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Der Versuch, sich von Merkel abzugrenzen
19.09.2017 - 10:11 Uhr
Von Dieter Klink

Karlsruhe - Der Himmel ist grau an diesem Samstagnachmittag. Doch die Stimmung auf dem Platz der Menschenrechte vor dem ZKM ist gut. Laut Polizei sind 2 500 Menschen gekommen, um Martin Schulz reden zu hören. Lange genug haben die Leute den lokalen Kandidaten und SPD-Landeschefin Leni Breymaier zugehört, Musik gab es auch noch zwischendurch, aber jetzt endlich ist Zeit für Schulz. Erst Freiburg, dann Karlsruhe, Schulz bedient die Baden-Schiene. Begrüßungsmelodie, die Leute stehen auf. Selfie hier, Unterschrift da, der Kandidat bahnt sich seinen Weg auf die Bühne. So soll das wirken, volksnah. Rote SPD-Fahnen wehen, dazu jede Menge rote Luftballons.

"Zeit für mehr Gerechtigkeit" steht auf dem Rednerpult, und das buchstabiert der SPD-Kanzlerkandidat jetzt durch. Die "Martin-Martin"-Rufe sind in Karlsruhe nicht so laut wie damals im Frühjahr, als er seiner Partei Mega-Umfragewerte bescherte. Doch Schulz erhebt weiter den Anspruch, Bundeskanzler zu werden. Das geben die Umfragen nicht her, egal in welcher Konstellation. Aber Schulz redet unverdrossen von einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung, die für mehr Gerechtigkeit sorgen würde. Löhne, von denen man leben kann, Renten, die sicher sind, gleicher Lohn für Männer und Frauen. "Der tarifgebundene unbefristete Arbeitsvertrag muss wieder das Normale werden in unserer Arbeitswelt", ruft er. "Das ist Gerechtigkeit." Ja, vielen Menschen in diesem Land gehe es gut. Aber Deutschland könne es besser.

Die Union habe sich in der Regierung bei so manchem sinnvollen Projekten gesperrt. Habe dafür gesorgt, dass es Ausnahmen beim Mindestlohn gebe. Dass Schindluder bei der Leiharbeit getrieben wird. "Das zu ändern, haben die blockiert." Dass die Mietpreisbremse nicht funktioniert, "man muss Mietwucher beenden. Die haben das abgelehnt." Dass Personal und Geld in Alten- und Pflegeheimen fehle. "Ein so reiches Land wie die Bundesrepublik muss die Würde im Alter zur zentralen Staatsaufgabe machen, das ist die Aufgabe eines Bundeskanzlers", ruft er tapfer. Die SPD werde zudem Schluss machen mit der Zwei-Klassen-Medizin. Er will das Land nicht schlecht reden, denn das wird ihm oft vorgehalten. Die SPD wolle aber mehr Gerechtigkeit. Die Zuhörer wissen, dass die SPD in Berlin mitregiert, daher ist die Argumentation nicht ganz so einfach. Und Schulz selbst war bei den Entscheidungen nicht dabei, sondern in Straßburg und Brüssel. Aber den Hauptschuldigen hat Schulz ausgemacht: die Union. Und vor allem die Kanzlerin.

In der TV-Debatte gelang ihm das noch nicht, in seiner Karlsruher Rede versucht er, sich scharf von der Kanzlerin abzugrenzen. Schulz hadert damit, dass sich die Kanzlerin der Debatte verweigere und wiederholt seine Aufforderung zu einem zweiten TV-Duell. "Ich bin dazu bereit, zu Wasser, zu Lande und zu Luft, zu jeder Zeit: Stellen Sie sich endlich der öffentlichen Diskussion", appelliert er an Angela Merkel. Denn man müsse über wichtige Zukunftsfragen sprechen: über Rente, Digitalisierung, Arbeit, Gesundheit. Merkel, gibt er die Situation etwas verkürzt wieder, wolle zwei Prozent des Bruttosozialprodukts in die Verteidigung stecken. Das bedeute massive Aufrüstung. Er verschweigt, dass die NATO-Staaten sich dieses Ziel gemeinsam gegeben haben. Er dagegen wolle das Geld lieber in Bildung, sozialen Wohnungsbau und gebührenfreie Kitas stecken.

"Einlullungspolitik tut Demokratie nicht gut"

Ein Glücksfall für ihn, dass Merkel das zweite TV-Duell ablehnt. Sie verweigere sich der Debatte, kann er nun behaupten. "Ich muss immer unser Programm und ihres mit erklären, damit man unterscheiden kann, denn sie sagt ja nix", meint er spöttisch. Sie plappere ihm nach und verkaufe das dann als ihre eigene Idee. "Diese Einlullungspolitik tut der Demokratie nicht gut. Nachplappern ist ein Schaden für die demokratische Kultur." Als einen Angriff auf die Demokratie bezeichnet er das nicht mehr - für diesen Spruch bekam er im Sommer heftige Schelte wegen Übertreibung. Das Dilemma im Wahlkampf des Martin Schulz: Kanzler werden, aber wie? Merkel angreifen, aber wie?

Schulz kokettiert mit seinem Ruf, ein Langweiler zu sein. Glatze, Bart, kein Abi. Er versprühe den Charme eines Eisenbahnschaffners und habe die Ausstrahlung eines Bankangestellten, zitiert er aus Beschreibungen seiner Person. Das Argument wendet er gegen die Kritiker; aus den Urteilen spreche Verachtung. "Was ist an einem Eisenbahnschaffner und an einem Bankangestellten schlecht", fragt er. Sie alle hätten Respekt verdient, denn berufliche Qualifizierung sei genauso viel wert wie akademische Bildung.

Großen Applaus erhält er für die scharfe Abgrenzung gegenüber der AfD. Er zitiert Sprüche von Alexander Gauland und Björn Höcke. Das sei die Sprache der Totengräber der Weimarer Republik. "Die AfD ist keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für unsere Nation." Im Europaparlament habe er mit den Hetzern genügend Erfahrungen gemacht. Der tägliche Tabubruch sei ihr System. Beim Thema Europa ist der frühere Präsident des EU-Parlaments ganz bei sich. Hier kommt seine Rede zur Ruhe. Eindringlich erzählt er von der unheilvollen Geschichte des Kontinents im 20. Jahrhundert und davon, wie nach 1945 mutige Männer in den Nachbarschaftsländern den Deutschen die Hand gereicht hätten. Es gelte, Europa vereint und stark in die Zukunft zu führen, denn allein für sich könne keine Nation mehr die großen Aufgaben lösen. "Für diese Idee muss ein deutscher Bundeskanzler brennen", meint er. Man merkt: Er brennt.

Schulz bittet am Ende seiner 50-minütigen Rede vor allem die Jüngeren, unbedingt wählen zu gehen, denn je höher die Wahlbeteiligung, desto schlechter seien die Chancen für die extremen Rechten. Man werde kämpfen bis zum 24. September um 18 Uhr. "Für unsere Überzeugungen und dass es in Deutschland gerechter zugeht. Dafür möchte ich Bundeskanzler werden. Helfen Sie mir dabei." Schulz winkt in die Menge, hält beide Daumen hoch. Der Himmel hält, die Leute applaudieren. Die Begeisterung aus der Zeit seiner Nominierung mag weg sein. Aber nicht ganz. Von hinten brüllt einer trotzig: "Martin, wir packen das."

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