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Einfach mal einen Gang runterschalten
23.11.2012 - 10:17 Uhr
Von Holger Siebnich

und Thomas Trittmann

Wer die Donau nur als blau besingt, der tut ihr Unrecht. In Wirklichkeit ist sie wie ein Chamäleon. Bei Passau fließt das Wasser in einem hellen Grün dahin, die 180-Grad-Drehung der Schlögener Schlinge vollführt es in braunen Wellen, und wer dem Fluss weiter bis Wien folgt, der kann beobachten, wie die Fluten zuerst ergrauen, bevor sie schließlich doch noch in einem kräftigen Blau erstrahlen. Wer auf dem Donauradweg unterwegs ist, der kann Zeuge aller Schattierungen dieser Metamorphose werden. Denn im Gegensatz zu anderen großen Flussradwegen führt der Klassiker tatsächlich fast immer am Ufer des Stroms entlang.

Einfach mal einen Gang runterschalten. Das wollen viele, die sich für eine Radwanderung entscheiden. Das mag angesichts der sportlichen Herausforderung paradox klingen. Doch entlang der Donau können es Zweiradtouristen sogar langsam angehen lassen, wenn sie sich die Etappenziele ehrgeizig gesteckt haben. Das Profil der Tour ist so einsteigerfreundlich, dass die rund 340 Kilometer von Passau bis in die österreichische Hauptstadt fast wie von selbst vorbeiziehen. Ein wenig Training vorausgesetzt, ist die Strecke in drei Tagen zu schaffen. Wer möchte, kann sich natürlich mehr Zeit lassen, um die Verwandlung der Donau zu genießen.

Der Zauber nimmt in Passau seinen Anfang. Dort sterben Ilz und Inn jeden Augenblick aufs Neue, weil sie sich mit der Donau vereinen, die fortan als einzige der drei weiterfließt. Aber die Geister der beiden anderen Flüsse hinterlassen ihre Spuren. Der Inn trägt grünes Wasser aus den Alpen, seine Schwester Ilz stammt aus einem Moorgebiet und ist fast schwarz. Gemeinsam färbt das Paar die bis dahin blaue Donau ein, vor allem das satte Alpen-Grün setzt sich durch.

Vom Radweg aus lässt sich dieses Spektakel wie in einer Loge verfolgen. Schon kurz hinter den Stadttoren von Passau findet er seinen angestammten Platz am Ufer und gewährt einen Premiumblick auf die Verschmelzung der drei Flüsse.

Die Route führt weiter auf der nördlichen Flussseite durch das Naturschutzgebiet Donauleiten. Der Herbst hat die Bäume an den Berghängen schon mit gelben und braunen Klecksen betupft. Da der Weg eben oder sogar leicht bergab und immer nur geradeaus führt, können die Radfahrer die Blicke schweifen lassen, um das Farbenspiel zu Lande und zu Wasser zu genießen.

Spektakulär ist zum Beispiel die Schlögener Schlinge. Hohe Felsen aus Granit stellen sich dort der Donau in den Weg und zwingen sie zu einer 180-Grad-Wende. Auch Pedaleure müssen vor dem Massiv kapitulieren und die Seite wechseln. Eine kleines Fährschiff geleitet sie sicher über den Fluss. Solche Boote finden sich immer wieder entlang der Strecke. Sie sind Teil einer hervorragenden Infrastruktur, mit der sich Kommunen und Privatunternehmer auf den Radweg eingestellt haben. Touristen sind überall willkommen. Wer eine Pause einlegen möchte, der findet in kurzen Abständen Biergärten, Restaurants und Kneipen, die um die Kundschaft auf zwei Rädern buhlen.

Die Auswahl an Schlafstätten ist ebenso groß: Vom Campingplatz über Pensionen, Weingüter bis hin zu Kongresshotels ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wer abends seine Ruhe haben möchte, stoppt in einem der vielen malerischen Dörfer. Wer als Abwechslung zu den Natur-Impressionen am Tag ein wenig Trubel mag, der übernachtet zum Beispiel in der oberösterreichische Landeshauptstadt Linz - dem ersten Etappenziel, wenn man die Strecke bis Wien in drei Tagen meistern möchte. Wer morgens in Passau gestartet ist, hat bis dorthin dank des komfortablen Streckenprofils fast schon spielerisch 115 Kilometer hinter sich gebracht.

Die Welt besteht aus Wasser und Wiesen

Das Licht des nächsten Morgens offenbart, dass sich der Geist des Inns hinter Linz verflüchtigt hat. Die Farbe der Donau nähert sich wieder dem vielbesungenen Blau an. Erneut bietet sich den Radfahrern ausreichend Gelegenheit, den Blick über das Wasser schweifen zu lassen. Über viele Kilometer hinweg führt der Weg direkt am Ufer entlang, wie immer abseits der vielbefahrenen Straßen. Die Reifen der Räder summen monoton auf dem Asphalt. Für Stunden besteht die Welt nur aus Wasser, Bäumen, Wiesen und Rapsfeldern. Der Anblick ist zwar nicht spektakulär, dafür aber fast schon meditativ. Und es lohnt sich, ab und an den Kopf zu heben und auf die Hänge der allgegenwärtigen Hügel zu schauen. Dort präsentieren sich zahlreich Klöster, Burgen und Schlösser, die stolz über der Landschaft thronen.

Kurz vor der Grenze zu Niederösterreich lädt das Barockstädtchen Grein mit seinem sehenswerten Zentrum und dem Schloss Greinburg zu einer Rast ein. Wer dort im Café Platz nimmt, der sieht wie in allen Orten am Wegesrand zahlreiche Gleichgesinnte, die im Trikot und mit Radschuhen bekleidet über das Kopfsteinpflaster tippeln. Viele haben pralle Taschen an den Gepäckträgern ihrer Drahtesel hängen. Andere haben nur das Nötigste dabei, weil Reiseanbieter wie zum Beispiel das österreichische Unternehmen Eurobike den Koffertransport von Station zu Station übernehmen. So wartet nach der 100 Kilometer langen zweiten Tagesetappe schließlich in der Stadt Melk mit ihrem beeindruckenden Stift bereits die Reisetasche.

Von dort aus verwöhnt das Finale nach Wien mit dem schönsten Abschnitt der gesamten Tour. Zwischen Melk und der Stadt Krems erstreckt sich auf einer Länge von 30 Kilometern die Kulturlandschaft der Wachau, die zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Das Klima dort ist ideal, um die Wiesen und steilen Hänge entlang der Donau in einen Garten Eden zu verwandeln. Warme Sonnentage und vergleichsweise kühle Nächte sorgen für optimale Bedingungen, damit an Obstbäumen und Weinreben schwere, süße Früchte reifen. Das Farbenspiel der Donau rückt in den Hintergrund und macht Platz für den Tanz der Jahreszeiten. Jede einzelne drückt diesem Paradies ihren charakteristischen Stempel auf - vom Blütenmeer im Frühling bis zum Fall des goldenen Herbstlaubs. Der Radweg verlässt hier mehrmals den Fluss und schlängelt sich leicht ins Hinterland, wo die Strecke durch Dörfer führt, die sich bis heute ihre mittelalterlichen Wurzeln erhalten haben. An jeder Ecke locken sogenannte Heurige, die Weine der Region zu verkosten. In zahlreichen Destillen brennen die Landwirte außerdem Hochprozentiges aus Obst.

Der Kontrast am Ende dieses Idylls könnte mit Krems nicht größer sein. Kilometerlang müssen sich die Radfahrer dort durch den Verkehr der Universitätsstadt quälen. Umso intensiver ist die Wiedersehensfreude, wenn die Route hinter Krems wieder direkt an der Donau entlangführt, die beim Schlussspurt bis Wien ein treuer Begleiter bleibt. Pastellblau wie ein blasser Herbsthimmel fließt sie in ihrem Bett dahin, auf stattliche Breite angewachsen. Binnenschiffe kriechen auf ihr entlang, die oft langsamer unterwegs sind als die Radfahrer am Ufer. Die Stadt Tulln lädt mit ihrem Hauptplatz zu einem finalen Zwischenstopp ein, bevor die Glocke zur Schlussrunde läutet. Die letzten Kilometer führen über die Donauinsel nach Wien. Die Silhouette der Stadt ist schon von weitem zu erkennen und bringt zum Abschluss der 125 Kilometer langen Tagesetappe einen ordentlichen Motivationsschub. An einer Brücke ist schließlich der Abschied von der Donau gekommen. Der Prater, die Altstadt, der Stephansdom oder das sogenannte Bermudadreieck rund um die Ruprechtskirche warten auf die Reisenden. Der Fluss setzt dagegen seinen Weg fort. Seine Verwandlung aber ist vollendet. Wien liegt an der schönen blauen Donau.

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