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"Moppelapachen" verfolgen immer noch Winnetous Spuren
23.11.2012 - 11:33 Uhr
Von Hartmut Metz

Es sind die schönsten Horte der Gewalt: Hier warf sich Winnetou schützend vor seinen Blutsbruder Old Shatterhand und ging unter Flüssen voll Tränen in die ewigen Jagdgründe ein. Am 1110 Meter hohen Tulove grede sorgten auch schon Nscho-tschi und Intschu tschuna, Winnetous Schwester und Vater, für Millionen von Schluchzern. Die Steine der beiden Film-Gräber im Naturpark Paklenica sind zum Großteil abgetragen. Fans steckten sie ein, einen Karst-Stein nach dem anderen. Nur noch kleine Hügel erinnern an die toten Apachen - jetzt ist es oben am Gipfel still und bezaubernd. Wie auf den malerischen Filmplakaten vor dem weißen Elefantenfelsen. Nur der Wind pfeift.

Laut und hektisch war es unterhalb des Mali-Alan-Passes vor 50 Jahren mit angeblich bis zu 3000 Komparsen. "Der Schatz im Silbersee" wurde damals an der dalmatischen Küste gedreht und lockte ob der rührseligen Winnetou-Geschichte zehn Millionen Deutsche in den bis dahin erfolgreichsten Film nach dem Zweiten Weltkrieg. Zweite Erfolgszutat bei der 3,5 Millionen Mark teuren Produktion des Berliners Horst Wendlandt und den neun weiteren Streifen bis 1968 waren die kolossalen Landschaften: Der Nationalpark Paklenica oder die Plitvicer Seen bieten atemberaubende Kulissen, die bei Old Shatterhands Ritten oder Winnetous Kanufahrten selbst den Wilden Westen in den Schatten stellen. Deshalb folgen Fans bis heute ihren Spuren.

Vom 5. bis 9. Juni lädt das Hotel Alan, das 1962 die Filmcrew um Ex-Tarzan Lex Barker beherbergt hatte, zum Jubiläum nach Starigrad ein. Außer Einblicke in das kleine Winnetou-Museum, in dem die Superhelden der 60er Jahre spartanisch logierten, versprechen die Organisatoren gleich mehrere Weltpremieren: "Der Schatz im Silbersee" wird in der Schlucht von Paklenica auf Großbild-Leinwand übertragen. Aber vor allem: Pierre Brice kommt! Seine Bewunderer genießen mit dem edlen Apachen den Blick auf den Canyon oder das Zrmanja Plateau und posieren mit ihm vor dem Pueblo Plateau und dem Rio Pecos, wie der Fluss im Film heißt, für Fotos.

Der Vorzeige-Indianer dürfte mit 83 zum letzten Mal zum Schwatz am Silbersee aufbrechen. "Vor vier Jahren wirkte er schon sehr gebrechlich", erinnert sich Führerin Helena Petrovic, dass der Franzose an den Plitvicer Seen schon nach einer Stunde eine längere Pause benötigte. Seine Fans werden aber auch immer betagter - nur die wenigsten werden das Naturwunder noch bis zum höchsten der 16 großen Seen erklimmen. Den schönsten Blick hat man aber ohnehin unten, wo Winnetou durch das kristallklare Wasser glitt, über den türkisfarbenen Silbersee, der eigentlich Kaluderovac jezero heißt, paddelte, unter den Wasserfällen mit Silberbüchse stand oder Cornel Brinkley verfolgte. Die Schatz-Höhle, in der der Mörder sein gerechtes Ende fand, wirkt ganz anders als im Filmstreifen und kann auf Holzpfaden durchwandert werden.

Uschi Glas, die das Halbblut Apanatschi mimte, sagt heute noch verzückt: "Die Drehorte waren landschaftlich so schön, ein Wahnsinn!" Mario Adorf, der als Santer Nscho-tschi auf dem Gewissen hatte, schwärmt angesichts der märchenhaften Natur: "Für mich war damals Jugoslawien das schönste Land der Erde!" Daran ändert auch die Stelle nichts, an die er sich dereinst am Tulove grede verzweifelt an das brüchige Gestein klammerte, um dann in die Tiefe auf die aufgesteckten Speere der Apachen zu stürzen.

Derlei Pein müssen die Kletterer heutzutage nicht fürchten, aufpassen müssen sie dennoch an den Überhängen, die bis zu Schwierigkeitsgrad acht für die alljährliche Europameisterschaft im Mai bieten. Das Lasso bleibt wie im Wilden Westen ein nützliches Utensil, der Federschmuck weicht jedoch an den schroffen, brüchigen Felsen besser einem Helm. Unter "Tal des Todes" stellen sie sich sicher etwas Anderes vor und ahnen kaum, dass ihr Eldorado nahe von El Doro, dem Lager der Tramps, liegt. "Die 20- bis 25-Jährigen interessieren sich nicht dafür", weiß Zvonimir Cubelic. Der Leiter des Winnetou-Museums wird für Touren nach Paklenica vor allem von jenen engagiert, "die mit 15 im Kino die ersten Winnetou-Filme sahen. Bei den Wiederholungen im Fernsehen beachteten sie auch die herrlichen Landschaften und wollen sie in natura genießen."

Dabei muss der Reiseführer nicht nur immer wieder seine Mappen mit den alten Bildern hervorholen, um die Schauplätze von vor 50 Jahren mit den aktuellen zu vergleichen. Zwei Verrückte transportierten auch schon ein Pferd nach oben, um Überfall-Szenen an Felsvorsprüngen nachzustellen - das Video hat der 35-Jährige auf seinem Smartphone abgespeichert und zeigt es grinsend seinen Kunden.

Für Erheiterung sorgt auch die an einer Windschutzmauer angebrachte "Karl-May-Fanbox". Der Münchner Peter Seidenschwang kam jedes Jahr mit rund 20 anderen Fans und durchstreifte in Karl-May-Kostümen das Karst-Gebirge. Das kann aber gefährlicher als im Wilden Westen sein! "Abseits der normalen Pfade muss man aufpassen. Im Krieg wurde der strategisch wichtige Mali-Alan-Pass vermint", vergeht dem fröhlichen Kroaten kurz das Lachen. Doch Cubelic findet es rasch wieder, wenn er das mittlerweile fünfte Buch aus der "Karl-May-Fanbox" entnimmt und darin blättert. Darin verewigten sich die "Moppelapachen aus Freiburg", die alljährlich mit dem "Eisernen Ross" anreisen, oder Karen und Wolfgang aus Schrobenhausen, die ohne gespaltene Zunge verkünden: "Es ist einzigartig, hier gewesen zu sein. Winnetou an dieser Stelle, die uns unvergessen bleibt und zurückversetzt in unsere Indianerträume."

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