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Die Zeit steht still im Lichterglanz
Die Zeit steht still im Lichterglanz
24.12.2018 - 08:02 Uhr
Von Wolfram Frietsch

Baden-Baden - Meine Erinnerung an Weihnachten setzt ein mit dem ungeduldigen Warten vor einer Zimmertür im dunklen Gang. Bald würde das Glöckchen zu hören sein, das zur Bescherung ruft. Endlich. Die Tür öffnet sich. Der Weihnachtsbaum strahlt im hellen Glanz - ein Eindruck, der für mich in diesem Moment stärker war als der Drang nach Geschenken.

Die bunten Weihnachtskugeln und das silbrige Lametta, die brennenden Kerzen und die Krippe - sie verstärkten den besonderen Moment naiven Staunens, in dem meine Kinderwelt still zu stehen schien. Der Raum war verzaubert. Das Zimmer wirkte eigenartig fremd und doch vertraut. Überhaupt schien alles in eine sehr eigentümliche Stimmung getaucht zu sein. Die Welt war dunkel. Der tiefgrüne Tannenbaum schien magisch beseelt.

Eindrücke wie diese können uns ein Leben lang begleiten und immer wieder neu erinnert werden. Sie existieren scheinbar außerhalb der Zeit, in besonderen Momenten der Zeitlosigkeit.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer sprach davon, dass plötzlich, inmitten des Alltags sich ein Moment der Zeitlosigkeit und Ruhe einstellen kann, der uns herauskatapultiert aus der Hektik und Getriebenheit des Daseins. Er nannte das ein "zeitloses Jetzt", in dem wir - im Sinne des Wortes - die Zeit losgeworden sind. Sie existiert dann nicht.

Gerade in der Weihnachtszeit gibt es genügend Hinweise auf solche Augenblicke, auch wenn wir ihre Symbolik im Trubel leicht übersehen. Offensichtlich symbolisiert auch die Geburt des Christkinds solch einen ganz besonderen Moment.

Was aber ist das Besondere daran? Ist es die Geburt eines Erlösers oder Heilands? Oder wird ein Aberglaube jedes Jahr aufgewärmt? Ein Kind, geboren in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres, soll die Antwort auf den ewigen Kampf sein zwischen Licht und Finsternis? In der Tat, denn die Bedeutung dieser Geburt ist die der Entzündung eines Lichts inmitten von Dunkelheit. Obwohl es vollständig von der Dunkelheit umgeben ist, kann die Dunkelheit es nicht erfassen. Dieses Licht wird zu einem Symbol der Zeitlosigkeit.

Erspüren, worum es im Leben geht

Betrachten wir den Weihnachtsbaum mit seinen bunten Kugeln: Die Kugel ist ein Symbol der Vollkommenheit. Sie hat weder Anfang noch Ende, und in ihr sind alle Gegensätze vereint. Die Weihnachtskugel erinnert auch an den Apfel, der zum Symbol der Vertreibung aus dem Paradies wurde. Der Apfel - Symbol des Sündenfalls - wird in unserer Weihnachtskugel zu einem Symbol, das den ersten Sündenfall aufhebt und den Weg zu einer neuen Einheit weist. Es ist kein Zufall, dass die Kugeln zusammen mit Früchten und Süßigkeiten am Tannenbaum hängen. Sogar die Süßigkeiten haben ihre Bedeutung, denn die Süße war im Mittelalter nur ein anderer Begriff für das Heilige.

Der Nadelbaum selbst, der im Winter grün bleibt, während alles in der Natur abgestorben scheint, verweist auf die Ewigkeit. Auch er steht für das Überdauern der Zeit. Dasselbe bedeuten die Lichter am Baum. Gerade im dunkelsten Moment des Winters erstrahlt das Kerzenlicht und wird so zu einem trotzigen Symbol der Neugeburt von Hoffnung und Zuversicht.

Tannenbaum, Weihnachtsschmuck, Lichter und Kerzen sprechen eine Sprache, die uns berühren kann. Sie sind die Antwort auf den Zauber der Weihnachtszeit. Ihre Symbolik birgt ein Geheimnis, das es uns ermöglicht, den dunklen Schleier der Welt - einem Zauberwort gleich - zu lüften.

"Schläft ein Lied in allen Dingen/die da träumen fort und fort/und die Welt hebt an zu singen/triffst du nur das Zauberwort." Das Gedicht von Joseph von Eichendorff trifft diese geheime Erwartung des Menschen, dass die Welt uns ihren Sinn mitteilt und wir erspüren, worum es im Leben geht. Dieses Zauberwort ist nicht nur lichtes Hoffen auf Erkenntnis und Gewissheit, wie es in jedem von uns schlummert, um erweckt zu werden, sondern auch das dunkle Ahnen der Zeitlosigkeit. Der Dichter Novalis schreibt folgerichtig: "In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten." Die Kinderzeit der Bescherung, sie lebt immer in uns weiter.

Wenn wir uns auf das besinnen, was die symbolische Botschaft dieser "dunklen Zeit" ist, dass in ihr ein Licht entzündet wird, das weder Dunkelheit noch Helligkeit erzeugt haben und das weder dem Tag noch der Nacht angehört, dann ändert sich die Farbe der Nacht und in der Lichtung der Finsternis eröffnet sich der Blick auf das Zeitlose.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein friedvolles Weihnachtsfest.

Der Autor ist Doktor der Philosophie und Vorsitzender der Gesellschaft für angewandte Philosophie Baden-Baden.

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