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Nächster Schritt: Tamagotchis jagen
Nächster Schritt: Tamagotchis jagen
26.06.2018 - 11:44 Uhr
Von Dietmar Blicker

Baden-Baden - Alter Schwede war das knapp - und dann ganz krooses Kino mit XXL-Happy-End. Dabei dachte ich bei der Einblendung der Aufstellung noch: Hector, Rudy, Rüdiger - naja, zugegeben ganz gute Kicker, aber wenn unsere Elitejungs mal in der Soccerarena zocken gehen würden, würden diese drei Helden sicher nicht zuerst gewählt werden. Weltklasse sieht in meinen Augen jedenfalls anders aus. Rudy macht vielleicht noch Sinn, um beim Zustellen von Passwegen in der Defensivbewegung stabiler zu werden, aber mit seiner Sockenverkäufer-Ausstrahlung kann man ihn bei einem Rückstand nicht unbedingt gebrauchen. Auf der linken Seite ohne den schlichten Plattenbau geht bei Hector natürlich mehr, aber es geht auch mehr schief. Und Rüdiger war in der ersten Halbzeit der gefährlichste Mittelfeldspieler - aber leider eher der Schweden!

Das Spiel hatte aber auch Lichtblicke. Es war eine geisteskrank gute Anfangsphase - bis auf die Abspielfehler im Spielaufbau. Aber wenigstens konnte man da sehen, dass Neuer wieder absolut da ist.

Die Elchjünger hätten trotzdem einen Elfmeter bekommen müssen und Boateng schon früher Rot. Aber unsere Jungs haben sich unermüdlich immer wieder Chancen erspielt, was man von vielen Favoriten dieser WM nicht behaupten kann. Trotzdem: Der Führungstreffer von Toivonen, übrigens sein erstes Tor in dieser Saison, war absolut scharf.

Sogar Müller hörte auf zu lächeln

Kleinigkeiten im Regalaufbau entscheiden halt über den Erfolg - und so blieben sogar dem positiven Betrachter die fatalen Abspielfehler, die unsere biederen, schwedischen Freunde erst stark werden ließen, in der Halbzeit auch im Kopf beziehungsweise in Rudys Nase hängen.

Aber dann - als der göttliche Reus das Gerät mit dem Knie ins Eck gewuchtet hatte, schien jedem klar: Jetzt kommt der Weltmeister. Aber von wegen! Gomez mit Österreich-Gedächtnis-Chancen kurz vor dem Burnout, die eigenen Spieler schießen den schwedischen Torwart an und Boateng rauscht wie ein Volvo-Kleinlaster in Marcus Berg. Als dann trotz Unterzahl unser Konfirmand Brandt auch noch den Innenpfosten traf und im schwedischen Strafraum so viel Platz war wie samstags um 12 Uhr bei IKEA, dachte ich endgültig, alle und alles hätte sich gegen uns verschworen. Sogar Müller hatte kurzzeitig aufgehört zu lächeln.

Ein Blick in Toni Kroos' Gehirn

Dann kam die 95. Minute, die letzte Sekunde, die letzte Aktion. Versetzen wir uns kurz in die Großhirnrinde von Toni Kroos: "Okay, ich habe zwar mein schlechtestes Spiel seit vergangenem Sonntag gemacht, habe den Gegentreffer verursacht, aber ich übernehme jetzt trotzdem oder gerade deshalb Verantwortung und geh' zum Freistoß. Und dann flank ich euch auch nicht den Ball vors Tor, sondern versuche, einen angeschnittenen Bogenball rechts oben in den Schrank zu zimmern. Hab' ich das letzte Mal bei Hansa Rostock in der C-Jugend gemacht. Das passt schon." Wie viel Selbstbewusstsein und fußballerische Klasse muss einer dafür haben?

Bierhoff hatte schon die Tempos zum Weinen gerichtet, die er kurzerhand Rudy in die Nase stopfte, damit der nach Schlusspfiff wenigstens noch mit der Mannschaft knuddeln konnte. Das zeichnet das deutsche Team wohl wirklich aus - kämpfen bis zur letzten Sekunde und immer daran glauben, dass es klappt. In diesem tollen Sport ist zum Glück alles möglich. Vielleicht war das der Wendepunkt und wir fegen die Tamagotchis morgen vom Platz und gewinnen wieder 7:1 gegen Brasilien im Achtelfinale...

Bald werden wir es wissen. Bis dahin: Immer positiv denken. Dann gibt's am Schluss auch krooses Kino!

Zur Person: Der 47-jährige Dietmar Blicker ist Hochschulsportleiter am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und ein ausgewiesener Fußball-Fachmann. So war er zehn Jahre lang Trainer des Verbandsligisten 1. SV Mörsch, bevor er ab kommender Runde beim ATSV Mutschelbach das Kommando an der Seitenlinie übernimmt. Zudem ist Blicker im Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Drittligisten Karlsruher SC für die Qualitätssicherung zuständig.

Grafik: BT

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