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Pappmaché und falsche Promis im kleinen Versailles des Nordens
23.11.2012 - 10:17 Uhr
Von Irene Schröder

Mecklenburg-Vorpommern hat doch viel mehr zu bieten als Küste und Seen, nämlich viel Kultur!" Peter A. Krohn muss es wissen: Der Historiker residiert im "kleinen Versailles des Nordens", das im Augenblick allerdings einer großen Baustelle ähnelt. Schloss Ludwigslust im Zentrum einer der wenigen komplett erhaltenen barocken Städteanlagen Norddeutschlands zählt zu den Sehenswürdigkeiten, die sich kein Tourist mit Gespür für Geschichte entgehen lassen sollte - zumindest nicht ab 2016, wenn die Bauarbeiter das ehemalige Jagdschloss verlassen haben werden. Doch auch die jetzige Phase hat durchaus ihren Reiz - erleben die Besucher doch eine Art von "work in progress" mit. So gewähren "Gucklöcher" Einblick in die Sanierungsarbeiten des pompösen "Goldenen Saals ", eine der Hauptattraktionen des Schlosses.

In "Ludwigslust", das seine Fertigstellung dem gar nicht lustbetonten, sondern sehr frommen und auch noch sparsamen Herzog Friedrich verdankt, prallen die unterschiedlichsten Zeitgeister aufeinander: Der riesige Paradeplatz vor dem Schloss zeugt von der ursprünglichen Planung einer großzügigeren Anlage, und bei der Innenausstattung wurde kräftig gespart, obwohl der Eindruck fürstlichen Überflusses zunächst gewahrt war.

Doch zurück zum Ursprung: Der jagdbegeisterte Herzog Christian II. Ludwig von Mecklenburg-Schwerin (1683-1756) hatte sich zunächst ein eher schlichtes Jagddomizil in der Nähe des Dörfchens Klenow gebaut, dessen Pläne der spätere Hofbaumeister Friedrichs des Großen, Jean Legeay, gestaltet hatte. Da Klenow nicht gerade repräsentativ klang, verfügte der "allergnädigste Landesherr" anno 1754 die Umbenennung des Feriensitzes in "Ludwigs-Lust".

Als Friedrich der Fromme 1756 die Nachfolge antrat, war es mit der Lust erst mal vorbei: Der pflichtbewusste Naturwissenschaftler schätzte die Lage des Schlosses und seines Parks wegen der Ruhe - das Theater hatte er gleich nach Amtsantritt verboten, weil es zu laut und unsittlich war, Kartenspiel war ebenfalls untersagt, und die leicht bekleideten Schönheiten auf den barocken Gemälden wurden von seinem Hofmaler "anständig" bekleidet. Kein Wunder, dass seine Frau, eine lebenslustige Württembergerin, die das Theater liebte, sich lieber in ihrem eigenen Haus in Hamburg aufhielt. Umso mehr war Louise Friederike (1722-1791) an einer fürstlichen Ausstattung von Ludwigslust gelegen. Ihren Mann lockte die Möglichkeit einer eigenen Kunst- und Wunderkammer für seine Technikleidenschaft.

Da die Stararchitekten der Epoche entweder vergeben oder zu teuer waren, übertrug der sparsame Bauherr Johann Joachim Busch die Bauarbeiten - eine glückliche Wahl, denn der "Hofskulpteur" hatte sich doch einiges bei dem berühmten Legeay abgeguckt und schuf nun in Ludwigslust sein Lebenswerk. Wie viele Säle, Salons, Kabinette und Nebenräume sich ursprünglich hinter der barocken Fassade befanden, ist heute nicht mehr genau festzustellen. Fürstlichen Glanz entfaltete vor allem der Goldene Saal - auf den ersten Blick jedenfalls: Viele dekorative Elemente der Prachträume bestanden aus dem sogenannten Ludwigsburger Carton, aus Pappmache statt Marmor, Porzellan oder Holz! Täuschend echt und sehr viel billiger! Um dem Original-Versailles optisch noch näher zu kommen, wurden Spiegel eingesetzt, die die Räume optisch vergrößerten. Kurzsichtigen Gästen höfischer Feste konnte es passieren, dass sie prachtvoll ausstaffierten "Pappkameraden" ihre Reverenz erwiesen. Hofmaler Georg David Matthieu schuf die lebensgroßen, täuschend echten planen Holzfiguren in Lebensgröße in kostbarer Garderobe. Was heute wie ein Gag moderner Museumspädagogik anmutet, diente entweder als Staffage für Feste oder - praktisch - als Kaminschirm.

"Echt" und keineswegs von Pappe sind die umfangreichen fürstlichen Sammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Gemälde und Büsten der französischen Künstler Oudry und Houdon sowie der Hofmaler, Meissener Porzellan, Silber- und Kunstkammerobjekte, Elfenbeinarbeiten und eine origionelle "Souvenirsammlung": Antike Bauwerke wurden um 1800 maßstabgetreu aus Kork geschnitzt und diente bei Festessen als Tafelaufsatz und Ansatzpunkte geistvoller Konversation des gebildeten Adels.

Als der Hof im Jahre 1837 unter Großherzog Paul Friedrich in das Schweriner Schloss als Hauptresidenz zurückkehrte, verlor Ludwigslust an Bedeutung. Teile der Sammlungen wurden nach Schwerin gebracht, aber viele Gemälde, Möbel und kunsthandwerkliche Arbeiten blieben im Schloss, das nach wie vor von Mitgliedern des mecklenburgischen Fürstenhauses bewohnt wurde. Auch nach der Abdankung 1918 lebte Großherzog Friedrich Franz IV. mit seiner Familie bis kurz vor Kriegsende 1945 im Schloss. Angesichts der sich nähernden Front flüchtete die Familie nach Glücksburg, wo Friedrich Franz IV. starb. Sein Sohn wollte nach Kriegsende im Schloss nach dem Rechten sehen und geriet in russische Gefangenschaft, aus der er erst 1953 entlassen wurde. Das Schloss diente als Militärquartier, was ihm schlecht bekam, als Landratsamt zu DDR-Zeiten und seit 1986 auch als Museum.

30 Jahre später - also 2016 - soll sich nach Abschluss der Renovierungsarbeiten die opulente Kunstsammlung auf mehreren hundert Quadratmetern entfalten, während im Goldenen Saal außer den Schlosskonzerten auch andere Events stattfinden sollen. Als Konzertund Festkulisse dient das Schloss bereits seit Jahren: In dem berühmten Barockgarten traten Stars wie Peter Maffay Elton John und Udo Jürgens vor über 10000 Zuschauern auf. Übrigens waren die nach Plänen des berühmten Gartenbauarchitekten Linné gestalteten Anlagen von jeher auch für die Bürger des Städtchens geöffnet. 11000 sind es bis heute, dazu kommen jährlich rund 60000 Schlossbesucher, ab 2016 wird mit bis zu 80000 Gästen gerechnet.

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