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Zurück aus dem "Bildungsurlaub"
22.09.2017 - 10:02 Uhr
Von Dieter Klink

Karlsruhe - Einer der besten Redner, die die Republik derzeit zu bieten hat, hat gestern in Karlsruhe Station gemacht: Christian Lindner. Mehr als 1000 Leute, darunter auffallend viele junge, wollen an dem sonnigen Nachmittag auf dem Friedrichsplatz den Spitzenkandidaten der FDP erleben. Lässig legt er erst mal seinen Mantel zur Seite. Der Mann braucht nichts als ein Mikrofon, legt in freier Rede einfach los.


Knapp eine Stunde lang führt der Jungstar seine Zuhörer durch diverse Themen. Es ist ein kurzweiliger Nachmittag: Griffige Sprachbilder, kesse Sprüche, witzig im Stil, aber nie beleidigend, dazu eine Gestik, die das Gesagte untermauert - eine Rhetorik wie aus dem Lehrbuch. Doch was bietet der nette Herr Lindner inhaltlich an?

Er will die FDP wieder in den Bundestag und gerne auch in die nächste Regierung führen, nach dem "unfreiwilligen Bildungsurlaub", wie er die letzten vier Jahre nennt. Die große Koalition habe keines der Probleme gelöst. Und die bisherige Opposition aus Linken und Grünen sei ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Das sogenannte TV-Duell versieht er mit Spott und nennt es "therapeutisches Selbstgespräch der Regierung mit sich selbst". Digitalisierung und Bildung hätten Kanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz erst in ihren Schlussworten gestreift. Genau diese Themen aber seien für die Zukunft Deutschlands entscheidend. "Es kann nicht sein, dass das Digitalste in den Schulen die Pausen sind", meint Lindner und fordert, mehr Geld in Schulen, Kitas und Hochschulen zu stecken. Dazu müsse man den "Bildungsföderalismus" überwinden. "Der Staat darf Schulen in Botswana und Burundi sanieren, aber nicht in Karlsruhe und Köln", wettert er sanft, aber bestimmt.

Die Digitalisierung werde Millionen von Arbeitsplätzen kosten, aber auch Millionen neue schaffen. Wichtig sei, Berufstätige auf den Wandel vorzubereiten, durch ein zweites Bildungssystem für lebenslanges Lernen. Verkehrsminister Alexander Dobrindt habe den Glasfaserausbau verpennt. Lindners Vorschlag: Der Bund solle seine Post- und Telekom-Aktien verkaufen und die 20 Milliarden Erlös in den Ausbau des Glasfasernetzes stecken.

Die FDP wolle auch "normale Familien" entlasten. Die Stromsteuer gehöre abgeschafft, der Soli-Zuschlag soll 2019 auslaufen und zum Erwerb von Eigentumswohnungen solle es einen Freibetrag bei der Grunderwerbssteuer geben. Im Bereich Innere Sicherheit habe die große Koalition zwar viele Gesetze erlassen, das habe aber leider zu mehr Verunsicherung bei den Behörden geführt. Lindner plädiert dafür, die Kompetenzen der 16 Landeskriminalämter und -verfassungsschutzämter zentral zusammenzuführen.

Zudem brauche es ein modernes Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild. Man müsse unterscheiden zwischen denjenigen, die Asyl beantragen, denjenigen, die vorübergehend Schutz in Deutschland suchten und jenen, die einwandern dürfen, weil "wir sie auswählen". Wer in sechs Jahren kein Deutsch gelernt habe und auf Hartz IV angewiesen sei, müsse wieder in seine Heimat zurück, sagt er unter Bravo-Rufen. Andersherum gelte: Wer Deutsch ge- und einen Beruf erlernt habe, seinen eigenen Lebensunterhalt bestreite, rechtstreu sei und hier bleiben wolle, dem sage man: "Du bist bei uns willkommen, egal ob du im Koran, in der Bibel oder im Krimi liest."

Die FDP kämpft um Platz drei. Dann könne man mitregieren und die SPD sei im künftigen Bundestag Oppositionsführer. Und nicht die AfD. Diese sei nicht an Sacharbeit interessiert, das erlebe er gerade im NRW-Landtag. "Die provozieren nur am Rednerpult, sind aber die ersten am Buffet."

Man merkt es kaum, schon ist eine Stunde vorbei. Wie unterhaltsam kann Politik doch sein! An zwei Stellen beruft er sich auf den noch neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Lindner steht lässig da und zelebriert Wort für Wort: "Sie wissen schon, Macron, dieser eloquente gutaussehende 39-jährige Mann." Kunstpause. Die Leute lachen. Wie geplant. "Warum lachen Sie da?", fragt der FDP-Chef kokett. "Ich bin 38."

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