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Die BT-Kolumne: Woran hat et denn jelegen?
29.06.2018 - 10:22 Uhr
Baden-Baden (red) - Best never rest? Die Werbekampagne der DFB-Marketing-Abteilung kann man ab sofort getrost in den Müll(eim)er kicken. Es war zwar kein Ausruhen am Mittwoch, aber Aufbäumen sieht anders aus. Wahrscheinlich werde ich die nächsten Tage noch des Öfteren denken, hoffen und mir wünschen, ich hätte alles nur geträumt. Einfach aus der WM katapultiert - gegen ein letztendlich biederes Südkorea, in dessen Kader man bis auf drei Ausnahmen die Spieler aus renommierten Spielklassen verzweifelt sucht. Letzter in der Vorrundengruppe! Ich bin noch immer ein wenig in Schockstarre.

Natürlich stellt man sich nach dem Super-GAU in Kasan die Frage eines beliebten Fußball-Youtube-Klassikers: Woran hat et denn jelegen? Waren es wirklich die berühmten Kleinigkeiten? Sicher hatten wir ein Chancenplus, aber die Südkoreaner hatten schon auch ein paar Möglichkeiten. Natürlich müssen wir eine der gefühlt zehn Kopfballchancen im Strafraum einfach versenken. Sicher hätte man müssen, sollen, können. Und dann? Hätte es wahrscheinlich am Montag gegen Brasilien nicht sein sollen.

Klar, man kann sich jetzt über die Spielkonzepte unserer Jungs unterhalten, der Jogi wollte halt durch sein 4-2-3-1 Überzahlsituationen auf dem Flügel herstellen, aber warum rennt Jonas Hector bei Ballbesitz Deutschland als "Achter" rum? Vielleicht ist das ja zu hoch für mich als Amateurtrainer, aber dieses "sich den Gegner zurechtlegen" - ich kann es nicht mehr hören. In manchen Situationen ist es ganz einfach: Wer nicht schießt, schießt kein Tor.

Noch-Weltmeistern fehlt mentale Stärke

Erschwerend kam hinzu, dass wir ein Spieltempo an den Tag legten, das sich mit dem des bedauernswerten Diego Maradona vergleichen lässt, als dieser nach dem Argentinienspiel seinen Sitzplatz Richtung Bar verließ. Nur am Anfang gab es Positionswechsel, dafür fast keine torgefährlichen flachen Bälle in die Endzone und noch vieles mehr an der Taktiktafel. Hinzu kommt, dass die Noch-Weltmeister einfach auch mental nicht gut drauf waren.

Bemerkenswert und ebenso bezeichnend finde ich, dass ich hierzulande niemanden von "Die Mannschaft" habe reden hören, wenn es um "unsere Elf" ging. "Die Mannschaft" hat sicherlich ein paar Typen zu bieten. Aber Mats Hummels, Thomas Müller und Manuel Neuer, der Bayernblock, haben alle keine gute Saison hinter sich. Da war keiner, der im letzten entscheidenden Gruppenspiel das russische Gras gefressen hätte. Nicht mal mein Lieblingsspieler Müller, den ich schon immer sensationell fand, vielleicht weil mein Vater früher im Wohnzimmer vor der Glotze immer Müller geschrien hat, auch wenn das ein ganz anderer Müller war.

Keine Kommunikation auf dem Platz

Was mich persönlich traurig gemacht hat, war die Tatsache, dass man nicht das Gefühl hatte, die Jungs pushten sich auf dem Platz gegenseitig. Keiner redete mit dem anderen - das sagt sehr viel aus. Vielleicht entstand auch deshalb nicht das Bild von "Die Mannschaft". Mannschaften erkennt man daran, wie sie bei Rückstand miteinander umgehen. Wenn aber die Kraft des Zusammenhalts nicht zu spüren ist, fehlt schnell der Respekt des Gegners. Dann reicht auch einfache südkoreanische Fußballkost, um uns unsere schon fest eingeplanten Public-Viewing-Termine im Biergarten unseres Vertrauens zunichte zu machen.

Ob uns am Ende die Qualität oder doch eher der unbedingte Wille gefehlt hat, werden wir wohl nicht auflösen. Ich muss mich jetzt erst mal vom Schock erholen und fahr ein paar Tage nach Italien. Da finde ich auf jeden Fall an jeder Ecke Leidensgenossen, die mir vielleicht erklären können, woran et jelegen hat.

Ab nächster Woche schauen wir dann in der K.o.-Phase mal, wie weit wir von den anderen Teams entfernt sind.

Dann hab ich auch wieder bessere Laune. Versprochen!

Zur Person: Der 47-jährige Dietmar Blicker ist Hochschulsportleiter am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und ein ausgewiesener Fußball-Fachmann. So war er zehn Jahre lang Trainer des Verbandsligisten 1. SV Mörsch, bevor er ab kommender Runde beim ATSV Mutschelbach das Kommando an der Seitenlinie übernimmt. Zudem ist Blicker im Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Drittligisten Karlsruher SC für die Qualitätssicherung zuständig.

Grafik: BT

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