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"Pflegebedürftigkeit ist nicht aufs Alter begrenzt"
Sieglinde Offner (links) und Anja Frischkorn vom Pflegestützpunkt Rastatt.  Foto: as
12.11.2014 - 18:38 Uhr
Was tun wenn die Kräfte nachlassen, Unterstützung, Entlastungen und Pflegeleistungen notwendig werden? Bei Eintritt oder im Vorfeld von Pflegebedürftigkeit stehen Betroffene und Angehörige oft vor einem Berg an Fragen und Problemen. Genau hier hilft ein Pflegestützpunkt, den es in Baden-Baden ebenso gibt wie im Landkreis Rastatt. Dort ist er seit 2011 im Landratsamt Rastatt beheimatet. Die Anlaufstelle bietet eine kostenlose und neutrale Beratung zu allen Fragen im Vor- und Umfeld einer Pflegesituation. Der Pflegestützpunkt (PSP) wird gemeinsam von den gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen und dem Landkreis Rastatt getragen und finanziert. Über die Aufgaben und das Thema Pflege hat sich BT-Redakteurin Anja Groß mit Anja Frischkorn und Sieglinde Offner vom PSP Rastatt unterhalten.

BT: Zu welchen Themen beraten Sie und mit welchen Fragen kommen Menschen zum Pflegestützpunkt?

Sieglinde Offner: Wir bieten ganz allgemein die Beratung und Unterstützung pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen. Das beinhaltet Informationen zu den regionalen Unterstützungsangeboten oder bei Bedarf auch zu Anbietern außerhalb des Landkreises genauso wie Auskünfte über rechtliche und finanzielle Fragestellungen oder die Hilfestellung bei Anträgen, Bereitstellung von Formularen und Vordrucken. Wir helfen aber auch individuell bei der Auswahl und Inanspruchnahme von Leistungen, koordinieren die Hilfe im Einzelfall, informieren aber auch über die vielfältigen Angebote von Selbsthilfegruppen und ehrenamtlichen Diensten. Darüber hinaus kommen auch viele zu uns, die sich einfach informieren wollen, bevor Pflege- oder Betreuungsbedarf besteht.

BT: Sind Sie eine unabhängige Beratungsstelle?

Anja Frischkorn: Die Leistungen des PSP sind kostenfrei, unabhängig und wettbewerbsneutral. Die Beratung erfolgt natürlich individuell und bedarfsorientiert. Die Schweigepflicht wird gewahrt.

BT: Viele Menschen möchten gerne so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Welche Voraussetzungen sind dafür erforderlich?

Offner: Ganz wichtig ist es, frühzeitig Vorkehrungen zu treffen, um im Bedarfsfall ein ausreichendes Hilfenetzwerk zur Verfügung zu haben. Dazu gehören neben der Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Betreuungsregelung beispielsweise die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises. Auch der behindertengerechte Umbau der Wohnung oder der Umzug in eine behindertengerechte, also in der Regel vor allem barrierefreie Wohnung muss bedacht werden. Wichtig ist es immer, geeignete Hilfsmittel auch zu nutzen und die Unterstützung durch Familie, Freunde und Ehrenamtliche rechtzeitig zuzulassen.

Interview

BT: Welcher Zeitpunkt ist aus Ihrer Sicht der beste, um sich mit dem Thema Alter und Pflege auseinanderzusetzen?

Frischkorn: Das Thema Pflegebedürftigkeit ist nicht auf das Alter begrenzt. Auch junge Menschen können aufgrund einer Behinderung oder als Folge eines Unfalls pflegebedürftig werden. Es ist deshalb bereits in jungen Jahren sinnvoll, sich mit dem Thema Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Betreuungsrecht zu befassen. Ebenso sollte die behindertengerechte Gestaltung der Wohnung oder des Hauses rechtzeitig geplant werden. Erfahrungsgemäß ist es nach Eintritt der Pflegebedürftigkeit für die betroffene Person nur noch schwer möglich einen Umbau oder Umzug selbstständig zu organisieren.

BT: Ob durch Unfall oder Krankheit - manchmal geht es ganz schnell, dass man nicht mehr alleine zurechtkommt. Was ist dann zu beachten und welche Hilfsangebote gibt es dann?

Offner: Sobald sich eine Pflegebedürftigkeit und Hilfebedarf abzeichnen ist es wichtig, sich umfassend über die Unterstützungsangebote und Leistungsansprüche zu informieren. Weiterhin sollte der benötigte Bedarf bekannt sein wie hauswirtschaftliche Hilfe, Hilfe bei der Körperpflege, Hilfe bei der Medikamenteneinnahme. Je nach Konstellation des Falls können folgende Beratungsstellen dabei helfen: Kliniksozialdienst, Pflegestützpunkt, Pflegeberater der Kranken- und Pflegekassen, Eingliederungshilfe/Integrationsamt, Versorgungs- oder Sozialamt beziehungsweise die Rentenversicherung.

BT: Ein großes Thema ist immer auch die Kostenfrage. Vermitteln Sie da auch zwischen Kranken- beziehungsweise Pflegekasse und Betroffenen?

Frischkorn: Zunächst beraten wir unsere Klienten zu den Leistungen der Kranken- und Pflegekassen. Des Weiteren können wir an die Sachbearbeiter oder Pflegeberater der Pflegekassen vermitteln oder, falls eine Schweigepflichtentbindung vorliegt, mit der Kranken- oder Pflegekasse im Namen des Klienten Kontakt aufnehmen.

BT: Immer mehr Familien pflegen und betreuen ihre Angehörigen weitgehend selbst. Was ist dabei zu beachten?

Offner: Laut Pflegegesetz sollen die Möglichkeiten einer ambulanten Pflege vor der stationären Unterbringung Anwendung finden. Ausdrücklich erwähnt wird auch, dass die Angehörigen durch die Pflege nicht überfordert werden dürfen. In Fällen, in denen die häusliche Pflege von einem Familienmitglied allein geleistet wird, kommt es jedoch häufig zu einer Überlastung dieser Pflegeperson. Das kann zu gesundheitlichen oder psychischen Beeinträchtigungen führen. Bei unseren Beratungen ist es uns wichtig, die pflegenden Angehörigen auf diese Gefahr hinzuweisen. Wir machen sie auf Unterstützungsangebote wie Gesprächskreise, Pflegekurse, Schulungen, Hilfe durch Ehrenamtliche oder Pflegedienste und die Tages- oder Kurzzeitpflege aufmerksam.

BT: Nun benötigt ein Demenzkranker schon allein von der Wohnsituation her andere Hilfen als jemand, der sich nach einem Schlaganfall "nur" eingeschränkt bewegen kann. Gehen Sie auch vor Ort, um sich ein Bild von der Situation zu machen?

Frischkorn: Wir bieten unsere Beratungen auch als Hausbesuche an, sofern dies gewünscht wird oder erforderlich ist. Die Beratungen beinhalten auch die Information zu Hilfsmitteln und Wohnraumanpassung. Bei Bedarf vermitteln wir an speziell ausgebildete Wohnraumberater des Kreisseniorenrats weiter.

BT: Vernetzung lautet heutzutage das Schlagwort. Inwieweit arbeiten Sie mit Dienststellen aus dem Bereich Pflege zusammen?

Offner: Wir arbeiten mit vielen Leistungsanbietern aus dem Pflegebereich zusammen. Dazu gehören niedergelassene Ärzte, Apotheken, Sanitätshäuser, Kliniken und Kliniksozialdienste, Pflegedienste, Tagespflegeeinrichtungen, stationäre Pflegeeinrichtungen, ebenso der Kreisseniorenrat, Selbsthilfegruppen oder das Gesundheitsamt.

BT: Manchmal ist es unumgänglich, einen Angehörigen in einer Pflegeeinrichtung unterzubringen. Übernehmen Sie dabei die Vermittlerrolle?

Frischkorn: Zunächst möchten wir die Ratsuchenden durch unsere Beratung in die Lage versetzen, die Heimplatzsuche selbstständig durchzuführen. Dazu gehört, dass wir die Adressen der stationären Pflegeheime im Landkreis Rastatt zur Verfügung stellen. Ebenso beraten wir hinsichtlich der Finanzierung einer stationären Pflege. In Fällen, in denen eine sehr zeitnahe Aufnahme in eine Einrichtung der Kurzzeitpflege oder eine vollstationären Einrichtung erfolgen soll, vermitteln wir auch Kontakte zwischen dem Klient und den Einrichtungen.

BT: Und wenn jemand keine Angehörigen, Freunde oder Bekannte in der Nähe hat und sich selber nicht mehr kümmern kann?

Offner: Wir übernehmen in Einzelfällen die Koordinierung weiterer Hilfen, falls keine Unterstützung durch Angehörige, Freunde, Bevollmächtigte oder Betreuer möglich ist.

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