http://www.badisches-tagblatt.de/weihnachtsabo/index.html
Kunst und Landschaft am See sind immer noch "zum Kotzen schön"
13.08.2014 - 17:57 Uhr
Von Irene Schröder

Der Trubel, der in Überlingen, Meersburg oder gar Konstanz herrscht, scheint um die malerische Halbinsel Höri einen großen Bogen zu machen. Wenn die liebliche Region selbst heutzutage ländlich wirkt - wie müssen sich Großstädter internationalen Zuschnitts hier vor rund 80 Jahren gefühlt haben? "Zum Kotzen schön" urteilte Otto Dix über die Idylle am Bodensee, die ihm dann doch zur Heimat wurde.

1933 hatte der Maler wegen seiner "entarteten Kunstwerke" seine Professur an der Dresdner Kunstakademie verloren. Er kam zunächst mit seiner Frau Martha und den drei Kindern auf Schloss Randegg, das seinem Schwager Hans Koch gehörte, zurück. Drei Jahre später zog die Familie in ihr eigenes Haus in Hemmenhofen, das heute vom Kunstmuseum Stuttgart als "Museum Haus Dix" mit einem außergewöhnlichen Konzept geführt wird.

"Inneren Emigranten"

bot die Höri Zuflucht

Otto Dix war nicht der erste Prominente auf der Höri: Hermann Hesse war bereits 1904 mit seiner Familie nach Gaienhofen gezogen. Sein bäuerliches Wohnhaus sowie das benachbarte Schul- und Rathaus beherbergen heute das "Hermann-Hesse-Höri-Museum". Hier sind sie alle mit ihren Werken vertreten: Otto Dix natürlich, aber auch die übrigen "inneren Emigranten" Helmuth Macke, Erich Heckel und Curth Georg Becker, Ferdinand Macketanz, Hans Kindermann, Max Ackermann und Walter Herzger, die den westlichen Bodensee nicht nur wegen der zum Kotzen schönen Landschaft, sondern auch wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zur "sicheren" Schweiz gewählt hatten. Dass die Schweizer alles taten, um NS-Flüchtlinge von ihrem Gebiet fernzuhalten, war ihnen wohl nicht bewusst. Trotz der "Künstlerdichte" auf der Höri bildete sich hier keine Gemeinschaft wie etwa in Worpswede oder Murnau - man kannte sich, blieb aber künstlerisch eher auf Distanz.

Am nachdrücklichsten hat zweifellos Otto Dix die Region, in der er bis zu seinem Tod 1969 lebte, geprägt. Den lebendigsten Eindruck vermittelt natürlich sein Wohnhaus mit Atelier und wunderbarem Garten. Dix-Bilder sind hier kaum zu finden: Sogenannte Schattenbilder an den Wänden, an denen einst die Originale hingen, werden von einem speziell entwickelten Audioguide den Besuchern nahegebracht. Eine besondere Attraktion befindet sich im Keller: Freche Wandmalereien, die Dix für eine Fasnachtsparty schuf.

Auf der "Kunstroute" über die Halbinsel liegt die Petruskirche von Kattenhorn, deren Fenster Otto Dix gestaltete. Die Route wurde von Tourismus Untersee angelegt und führt zu 31 Metallstelen, die Reproduktionen der hier entstandenen Werke der Höri-Maler zeigen. Die in die Stelen eingelassenen "Durchblicke" ermöglichen dem Betrachter den exakten Ausschnitt der Landschaft, den der Künstler hatte.

Das "Paradies" gab

es als Zugabe

Mit dem eindringlichen Selbstporträt Otto Dix' als Kriegsgefangener, das in seinem Atelier hängt, noch vor Augen gewinnt sein monumentales Wandbild im Singener Rathaussaal noch an Bedeutung. Auf fünf mal zwölf Metern setzte sich der fast 70-Jährige mit der Thematik "Krieg und Frieden" auseinander - eine pazifistische Mahnung. Von reichlich schwarzem Humor zeugt die Ausgestaltung des Trauzimmers: Blickt das Brautpaar während der Zeremonie auf Adam und Eva - noch im Paradies - , hat das frischgebackene Ehepaar beim Verlassen des Raums den Tod vor Augen.

Kunstwerke auf vier Rädern und eine hochkarätige Kunstsammlung beherbergt einige Straßen weiter ein Bau, der an sich schon ein Kunstwerk darstellt: Der Architekt Daniel Binder hat eine zweigeschossige "Festung" mit organisch geschwungenen Konturen entworfen. die sich an der umgebenden Landschaft orientieren. Das Stifterehepaar Hermann Maier und Gabriela Unbehaun-Maier hat sich mit dem "MAC" - Museum Art&Cars einen Traum erfüllt: Sie gaben nicht nur der Südwestdeutschen Kunststiftung erstmals ein Domizil, sondern auch Oldtimern, die sonst weltweit nicht zu finden sind. Die Idee: Automobile werden zu Kunstwerken, Kunstwerke verweisen auch auf Techniken, die einzigartige Architektur greift beides auf und stellt den Bezug zur Region her. Die aktuelle Ausstellung "Wachgeküsst" (bis September) vereint rund 70 Werke aus der rund 3000 Exponate umfassenden Kunstsammlung und acht Kostbarkeiten auf vier Rädern, die aus der einmaligen Sammlung der Elsässer Brüder Schlumpf stammen. Allein der Versicherungswert des legendären Mercedes Silberpfeil beträgt 25 Millionen Euro! Gezeigt wird auch das seinerzeit teuerste Auto auf dem Markt, der Isotta Fraschini. Die Marke wurde in den 20er und 30er Jahren von Stars wie Greta Garbo und Rudolph Valentino ebenso geschätzt wie vom Vatikan.

Die Höri hat ihre Anziehungskraft auf Kunstschaffende auch heute noch nicht verloren, wie ein Besuch bei Beate Bitterwolf und Wolfgang Beyer zeigt. Die Stuttgarter Künstlerin und der Architekt wollten nach der Geburt ihrer Tochter raus aus der Großstadt in eine ländliche Umgebung. Wo einst medizinische Strümpfe hergestellt wurden, betreiben sie heute eine Fabrik der anderen Art: In der "fabrik am see - kunst+co" in Gaienhofen-Horn bietet jetzt eine Akademie für zeitgenössische Kunst Kurse in verschiedenen künstlerischen Techniken von der Malerei bis zur Skulptur mit renommierten Dozenten an. Hier wird oft bis in die tiefe Nacht gearbeitet, und manche Teilnehmer ziehen gleich in eines der hellen Zimmer mit Seeblick ein. Hauskatze Lisbeth sind zusätzliche Streichelhände nur recht ...

Konzil und Kurtisane:

Die freche "Imperia"

Wer sich am Untersee aufhält, kommt an Konstanz nicht vorbei - schon gar nicht zuzeiten des Konziljubiläums! Abgesehen von der sehenswerten Landesausstellung im Konzilgebäude (noch bis 21. September) ist die Aufwartung bei einer der berühmtesten Damen der Stadt Pflicht: Von Peter Lenk stammt die mittlerweile zum Wahrzeichen der Stadt gewordene "Imperia". Die mit viel ironisierender Liebe geschaffene Kurtisane, die laut Honoré de Balzac eine wichtige Rolle beim Konzil spielte, ist einer der bekannteste Schöpfungen des satirischen Bildhauers aus Bodman-Ludwigshafen, der immer wieder für einen Skandal gut war ("Pimmel über Berlin", "Schmetterlingsmann" oder "Badische Revolution".

Nicht skandalös, aber eindringlich ist die von dem Konstanzer Künstler Johannes Dörflinger geschaffene "Kunstgrenze". Der 73-jährige Maler, Graphiker und Objektkünstler, dessen Arbeiten weltweit in den wichtigsten Museen und Sammlungen zu finden sind, hat den Grenzzaun am See, der einst Konstanz und Kreuzlingen trennte, nach seinem Abbau durch 22 Skulpturen ersetzt. Die sechs Meter hohen roten Einzelskulpturen aus Stahl auf einem zwei Meter hohen Sockel stellen die Trümpfe des "Tarot"-Kartenspiels dar: Vom See ziehen Magier, Herrscher, Tod und Teufel, Sonne und Narr in Richtung Stadt. Für Dörflinger ist es immer wieder spannend, die Reaktionen der "Grenzgänger" zwischen Deutschland und der Schweiz zu beobachten und mit ihnen zu diskutieren.

Kunst und Kultur und natürlich die "zum Kotzen schöne" Landschaft lassen sich gezielt anhand einer neuen Broschüre "Kunstroute" von Tourismus Untersee erleben, die die interessantesten Projekte und Museen auflistet. Die "Kunstroute" ergänzt die "Klosterroute" und die literarische Radroute "Per Pedal zur Poesie" sowie die Navigationshilfe zu den schönsten Kirchen und Wallfahrtsstätten, das Heft "Bodensee-Kirchenbesucher". Der Untersee ist wirklich schön ... nicht nur "zum Kotzen".

www.tourismus-untersee.eu

BeiträgeBeitrag schreiben 
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Noch ist die Vermietung von Waschmaschinen und Bekleidung in Deutschland ein Nischenmarkt. Glauben Sie, dass sich das durchsetzt?

Ja.
Nein.
Weiß nicht.

Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen