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Vertrauen verbessert die Heilungschancen
Partner, Halbgott oder Vaterfigur? Die unbewusste Rollenverteilung spielt in der Arzt-Patienten-Beziehung eine große Rolle. pr
23.11.2012 - 17:12 Uhr
Von Irene Schröder

Für den medizinischen Laien klingt es eigentlich ganz selbstverständlich: Wer voller Vorbehalte zum Arzt geht, wird sich wahrscheinlich schwerer heilen lassen als der Patient, der vertrauensvoll Behandlungen und Medikamente akzeptiert. Aber: Ganz so simpel funktioniert die Arzt-Patienten-Beziehung eben doch nicht. Halbgott in Weiß, väterlicher Freund, Partner auf Augenhöhe - nur ein paar Beziehungsmuster aus der (Arzt-)Praxis.

"Bindung in der Medizin - vom Molekül zur Arzt-Patienten-Beziehung" lautete das Thema der ersten Tagung in Deutschland, die sich aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Fachrichtungen mit dem Einfluss von Beziehungs- und Bindungserlebnissen auf Krankheitsverlauf und Heilungschancen befasste. Eingeladen hatte das Universitätsklinikum Heidelberg, rund 100 Mediziner, Therapeuten und Sozialarbeiter diskutierten mit den internationalen Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen.

Als Grundlage diente unter anderem eine Studie mit Schmerzpatienten am Universitätsklinikum. Sie ergab unter anderem, dass bei Patienten mit Bindungsunsicherheit Schmerztherapien auf lange Sicht weniger Erfolg haben. Als Risikofaktoren für chronische Schmerzen gelten unter anderem gesteigertes Belastungserleben, mangelnde Bewältigungsstrategien und Depressivität, die ebenfalls mit unsicheren Bindungserfahrungen einhergehen können.

"Die Ursachen liegen bereits in der frühen Kindheit", berichtet der Diplom-Psychologe Dr. Johannes C. Ehrenthal von der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik in Heidelberg. Der englische Kinderarzt und Psychotherapeut John Bowlby (1907-1990) entwickelte die sogenannte "Bindungstheorie", nach der Kinder im Alter bis zu zwei Jahren drei typische Bindungsmuster entwickeln: Der Typ "sichere Bindung" erwartet, dass auch in Krisenzeiten immer jemand da ist, dem er vertrauen kann. "Unsicher-vermeidende Kinder" gehen in unsicheren Situationen auf Distanz: Die kleinen "Pokerfaces" zeigen nach außen wenig Reaktion - weder Ängste noch Freude. "Unsicher-ambivalente Kinder" reagieren in jeder Situation ängstlich und/ oder aggressiv. Diese Verhaltensweisen werden sich im Laufe des Lebens kaum verändern und wirken sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso aus wie auf Krankheitserleben, Gesundheitsverhalten und biologische Stressreaktionen - das gilt übrigens für beide Geschlechter. "Die Bindungstheorie stützt sich auf Langzeituntersuchungen über einen Zeitraum von jetzt mehr als 40 Jahren", berichtet Ehrenthal.

"Wer unbewusst davon ausgeht, dass niemand ihm hilft, kann seinem Arzt nicht vertrauen", lautet eine der Haupterkenntnisse. Er kann sich seinem Arzt aber auch wahrscheinlich nicht mitteilen. "Wer sich selbst in diesem Bindungstyp erkennt, sollte mit dem Arzt offen darüber reden", lautet ein Expertentipp. "Es kann auch helfen, einen ,Spickzettel' mit in die Sprechstunde zu nehmen oder sich von einer Vertrauensperson begleiten zu lassen."

Häufig führe der Weg zu einem Therapieerfolg über die Partner, berichteten andere Referenten. Wenn beispielsweise bei einer Krebserkrankung das Umfeld miteinbezogen werde, stiegen die Chancen auf eine Heilung.

Erkenntnisse der Bindungstheorie spielen aber nicht nur im Sprechzimmer des Arztes eine Rolle. Durch entsprechende Tests lasse sich beispielsweise bei Bewerbungen der "Beziehungstyp" ermitteln. "Natürlich darf das nicht das einzige Kriterium im Hinblick auf Bindungsfähigkeit oder Verhalten in besonderen Krisensituationen - etwa von Rettungsdienst-Mitarbeitern - sein", erklärt der Heidelberger Diplom-Psychologe, "aber es liefert wertvolle Informationen."

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