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Friedhof als Ort der Begegnung
05.12.2012 - 18:20 Uhr
Erfurt (pr) - Die Diskussion um die Vielfalt der Bestattungsformen ist heute so kontrovers wie nie zuvor, und der Friedhof verliert als klassischer Ort der Trauer zunehmend seine Monopolfunktion. Dennoch: "Der Friedhof geht nicht unter, er wandelt sich", das ist das Resümee von Christoph Keldenich, Vorsitzender des Vereins Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas, nach dem ersten "Friedhofsgipfel" in Hamburg unter dem Motto "Trauer und Trost im dritten Jahrtausend".

Die Stadtplanerin Prof. Dr. Gerlinde Krause von der Fachhochschule Erfurt zeigte auf, dass es derzeit in Deutschland auf 32 000 Friedhöfen etwa 15 000 Hektar sogenannter Überhangflächen gibt. Das sind Friedhofsflächen, die nicht belegt sind, aber für Pflege und Instandhaltung im Jahr Kosten von rund 300 bis 500 Millionen Euro verursachen.

Das große Überangebot an Flächen habe verschiedene Gründe: Zum einen gab es aufgrund der höheren Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weniger Sterbefälle, zum anderen ist die Zahl der Feuerbestattungen mit anschließender Flächen sparender Urnenbeisetzung erheblich angestiegen. Insgesamt liegt der Anteil der Urnenbeisetzungen in Deutschland derzeit bei knapp über 50 Prozent; Tendenz steigend. Auch alternative Bestattungsorte wie Friedwälder, Kolumbarien oder die Seebestattung nehmen zu, stellt sie fest.

Unsere Gesellschaft und die Art, wie wir zusammen leben, werde sich weiter verändern und das habe auch Folgen für die Friedhofskultur. Wir werden "weniger, älter, vielfältiger, bunter und einsamer", lautet die Prognose von Krause. Durch den demografischen Wandel gebe es mehr Senioren. Das bedeute, dass die Sterbefälle in den kommenden Jahren wieder deutlich zunehmen werden. Dennoch würden nicht zwangsläufig mehr Friedhofsflächen benötigt, denn der Trend zur Feuerbestattung werde anhalten, meint sie.

Der Hamburger Sozial- und Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Norbert Fischer erforscht seit langem, wie sich das Erscheinungsbild der Friedhöfe wandelt. Er geht davon aus, dass es durch die geringer werdende Zahl der klassischen Familien- und Einzelgrabstätten zukünftig zu einer Veränderung der gesamten Struktur vieler Anlagen kommen wird. Deutliche Anzeichen dafür gäbe es derzeit überall zu beobachten. Vor allem sogenannte Memoriamgärten würden vielerorts bald das Bild bestimmen. Diese Gärten seien kleine Naturlandschaften, die zumeist thematisch angelegt sind, und bei denen Gräber ausschließlich mit Verträgen zur Dauergrabpflege verkauft werden.

Und auch sonst werde sich das Bild der Friedhöfe und Grabstätten weiter wandeln. "In der Zeit vor 1995 hat man den Gefühlen auf Friedhöfen häufig kaum Raum gelassen", so Fischer. Danach wäre die Grab- und Grabsteingestaltung viel individueller geworden und persönliche Erinnerungsstücke wie kleine Engel, Plüschtiere, Fotos und Briefe hätten Einzug gehalten.

Diese Entwicklung werde sich noch fortsetzen; künftig rückten Leben und Tod auch wieder näher zusammen, prophezeit er. Friedhöfe würden dann nicht mehr unbedingt nur Orte zum stillen Gedenken sein. Vielerorts denke man bereits darüber nach, Cafés als Begegnungsstätten oder Kinderspielplätze auf Friedhöfe zu integrieren - oder habe dies bereits umgesetzt.

Dass die Geschichte des Friedhofs immer weiter geht und sich gesellschaftlichen - aber auch technischen - Entwicklungen anpasst und Neues aufgreift, wurde von zwei Steinbildhauern beim Friedhofsgipfel in Hamburg veranschaulicht. Timothy C. Vincent und Andreas Rosenkranz arbeiten derzeit beide daran, sogenannte QR-Codes in die Grabmalgestaltung zu integrieren. Über das Smartphone hat der Besucher so direkt eine Verbindung zu Webseiten, auf denen der Verstorbenen gedacht wird.

Auf diese Weise werde eine Brücke geschlagen zwischen virtueller Welt - die in den vergangenen Jahren für die Trauer der Hinterbliebenen eine zunehmende Bedeutung erlangt hat - und dem realen Beisetzungsort.

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