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Carl Theodors fantastische Gartenpartie
23.11.2012 - 11:44 Uhr
Das schönste Land in Deutschlands Gau'n,

das ist mein Badner Land.

Es ist so herrlich anzuschaun

und ruht in Gottes Hand.

D'rum grüß ich dich mein Badnerland,

du edle Perl' im deutschen Land, deutschen Land.

Frisch auf, frisch auf; frisch auf, frisch auf; frisch auf, frisch auf mein Badnerland.

(Zum Badnerlied gibt es mehr als 750 Strophen - aber keine über das Schwetzinger Schloss! Badnerlied-Sammler Ossi W. Pink bittet daher dichterisch Begabte um Abhilfe. Die Kontaktdaten: Ossi W. Pink, Münchhofstr. 16, 79106 Freiburg, (0761) 37325, Fax: (0761) 35028, E-Mail: pink-ow@versanet.de)

Von Christiane Lenhardt

aden-Württemberg ist auch in puncto Denkmäler ein Musterländle - mit fast 60 schützenswerten historischen Ensembles. Unter ihnen befindet sich ein besonderes Kleinod europäischer Gestaltungskunst: Schloss Schwetzingen und sein Park, in dem barocke Gartenkunst und Englischer Landschaftsgarten eine gelungene Synthese bilden. Das Vermächtnis des pfälzischen Kurfürsten Carl Theodor (1724-1799) erreichte Platz acht auf unserer Liste der "Schönsten Orte Badens" zum Jubiläumsjahr.

Mit der Sommerresidenz Carl Theodors im Zentrum Schwetzingens samt der original erhaltenen Parkanlage als vorbildhaftes Beispiel europäischer Gartenkunst des 18. und 19. Jahrhunderts bewarb sich die moderne 22000-Einwohner-Stadt um die Aufnahme in die Weltkulturerbeliste der Unesco - Kloster Maulbronn, Insel Reichenau im Bodensee und der Limes sind bereits aufgenommen. Die Unesco-Kommission hat Schwetzingen jedoch im Sommer die Aufnahme in die Welterbeliste versagt.

Auch ohne den Titel lockt die Schwetzinger Schlossanlage das Publikum in Scharen zur Gartenpartie in die Welt der Schönen Künste mit außergewöhnlichen Raumschöpfungen, sorgfältig angelegten Blickachsen und verborgenen Winkeln, in denen sich Geheimnisvolles erahnen lässt. Rund eine halbe Million Besucher hat das Barockschloss in der Rhein-Neckar-Region pro Jahr. Unter den meistbesuchten Denkmälern im Land rangiert es direkt nach Heidelberg (rund eine Million Gäste) auf Platz zwei.

Die kurfürstliche Residenz Schwetzingen, in knapp 50 Jahren unter Carl Theodor als Gesamtkunstwerk aus Stadt, Schloss und Garten geschaffen, hat sich bis heute in einem außergewöhnlich unveränderten Maße erhalten - obwohl die Anlage schon zu Lebzeiten des kunstsinnigen Kurfürsten stark in Mitleidenschaft gezogen worden war durch französische Revolutionstruppen, die 1793 die linksrheinischen Gebiete der Kurpfalz besetzt hielten. Carl Theodor ließ alles wieder herrichten, verfolgte damals schon die Strategie des Bewahrens, die moderne Denkmalschutzgesetze vorwegnimmt. Heute ist das Land Baden-Württemberg zuständig und steckte in den Erhalt der Schwetzinger Schlossanlage allein in den vergangenen 25 Jahren rund 60 Millionen Euro, berichtete der Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Michael Hörrmann.

Alles begann mit einem kleinen Wasserschloss, das 1407 in den Besitz der in Heidelberg residierenden Kurfürsten gelangte, einer Dynastie, die im 14. Jahrhundert zur beherrschenden Vormacht am nördlichen Oberrhein wurde. Die Kernanlage des heutigen Schwetzinger Schlosses entstand unter Kurfürst Johann Wilhelm ab 1700 bis zu dessen Tod 1716. Damals wurde bereits die 50 Kilometer lange Ost-West-Achse des Parks betont, die vom Heidelberger Königsstuhl im Osten bis zum Kalmit, dem höchsten Berg des Pfälzer Waldes, im Westen reicht. Die prägende Achse der kurfürstlichen Sommerresidenz auf der Schlossterrasse ist für den Besucher bis heute eindrücklich erlebbar.

Mit dem Regierungsantritt des Kurfürsten Carl Theodor beginnt in Schwetzingen eine neue Ära. Zwischen 1743 und 1778 wird das einstige Dorf regelmäßig zum Aufenthaltsort von Hofstaat und Kurorchester und damit zum zentralen Ort der Kurpfalz. Zu der Zeit werden Schloss und Garten zur idealtypischen Sommerresidenz ausgebaut, wird aus dem Dorf Schwetzingen die neue Stadt nach Plänen Alessandro Galli da Bibienas.

In stilbildnerischer Hinsicht haben Schloss und Park mit seinen sieben Architekturen einiges zu bieten. Der Lothringer Nicolas de Pigage war Carl Theodors bestimmender Gartenarchitekt. Er legte dem Kurfürsten das mythologische Programm des "Goldenen Zeitalters" an, das unendlich wirken sollte. Ausdruck dessen ist das weltweit einzige Kreisparterre im französischen Teil des Schlossgartens.

Zweiter Hofgärtner war Johann Wilhelm Sckell, dessen Sohn Friedrich Ludwig Sckell an den späteren Münchner Hof Carl Theodors berufen wurde, wo der Gartenbauarchitekt den Englischen Garten anlegte. Schon im Schwetzinger Schlosspark hat der junge Sckell ein Wiesental mit modelliertem Bachverlauf geschaffen, das vom englischen Gartenstil geprägt ist. Als außergewöhnliche Staffagebauten wurden ein Römisches Wasserkastell und Reste eines Aquädukts in die Landschaft gesetzt, als habe die italienische Campagna, die Sehnsuchtslandschaft der Künstler des 18. Jahrhunderts, ihre Ausläufer an Carl Theodors Sommersitz. Gartenexperten schwärmen vom fließenden Übergang zwischen dem barocken Formgarten Pigages und dem Landschaftsgarten Sckells, wie er nicht einmal am Hof von Versailles derart eindrucksvoll zu sehen sei.

Sowohl Grünanlagen als auch Kleinmonumente existieren in der kurpfälzischen Sommerresidenz in nahezu einmaliger Ursprünglichkeit. Gleich nach den Orangerien trifft der Gartenbesucher auf eines der ersten Naturtheater, das in ein Boskett, einem Buchshecken-Ensemble, der Theaterkunst huldigt. Über einem breiten Kaskadenbrunnen erhebt sich der Apollotempel - der Sonnengott ist als Beschützer und Anführer der Musen dargestellt.

Das Badhaus Carl Theodors tief im Park ist vom italienischen Villenstil Andrea Palladios inspiriert und mit seinem halbrunden Eingang, den toskanische Säulen flankieren, bei seiner Entstehung um 1770 eines der innovativsten Gebäude im Südwesten gewesen. Einmalig auch damals an den europäischen Höfen, dass der Herrscher sein Lustschlösschen ganz allein bewohnte. Der Kurfürst hatte sogar einen Kapellmeister eingestellt, der nur fürs Badhaus komponierte. In der Brunnenanlage zur Grotte hin am Ende eines Laubengangs eröffnet sich ein Fresco mit einer Landschaft, die vielleicht den Zusammenfluss von Neckar und Rhein auf paradiesischem kurpfälzischem Boden zeigt, noch vor der Gründung Mannheims an dieser Stelle, wo Carl Theodor seinen Hof offiziell hinverlegte.

Ab den 1750er Jahren entwickelte sich die Sommerresidenz des Kurfürsten zu einem Musenhof, der in Europa große Aufmerksamkeit errang, als Experimentierfeld für die Künste und die Philosophie. Voltaire war hier und verbreitete seine aufklärerischen Gedanken, wichtige gesellschaftliche Strömungen des 18. Jahrhunderts fließen idealisierend in die Gartengestaltung ein: Natur, Toleranz und Vernunft sind große Themen.

An der Schwetzinger Moschee, der einzigen noch erhaltenen Gartenmoschee des 18. Jahrhunderts, wird die Orientbegeisterung von damals anschaulich. Sie entstand um 1778, als Carl Theodor bereits infolge der Erbverträge im Hause Wittelsbach an den Münchner Hof umziehen musste und seine Mannheimer Residenz aufgab. Und trotz des damit einhergehenden Verlusts der Sommerresidenz-Funktion für Schwetzingen wurde der Garten nicht nur erhalten, sondern noch in größerem Umfang zur Vollendung gebracht.

Im Schloss selbst befindet sich das älteste Rangtheater der Welt, 1753 eröffnet. Schon der kleine Wolfgang Amadeus Mozart und seine Schwester Nannerl spielten in diesem Juwel, Casanova besuchte hier Aufführungen, wo erstmals freie Sicht auf die Bühne und ungestörtes Hören Vorrang vor Adelslogen hatte. Hier wurden die ersten deutschsprachigen Opern aufgeführt. Carl Theodor prägte die besondere Musikgeschichte Schwetzingens, auf die sich die seit 1952 alljährlich stattfindenden Klassik-Festspiele des Südwestrundfunks berufen.

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