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"Ich will mich vorstellen, nicht missionieren"
18.09.2017 - 10:11 Uhr
Von Thomas Trittmann

Gernsbach - Es ist Markttag in Gernsbach, und das Altstadtfest steht vor der Tür. Kein Wunder, dass an diesem sonnigen Freitagvormittag gleich fünf Parteien auf dem Salmenplatz ihre Wahlkampfstände aufgebaut haben. Es gibt Fähnchen und Luftballons, Kaffee und Äpfel. SPD und Grüne stehen auf der Ostseite, AfD, FDP und CDU auf der Westseite. Dazwischen flanieren die Umworbenen: die Wähler.


Manuel Hummel, der Grünen-Kandidat im hiesigen Wahlkreis, findet es wichtig, präsent zu sein. "Die Signalwirkung ist: Wir sind da." Ob es auf diese Weise gelingt, Menschen von den Grünen zu überzeugen, die der Partei nicht sowieso zuneigen, weiß er nicht so genau. Dennoch - Präsenz sei wichtig.

Deshalb hat er auch in den zurückliegenden Wochen an vielen mittelbadischen Haustüren geklingelt. "Ich will mich vorstellen, nicht missionieren. Ich bin der Hummel. Wenn die Leute dann etwas wissen möchten, gerne. Wenn nicht, bin ich wieder weg", sagt er. Die Reaktionen auf seine Hausbesuche seien zu 95 Prozent positiv. Hummels Hoffnung ist, Wähler zu mobilisieren, die nicht zur grünen Stammklientel gehören.

Ein Mann bleibt unterm Grünen-Sonnenschirm stehen. Warum soll ich Sie wählen, nicht die SPD, will er wissen. "Weil der Schulz ökologisch überhaupt nichts auf dem Kasten hat", lautet die knappe wie klare Replik. Die SPD habe zwar mit Barbara Hendricks eine ambitionierte Umweltministerin, doch werde diese regelmäßig ausgebremst. Den Mann scheint die Antwort zum Nachdenken anzuregen, und Hummel ist froh, endlich mal ein Gespräch über Inhalte geführt zu haben.

Denn das stört ihn in diesen Tagen: Dass zu wenig über die Inhalte diskutiert wird, die nach seiner Auffassung die wirklich wichtigen sind. "Die Sozialpolitik spielt keine Rolle", bedauert er. Niemand frage danach bei Veranstaltungen und Diskussionsrunden. "Und noch schlimmer ist es mit dem Klimawandel." Auch davon wolle kaum jemand etwas wissen. "Dabei ist das auch eine Frage der Generationengerechtigkeit", sagt er. "Wer heute jung ist, der hat ja noch 80 Jahre Klimawandel vor sich." Um das Schlimmste zu verhindern, müsse jetzt gehandelt werden, nicht irgendwann.

Umweltthemen scheinen allgemein nicht en vogue zu sein. Eine Ausnahme bilde da am ehesten noch die PFC-Problematik. Schnelle Lösungen gebe es nicht, weiß Hummel. Und: "Bei dem PFC-Thema gerät in Vergessenheit, was wir sonst noch so auf die Äcker kippen." Glyphosat im Maisanbau, nitratbelastetes Trinkwasser -Folgen einer verfehlten Agrarpolitik, sagt der Grüne. "Aus einer kranken Umwelt kommt kein gesundes Essen", zitiert er einen Plakatslogan seiner Partei.

Ein Ehepaar schaut vorbei, Schwarzwald-Urlauber aus der Pfalz. Die beiden machen Fotos vom Wahlkampfstand und freuen sich, dass hier Äpfel verschenkt werden.

Neben der Agrarwende brauche es auch eine Verkehrswende, erklärt der 51-Jährige. "Wir können nicht 45 Millionen Verbrenner gegen 45 Millionen E-Autos tauschen", sagt er. "Wir brauchen weniger Autos." Und mehr Fußgänger, Radfahrer, öffentlichen Verkehr. Ein ausdrückliches Lob bekommt Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir ab. "Er fährt in Sachen Dieselkrise einen ganz klaren Kurs gegenüber der Industrie." Im Gegensatz zur Regierung Kretschmann, die zu weich sei gegenüber den Konzernen.

"Vielen Leuten stinkt dieses ,Zuvorkommende' der Politik gegenüber Großkonzernen wie Daimler", hat Hummel beobachtet. Gegenüber Mittelständlern und einfachen Bürgern seien Politik und Ämter in der Regel deutlich weniger zuvorkommend.

Ein Mann raunt im Vorbeigehen: "Hoffentlich scheitert Ihr an der Fünf-Prozent-Hürde." Er will weitergehen, dann überlegt er es sich anders. "Drei Gründe, warum ich Euch wählen soll", will er hören. Klimaschutz, Mietpreisbremse, Agrarwende, sagt Hummel. Eine hitzige Debatte entspinnt sich. Der Mann ist Ex-Grünen-Wähler und jetzt frustriert. Warum gibt es kein Tempolimit auf Autobahnen, warum wird Stuttgart 21 gebaut, warum gibt es kein Einwanderungsgesetz, das dafür sorge, "dass Fachkräfte einwanderten, keine Vollpfosten"? Hummel versucht es mit dem Hinweis auf die politischen Mehrheitsverhältnisse in Bund und Land, was der Empörte nicht gelten lässt. Er habe seine Stimme per Briefwahl schon vergeben: an die AfD, und zwar, "weil wir uns den Islam ins Land holen." Das könne nicht gutgehen.

Hummel bleibt sachlich. Ja, Teile seiner Partei seien möglicherweise zu konziliant gegenüber dem Islam gewesen, gerade beim Thema Frauenrechte. Ja, wenn die Integration nicht klappe, dann gebe es in 20 Jahren ein massives Problem. Doch irgendwann ist Schluss mit Hummelschen Zugeständnissen. Als der Mann fordert: "Macht die Grenzen dicht", sagt er klipp und klar Nein. Jeder Einzelfall sei zu prüfen, und es gelte: "Wer flüchten muss und Hilfe braucht, dem wollen wir helfen."

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