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Der Türkenlouis schafft ein badisches Versailles
23.11.2012 - 12:59 Uhr
In Karlsruh' ist die Residenz,

in Mannheim die Fabrik.

In Rastatt steht die Festung

und das ist Badens Glück.

(Eine der Hauptstrophen des Badnerlieds; insgesamt existieren mehr als 750 Strophen)

Von Sebastian Linkenheil

Rastatt ist eine badische Schönheit auf den zweiten Blick. Wer durch die einstige Festungs- und Barockstadt sturen Blicks hindurchfährt, die vielbefahrene Bundesstraße nicht verlässt, bekommt keine große Lust, sich einen Parkplatz zu suchen und Rastatt zu erkunden. Und dabei wäre das so lohnend. Denn in Rastatt gibt es viel zu entdecken.

Rastatt ist zu allererst eine Stadt, die Geschichte atmet. Residenz der badischen Markgrafen war sie zwar nur wenige Jahrzehnte, von 1705 bis 1771. Doch sie war es in einer Epoche, deren unbedingter Gestaltungswille Stadtplan und Gebäude bis heute bestimmt. Die Innenstadt wird beherrscht vom gewaltigen Residenzschloss des Markgrafen Ludwig Wilhelm. Eigentlich ein paar Nummern zu groß für den Fürsten eines so kleinen Ländchens wie die Markgrafschaft Baden, die seit dem 16. Jahrhundert zudem noch in das evangelische Baden-Durlach und das katholische Baden-Baden geteilt war.

Doch der Türkenlouis konnte auf anderem Gebiet punkten. Seiner Bedeutung als Sieger über die Osmanen war er sich selbst sehr bewusst. Um auch anderen diesen Status zu zeigen, baute er entsprechend großzügig. Seinen italienischen Baumeister Domenico Egidio Rossi ließ der Markgraf Schloss und Stadt Rastatt als durchgeplante Einheit entwerfen. Den Marktflecken, der seit 1404 das Marktrecht besaß, hatte der französische König Ludwig XIV. 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg einäschern lassen. So war Platz für die kühnen Pläne des Türkenlouis. Der Sonnenkönig lieferte auch die Grundidee: Wie in seiner Residenz Versailles sendet die markgräfliche Gnadensonne in Rastatt drei Strahlen vom Schloss in die Stadt - Straßen, die das fürstliche Rastatt mit dem bürgerlichen verbinden: Rathaus, Stadtkirche und Marktplatz - auf dem übrigens dienstags, donnerstags und samstags einer der schönsten Wochenmärkte weit und breit stattfindet. Viele regionale Produzenten verkaufen dort ihre Erzeugnisse.

Wer von den Gemüse- und Obstständen die frisch restaurierte Schlossfassade in den Blick nimmt, muss aufschauen. Sicher auch kein Zufall. Die kolossale Anlage ist nicht nur die älteste der Barockresidenzen am Oberrhein, sie ist auch die am besten erhaltene. Ein gnädiges Schicksal hat sie vor Kriegszerstörungen bewahrt, zweimal war das Schloss stattdessen Schauplatz bedeutender Friedensverhandlungen, die Europa formten. Kaum irgendwo sonst in Baden lässt sich dem Zeitalter des Barocks näher kommen als hier.

Einzige Ausnahme ist Schloss Favorite in Förch vor den Toren Rastatts. Die Witwe Ludwig Wilhelms, Markgräfin Sibylla Augusta, hat dort ein Paradies geschaffen, das bis heute Tausende in ihren Bann zieht. Das entzückende Lustschlösschen liegt inmitten eines idyllischen Landschaftsparks, der freilich erst aus dem 19. Jahrhundert stammt. Das Interieur des Schlosses ist noch kostbarer und noch vollständiger erhalten als in der Residenz. Die Porzellansammlung der Markgräfin bringt immer wieder Fachleute aus aller Welt zum Staunen. Nicht nur edelste Stücke aus dem alten China und aus Japan sind zu bewundern, sondern auch das erste Porzellan, das in Europa hergestellt wurde. Es gibt hier mehr frühes Meißen zu sehen als in Meißen selbst.

Doch in Rastatt wurde auch viel Porzellan zerdeppert, vor allem im Revolutionsjahr 1849. Vor den wochenlang belagerten Festungsmauern beendeten preußische Truppen den Traum von einem freien und einigen Deutschland. Das letzte Aufgebot der 48er-Revolution hatte sich in der im Badnerlied besungenen Bundesfestung verschanzt. In einem anderen Lied, dem Badischen Wiegenlied, heißt es: Und wer nicht schläft in guter Ruh, dem drückt der Preuß' die Augen zu - etliche Männer sind in den Rastatter Festungsgräben standrechtlich erschossen worden.

Von der badischen Revolution und anderen Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte erzählen die lebendigen Ausstellungen des Bundesarchivs im Rastatter Schloss. Die Erinnerungsstätte wurde 1974 auf Anregung des Bundespräsidenten Gustav Heinemann eröffnet. Vis-à-vis im Südflügel der Residenz befindet sich mit dem Wehrgeschichtlichen Museum eines der bedeutendsten Militärmuseen Europas. Höhepunkt der Dauerausstellung ist unter anderem ein viermal 3,60 Meter großes Modell der Bundesfestung Rastatt.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts war das Bollwerk, das nie in die Hände eines äußeren Feindes fiel, obsolet geworden und wurde abgerissen. Viel ist in Rastatt von der stolzen Freiheitsfestung heute nicht mehr zu sehen - zumindest oberirdisch. Anders sieht es da einige Meter unter dem Straßenasphalt aus.

Wo genau die Eingänge in Rastatts Unterwelt sind, wissen meist nur die Einheimischen. Zum Beispiel die Mitglieder des Historischen Vereins, die in jahrzehntelanger Knochenarbeit verschüttete Kasematten und andere unterirdische Festungsanlagen zugänglich gemacht haben. Der Verein bietet regelmäßig Führungen an.

Nicht nur Geschichtsfans, auch Naturliebhabern hat Rastatt viel zu bieten. Mehr als 50 Prozent seiner Fläche stehen unter Landschafts- oder Naturschutz. Die Rastatter Rheinaue ist die erste natürlich überflutbare Rheinaue am Oberrhein. Mit ihrer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt gehört sie zu den schönsten Naturschutzgebieten in Deutschland und wird auch als Badischer Dschungel bezeichnet. Seit 2008 gehört die Rheinaue zum Ramsar-Raum Oberrhein und zählt damit zu den Feuchtgebieten mit internationaler Bedeutung - ähnlich wie die Everglades in Florida.

Ihre theatralische Ader entdecken die 48000 Rastatter alle zwei Jahre bei Deutschlands größtem Straßentheaterfestival. Das tête-à-tête verwandelt Straßen und Plätze für eine Woche in eine kreative Bühne. Fast könnte man dann meinen, der Türkenlouis und sein italienischer Architekt hätten Rastatt genau dafür gebaut.

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