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Zauberberg trifft auf Farbenkraft
23.11.2012 - 10:18 Uhr
Von Volker-Bodo Zanger

Die Prominenten kommen und gehen, und das seit über 100 Jahren. Was Davos und Klosters, die Graubündener Nobelkurorte, für sie und all die anderen Gäste heraushebt und attraktiv macht, sind - im Sommer wie im Winter - die majestätische Bergwelt und das Höhenklima.

Vor genau 100 Jahren, im Frühling 1912, kam der deutsche Dichter Thomas Mann erstmals nach Davos. Er besuchte seine Frau Katia, die im luxuriösen Waldsanatorium mit einer Sonnen- und Liegekur eine Tuberkuloseinfektion bekämpfte. In dem kosmopolitischen Kurort trafen schon damals Künstler auf Fabrikanten, Revolutionäre auf Hochadel - allesamt kämpften sie um ihr Überleben. Thomas Mann inspirierten diese Mischung aus morbider Stimmung und luxuriösem Kulturleben zu seinem legendären Roman "Der Zauberberg".

Im August stehen die 10. Literaturtage Davos ganz im Zeichen von Thomas Mann. Die deutsche Hochgebirgsklinik Davos-Wolfgang widmet dem Literatur-Nobelpreisträger eine Ausstellung. Für kulturinteressierte Gäste wurde das Sommerangebot "Farbenkraft und Zauberberg" geschaffen, eine zweitägige Kulturwanderung auf den Spuren von Thomas Mann und des Malers Ernst Ludwig Kirchner, der Jahrzehnte seines Lebens in Davos verbrachte.

In der höchstgelegenen Stadt Europas (1560 Meter, rund 12000 Einwohner) lebten vor 100 Jahren rund 10000 Einwohner, hinzu kamen 25000 Patienten, die Reichen gepflegt in Kurhotels, die anderen in Volkssanatorien und Pensionen. Deutsche, Russen und Engländer gründeten eigene Kolonien mit Treffpunkten, Kirchen und sogar Friedhöfen.

Das Fundament für die Entwicklung von Davos als Luftkurort legte der deutsche Arzt Alexander Spengler. Der Mannheimer Jurastudent gehörte 1848 zu den Vorkämpfern der Märzrevolution. Nach deren Scheitern bekam er, was ihn vor Haft bewahrte, Aufenthaltsrecht in der Schweiz, studierte in Zürich Medizin und ging danach als Landarzt nach Davos. Dort entdeckte er die heilsame Wirkung von Höhenluft bei Tuberkulose. Zusammen mit dem Holländer Willem Jan Holsboer - Begründer der Rhätischen Bahn - errichtete er 1868 die erste Kuranstalt. Holsboers Initiative war es zu verdanken, dass die Landschaft um Davos 1890 die erste Schienenverbindung mit dem Unterland erhielt. Damit setzte eine rasante Entwicklung des Kurorts ein, der ganz auf Erholung, Kultur und Sport setzte. Hotels, Pensionen, Sanatorien und Villen wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden bereits 700000 Übernachtungen pro Jahr registriert - vergangenes Jahr waren es über 2, 2 Millionen.

Forschung und Sport

auf hohem Niveau

Schon früh bemühten sich die Kurärzte, die heilende Wirkung des Davoser Gebirgsklimas wissenschaftlich zu belegen. Heute arbeiten in Davos an fünf renommierten Forschungsstätten rund 350 Wissenschaftler, Techniker und Forscher. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Tuberkulose weltweit wirksam mit Antibiotika bekämpft werden konnte, startete die deutsche Bundeärztkammer erfolgreiche Fortbildungskurse. Aus diesen medizinischen Anfängen entwickelte sich ein florierendes Kongresswesen: Aushängeschild ist heute das Weltwirtschaftsforum.

Entscheidend für den Aufschwung des Skisports - Alexander Spengler war einer der ersten Skibesitzer der Schweiz - war die Inbetriebnahme des ersten Bügellifts Europas am Bolgen. Mit dem Bau der Parsennbahn eröffnete sich darüber hinaus Naturwissenschaftlern die Chance, auf einem Versuchsfeld auf dem Weissfluhjoch den Schnee zu untersuchen. Die ersten Messungen 1935 waren der Anfang des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung, heute weltweit als führendes Kompetenzzentrum anerkannt.

Über 20 Jahre seines Lebens verbrachte der Mitbegründer der für die deutsche Malerei so wichtigen Brücke-Künstler, Ernst Ludwig Kirchner, in Davos. Ihm und seinen Werken ist das von dem Züricher Architektenteam Annette Gigon und Mike Guyer entworfene und 1992 eröffnete Museum mit Archiv gewidmet. Alle wichtigen Themen im unermüdlichen Schaffen Kirchners, der nicht nur an Tuberkulose, sondern auch an Depressionen litt, sind berücksichtigt. Eine Wanderung in das Sertigtal mit Blick auf den Wasserfall öffnet den Blick für die Sichtweise Kirchners, den die Landschaft um Davos zu einer großen Anzahl bedeutender Arbeiten inspirierte.

Ein Ausflug mit dem Lokalhistoriker Klaus Bergamin in das Mitte Juni wieder eröffnete Hotel Schatzalp, 1865 Meter hoch gelegen, ermöglicht Einblicke in die Vergangenheit und Ausblicke in die Berglandschaft. Das im Jugendstil erhaltene Haus mit 200 Betten, seit anno 1900 Sanatorium für Tuberkulosekranke, die ein Vermögen für einen Platz zahlten, vermittelt wie die Zimmer Belle-Epoque-Ambiente. 2003 kauften die Unternehmer Pius App und Erich Schmidt das brachliegende Anwesen samt der 1899 gebauten Bergbahn und investierten Millionen in die Wiederbelebung. Weitere Attraktionen sind das Alpinum, ein seit 1907 bestehender botanischer Alpengarten mit über 3500 Pflanzenarten aus allen Gebirgen der Welt sowie eine Sommerschlittenbahn. Im Winter ist im angrenzenden Skigebiet "Slow Mountain" Genussskifahren angesagt.

Vom Hotel Schatzalp nach Davos Platz führt der auf Bergamins Vorschlag eingerichtete Thomas-Mann-Weg. Ihn ist der Dichter oft gegangen. Bestückt mit Zitaten aus seinen Büchern, ist der Spazierweg inzwischen zu einem Klassiker und Muss für Thomas-Mann-Fans geworden. Da er unweit des Kirchner-Museums endet, kann man "Zauberberg und Farbenkraft" gut miteinander verbinden.

Klosters ist ein Ferienort für Genießer. Auch er verdankt seinen Aufstieg vom Bergbauerndorf zum Kurort der Rhätischen Bahn. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte die Prättigauer Gemeinde zum Winterdomizil der amerikanischen High Society aus Film, Musik und Theater, liebevoll "Hollywood on the Rocks" genannt. Aufgegliedert in sieben Teilorte mit rund 3900 Einwohnern und 577478 Übernachtungen im vergangenen Jahr hat sich Klosters seinen Dorfcharakter bewahrt. 2008 haben sich Davos und Klosters-Serneus sinnvoll zu einer touristischen Einheit zusammengeschlossen. Nun können alle Gäste die sechs Bergbahnen und den öffentlichen Verkehr kostenlos benutzen. Wandern, Mountain Biken, Nordic Walking, Berg- und Gletschertouren - die Landschaft ist für all diese sportliche Betätigungen wie geschaffen. 700 Kilometer markierte Wege stehen im Sommer zur Verfügung, im Winter 318 Kilometer präparierte Pisten.

Ein wunderschönes Ziel ist das "Gemsli", ein komfortables Berggasthaus (sechs Doppelzimmer sowie 23 Lagerplätze in einem Nebenhaus) mit erstklassiger regionaler Küche in dem malerischen Walserdörfchen Schlappin. Von Klosters aus führen Wanderwege in das zehn Kilometer lange Schlappintal, im Norden an die Silvretta/Österreich grenzend. 2010 hat Rudolf Wötzel, " Aussteiger aus der Maximierungsschaukel", wie er bekennt, das "Gemsli" übernommen. 1963 in München geboren, startete er nach dem Studium eine erfolgreiche Karriere in der Finanzwelt als Spezialist für Fusionen und Übernahmen, zuletzt bei Lehman Brothers in Zürich. 2006 kündigte er seinen hoch dotierten Job. Ursache: gesundheitliche Probleme, Sinnkrise. Um zu sich selbst zu finden, durchwanderte er den Alpenbogen von Innsbruck ans Mittelmeer. Als er nach fünf Monaten in Nizza am Strand stand, wusste er, dass er nie mehr in seinen Beruf zurückkehren wollte. Er schrieb das Buch "Über die Berge zu mir selbst" (Integral-Verlag). Es wurde ein Bestseller. Heute lebt Wötzel in Klosters und betreibt mit seinem Team von Mitte Juni bis Mitte Oktober das sieben Tage die Woche geöffnete "Gemsli". Daneben hält er Vorträge, will ein Beratungsunternehmen gründen und schreibt derzeit ein zweites Buch. Im Gespräch gesteht er ein, er habe wärend seiner früheren Tätigkeit unter den Topbankern vor lauter Leistungsdruck "kaum einen getroffen hat, der Freude an seinem Job hatte". Sein jetziges Leben sieht Wötzel mit heiterer Gelassenheit und viel Vorfreude, da er mit seine Lebenspartnerin ein Kind erwartet.

www. davos.ch

www. klosters.ch

www. gemsli.ch

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