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Touristenmagnet ohne Bahnhof stimmt heiter
23.11.2012 - 10:18 Uhr
In Konstanz ist der Bodensee,

in Meersburg wächst der Wein,

in Stetten liegt im Sommer Schnee,

in Meßkirch schläft man ein.

(Eine Strophe des Badnerlieds; insgesamt existieren mehr als 750 Strophen)

Von Irene Schröder

Wein gibt es in und um Meersburg allerdings reichlich, und so führt der historische Stadtrundgang natürlich ebenso zu dem Domkapitelschen Torkel wie zum Palais des Winzervereins und dem Weinbaumuseum. Vorher sollte man sich unbedingt mit einem eleganten Müller-Thurgau oder einem aromatischen Grauburgunder stärken, dann im beeindruckenden Gewölbekeller des Staatsweinguts einen Secco probieren und hinterher bei einem vollmundigen Spätburgunder in einem der vielen gemütlichen Lokale die müden Füße ausruhen und die Geschichte der "weinfrohen Burgenstadt Meersburg" - so ein Werbeslogan - Revue passieren lassen.

Die Geschichte wird - im Gegensatz zu vielen anderen Orten - nicht durch kriegerische Auseinandersetzungen und Zerstörungen, sondern vielmehr durch Lebensfreude geprägt. Diese heitere Stimmung hat sich das 5000 Einwohner zählende Städtchen bis heute erhalten - bei rund zwei Millionen Tagesgästen pro Jahr keine Selbstverständlichkeit.

Das erste Lächeln nach der Ankunft mit dem Schiff - Meersburg hat bis heute keinen Bahnhof - zaubert schon der Anblick der "Magischen Säule" auf die Gesichter. Das 15 Meter hohe Kunstwerk des Bodensee-Bildhauers Peter Lenk stellt seit April 2007 einige der bekanntesten Persönlichkeiten aus der Geschichte Meersburgs mit liebevoller Ironie vor. Hoch oben thront eine Möwe, Lenks Huldigung an Annette von Droste-Hülshoff, die von 1841 bis zu ihrem Tode im Jahr 1848 im Alten Schloss residierte. In dem Gedicht "Am Thurme" macht die Dichterin ihrem Frust über das Frauenleben im 19. Jahrhundert Luft. Sie sehnt sich danach, wie eine Möwe über die Wellen zu fliegen, und beklagt, wie ein "artiges Kind" an die Konventionen gefesselt zu sein.

Unter "der Droste" zeigt sich ihr Gastgeber und Schwager Freiherr Joseph von Laßberg, Retter der alten Meersburg und leidenschaftlicher Sammler mittelalterlicher Schriften. Der "letzte Ritter", der starke Ähnlichkeiten mit Don Quichotte aufweist, wird von einem Amor begleitet, dessen Liebespfeil wohl des Öfteren die Rüstung des "Nibelungenreuters", wie die Droste ihren Schwager ironisch bezeichnete, durchschlug.

Der ebenfalls in eine Rüstung gekleidete Amor hatte in Meersburg ohnehin viel zu tun: Schon Bischof Heinrich, der Meersburg 1299 die Stadtrechte verlieh, gab bei dem Kleriker Johann von Konstanz eine Liebeslehre in Auftrag: "Amor vincit omnia" - die Liebe besiegt alles.

Weniger um die Liebe als um Sex soll es dem Edelfräulein Wendelgard von der Haltnau gegangen sein. Die von dem Künstler nur mit einigen Reben bekleidete Edeldame aus dem 13. Jahrhundert war durch eine Riesennase und einen Höcker verunstaltet, hatte aber ein wunderschönes Weingut. Sie stellte die Meersburger und die Konstanzer Ratsherren vor die Wahl: Die Stadt, die täglich einen Ratsherrn zur Gesellschaft und zur sonntäglichen Kutschfahrt abordnete, sollte ihr Gut bewirtschaften und nach ihrem Tod erben. Die Konstanzer erfreuen sich des Weinguts noch heute ...

Der Exorzist Johann Joseph Gaßner (1729-1779) ist an der Säulenbasis zu finden - flankiert von den Teufelchen, die - begleitet von üblen Winden - dem Körper entweichen. Er heilte zur Freude der Meersburger einen lahmen Kaplan, was den Bischof gar nicht erfreute.

Eingesperrt in einen Planetenkäfig werden der Wiener Hofastronom Maximilian Hell, der Präses der Wiener Medizinischen Fakultät Anton von Stoerck und der Impfarzt Jan Ingenhaus dem staunenden Volk als "Intriganten" präsentiert. Über ihnen triumphiert der Heiler Franz Anton Mesmer, der von vielen Menschen heute als Begründer der modernen Hypnosetherapie gilt, von neidischen Kollegen jedoch bis zu seinem Tod anno 1815 in Meersburg bekämpft wurde.

Nach der Reverenz an diese berühmten Persönlichkeiten lässt sich beschwingt durch Meersburg bummeln. Auch für "Wiederholungstäter" gibt es seit diesem Frühjahr ein neues Ziel: Nach gründlicher Sanierung strahlen die Räume des Neuen Schlosses, Sitz kirchlicher Macht und weltlicher Pracht, in barock-klassizistischem Glanz. Erbaut wurde es von Fürstbischof Johann Franz Schenk von Staufenberg, der von 1704 bis 1740 regierte, seine Nachfolger veranlassten Veränderungen nach dem jeweiligen Zeitgeschmack. Stolz wird das Treppenhaus von Balthasar Neumann erwähnt - der Stararchitekt des Barocks fertigte allerdings nur eine Entwurfsskizze an.

Beschwingte Heiterkeit strahlen die heute als Museum genutzten Räume mit herrlichen Ausblicken auf den Bodensee aus. In dem eindrucksvol- len Spiegelsaal finden nicht nur hochkarätige Konzerte und internationale Tagungen statt - auch privat kann man hier oder in einem anderen der fünf Säle "glänzend" feiern. Zusammen mit der Schlosskirche, dem Marstall und dem Priesterseminar (auch für unangenehm aufgefallene Geistliche) bildet das Schloss ein eindrucksvolles Ensemble, das fast die einmalige Aussicht auf Bodensee und Berge in den Hintergrund drängt.

"Judenbuche" finanziert

das "Fürstenhäusle"

Neben dem "Neuen Schloss", das nach der Säkularisation auch einige Jahre im Besitz der Markgrafen von Baden war, gibt es natürlich auch das "Alte Schloss", die mittelalterliche Meersburg, mit den Räumen der Dichterin. Ihr begegnet man auch im "Fürstenhäusle" samt Weinberg, das sie von dem Honorar des Romans "Die Judenbuche" kaufte. Heute ist es ein kleines Museum.

Wo Wein angebaut wird, mangelt es meist nicht an Einkehrmöglichkeiten. Zwar gibt es auch in Meersburg die eher touristisch aufgemachten Futterstellen, aber auch Gastronomie mit viel Geschichte: In den Jahren 1631/32 entstand vor den Stadttoren das "Gasthaus zum wilden Mann", wo Spätheimkehrer nach Toresschluss ein Quartier fanden. Der "wilde Mann" und die dazugehörige "wilde Frau" verkörperten im 15. und 16. Jahrhundert wohl die "wilde Zeit" vor der Zivilisation. Heute geht es hier natürlich zivilisiert zu - ebenso wie in den ebenfalls noch betriebenen Hotels "Zum Bären" aus dem Jahre 1456 und dem etwa gleich alten Haus "Zum Löwen". Schade, dass sich die meisten Gäste nur ein paar Stunden Zeit in Meersburg gönnen ...

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