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Eine Stadt unter Palmen
11.12.2014 - 16:05 Uhr
Von Anja Groß

David Macia legt Klettergurt und Steigeisen an und schnallt den Gürtel mit seinem Werkzeug um: Machete, kleiner Spaten und ein gebogenes Messer mit langer Klinge. Fast so behände wie ein Affe klettert der 40-Jährige in die Dattelpalme, die gut 20 Meter emporragt. "Ooohh", entfährt es einigen erschrockenen Zuschauern im Hort de San Plàcid in Elche, der Palmenstadt in der südspanischen Provinz Valencia, als das Gewächs plötzlich bedenklich anfängt zu schaukeln. Macia hängt unter der Palmenkrone, lächelt und zieht den Spaten aus dem Gurt. Mit einem Hieb stößt er von schräg unten das unterste Palmblatt direkt am Stamm ab. Rauschend fällt es zu Boden, und während die Zuschauer noch dessen Größe bestaunen, rieseln schon trockene kleine Teile auf sie nieder - gefolgt von den nächsten Blättern, die Macia in Windeseile abgehackt hat.

Der 40-Jährige ist "Palmerero" - einer von 18 Palmengärtnern in Diensten der Stadt Elche nahe der Costa Blanca. 18 Palmengärtner? "Ja", erwidert Macia nickend auf die ungläubige Frage und macht mit den Armen eine weit ausladende Bewegung auf das Palmenmeer um ihn herum: 15000 Quadratmeter Palmenhain umgeben ihn, etwa 250000 Exemplare wachsen insgesamt in Elche - ungefähr so viele wie die Stadt in der Nähe von Alicante Einwohner hat. Sie ziehen einen grünen Gürtel um die Altstadt. Von oben betrachtet, wirken die 500 Hektar wie ein riesengroßer Palmenwald. Doch es ist kein natürlich gewachsener Hain. Die Dattelpalmen wurden vielmehr von den Arabern vor gut 1000 Jahren kultiviert, die ins eroberte Spanien die in Nordafrika und dem Mittleren Osten weit verbreitete Oasenwirtschaft mitbrachten.

Sie gründeten die Stadt am heutigen Standort - Reste der iberischen und römischen Siedlung fanden sich in einigen Kilometern Entfernung - und schufen den Großen Bewässerungsgraben, der das Wasser kanalisiert und aus beinahe fünf Kilometern Entfernung in die Stadt leitet. Von ihm zweigen wiederum verschiedene Gräben und Furchen ab, die zur Bewässerung der den Stadtkern umgebenden Gärten dienen. Bis heute ist dieses System intakt und wird genutzt wie in früheren Zeiten: Die städtischen Bediensteten lassen Wasser in die flachen Rinnen aus Mörtel, bis diese auf die Felder überlaufen. Dort steht dann das Wasser und versickert langsam.

Tatsächlich ist der Palmengarten eine für landwirtschaftliche Zwecke angelegte Plantage. Holz, Palmblätter und Datteln wurden und werden genutzt. Die Felder sind trapezförmig oder viereckig angelegt - an den Rändern wachsen Palmen in einfachen Reihen oder Doppelreihen. Auf diese Weise schützen sie mit den dichten Blattkronen die Felder gegen Sonne und Wind. Darunter entwickelt sich ein besonderes Mikroklima, in dem Dattelpalmen, Zitronen-, Orangen-, Granatapfel-, Johannisbrot- oder Olivenbäume ebenso gedeihen wie Kräuter, aber auch Artischocken und tropische Pflanzen.

Zum Glück für Elche wurden Oasenwirtschaft und Bewässerungssystem nach der Vertreibung der Mauren durch König Jakob I. im Jahr 1248 erhalten. Denn mittlerweile ist der in Europa einzigartige Palmenwald Unesco-Weltkulturerbe und damit seit dem Jahr 2000 eine große touristische Attraktion der sonst eher industriell geprägten Stadt. "Nicht nur aus touristischer Sicht war das für Elche wie ein Lottogewinn", erklärt Miguel Àngel Sanchez vom städtischen Tourismusbüro. Es sei zugleich Ansporn und Verpflichtung, den historischen Palmenhain zu pflegen und zu erhalten.

So gibt es beispielsweise einen ausgeschilderten, etwa 2,5 Kilometer langen Rundweg "Ruta del Palmeral", der Touristen einen Eindruck vom Welterbe vermittelt. "Besonders empfehlenswert ist ein Rundgang bei Sonnenuntergang", rät Sanchez. "Wenn die letzten Sonnenstrahlen durch die Palmblätter scheinen, entsteht eine besondere Stimmung", erzählt er.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich das vorzustellen. Denn wildromantisch ist es schon tagsüber beispielsweise im "Huerto del Cura". Der 13000 Quadratmeter große "Priestergarten" gehört der Familie Orts, die gegenüber das mehrfach preisgekrönte "Hotel Huerto del Cura" betreibt. Mit seinen kleinen Bungalows liegt es ebenfalls inmitten eines Palmenhains. Gä-

ste fühlen sich hier fast wie in der Karibik - nur dass die Sandstrände etwa zwölf Kilometer entfernt sind. Dafür sind sie besonders schön: Unverbaute Dünenlandschaften mit davor gepflanzten Pinienwäldern am sehr ursprünglichen Strand La Marina im Süden beispielsweise. Wassersportler finden an den neun Kilometern Sandstrand von Elche überall gute Bedingungen. Am Strand Els Arenals del Sol reibt man sich allerdings verwundert die Augen und fragt sich, warum heutzutage so etwas noch gebaut wird: Architektonisch wenig liebevoll gestaltete Appartementanlagen wirken jetzt schon wie deplatzierte Bausünden.

Dann doch lieber in den "Huerto del Cura" in Elche eintauchen und den Alltag vergessen. Eine reichhaltige Sammlung mediterraner und tropischer Pflanzen sowie Kakteen zwischen Brunnen und Wasserspielen lässt staunen. Und das nicht erst in heutiger Zeit: Zahlreiche Persönlichkeiten waren schon vom "Priestergarten" bezaubert, darunter auch Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi), die dort mit einer Büste verewigt ist. Sie war besonders beeindruckt vom Schmuckstück des Gartens, der "Palmera Imperial" oder "Kaiserpalme" - einzigartiges Exemplar einer Dattelpalme mit sieben Armen, die aus einem Stamm entwachsen. Und weil ein Arm rund zwei Tonnen wiegt, wird die Palme von einem Metallgestell gestützt.

Im "Hort dels Pontos" spazieren Besucher auf der "Palmen-Route" an einem der letzten Häuser in traditioneller Bauweise vorbei. Sie verfügten über eine große, oftmals aus Palmenstämmen gebaute Veranda, Küche und Schlafzimmer sowie einen Bereich für Tierhaltung im hinteren Teil.

Weiter geht es zum "Parque de Palmeras del Filet de Fora", 150000 Quadratmeter groß. Auf dem Gelände zeigt sich, dass es gelingen kann, das Weltkulturerbe zu erhalten und mit modernen Anforderungen wie Spielplätzen, Sportanlagen oder öffentlichen Einrichtungen in Einklang zu bringen. Das war nicht immer so: Im 18. und 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Gärten zerstört, um Häuser oder eine Eisenbahnlinie zu bauen. Erst nachdem Stadtarchivar Pedro Ibarra y Ruiz sich für den Erhalt einsetzte, erließ Spanien 1933 eine Schutzverordnung, 1986 zudem ein Gesetz zum Schutz des Palmenhains.

Die Stadt ist heute am vollständigen Wiederaufbau des Kulturerbes interessiert. Initiativen zum Erwerb von Gärten und deren Wiederaufforstung gehen damit einher. Glück auch für die "Palmereros" wie David Macia, die dadurch das ganze Jahr über reichlich zu tun haben. Nicht nur das Ausästen und Nachpflanzen von Palmen, deren Durchschnittsalter bei 225 Jahren liegt, gehört dazu. In den städtischen Gewächshäusern warten 50000 Palmen darauf, eingepflanzt zu werden. Im Frühjahr werden die Blüten der weiblichen Pflanzen mit dem Blütenstaub der männlichen Pflanzen befruchtet. "Dazu wählt man die Palmen mit den besten Datteln", erläutert Macia. Im Sommer werden die ausgetrockneten Palmblätter regelmäßig entfernt, Netze zum Schutz vor räuberischen Vögeln gespannt und die schweren Fruchtstauden angebunden - 50 bis 300 Kilo Ertrag bringt eine einzige Palme. Die lokale Dattelsorte gilt als Spezialität, die Besucher nur in der Region probieren können: Saftiger als nordafrikanische Datteln, dadurch weniger haltbar und für den Export ungeeignet ist sie. Deswegen werden die Früchte ausschließlich in Elche und Umgebung verkauft.

Im September beginnt die Erntezeit. "Wer dann zu Besuch kommt, kann die Palmereros überall in den Gärten bei der Arbeit sehen", erläutert Miguel Àngel Sanchez. Zu anderen Zeiten können Touristen im Palmenmuseum eine Tour mit "Palmerero" inklusive Kletterakrobatik buchen.

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