen möchte, ist in der Samstagsausgabe des Badischen Tagblatts und im E-Paper erschienen.

Foto: Lauser

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags um 8 Uhr auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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