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Winnenden: "Zeit heilt Wunden - das stimmt hier nicht"
Winnenden: 'Zeit heilt Wunden - das stimmt hier nicht'
11.03.2019 - 17:34 Uhr
Winnenden (dpa) - Als um 9.33 Uhr die Kirchenglocken in Winnenden ertönen, hüllt sich der Platz an der Gedenkstätte in Schweigen. Hunderte Menschen stehen dort - jeder ist nun mit seinen Gedanken, mit seinen Erinnerungen für sich.

"Kaum einer in Winnenden ist nicht betroffen", sagt Christina Riedl. Ihr Vater war Lehrer an der Albertville-Realschule, an der ein ehemaliger Schüler am 11. März 2009 das Feuer eröffnete.

Der Vater überlebte den Amoklauf, acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen werden ermordet. Der 17 Jahre alte Amokläufer tötet auf seiner Flucht nach Wendlingen drei weitere Menschen und schließlich sich selbst. "Jeder hier weiß, was er an dem Tag gemacht hat. Der Tag hat sich eingebrannt", sagt Riedl.

Zum zehnten Jahrestag kommen rund 350 Menschen: Angehörige, ehemalige Schüler, Einwohner. Innenminister Thomas Strobl und Kultusministerin Susanne Eisenmann (beide CDU) sind angereist, Kamerateams und Fotografen haben sich postiert.

Keine Routine, auch nicht nach zehn Jahren

An den Medienauflauf zu den Gedenktagen scheinen die Trauernden gewöhnt zu sein - doch im Umgang mit dem Schock, der damals in die Kleinstadt im Rems-Murr-Kreis fuhr, will sich keine Routine einstellen. "Es ist so bitter für uns. Das fällt auch nicht leichter mit jedem Jahr", sagt eine Frau, deren Arbeitskollege beim Amoklauf seinen Sohn verlor.

Von der Realschule bilden heutige Schüler eine Menschenkette hin zum nahe gelegenen Stadtpark, wo ein Mahnmal an die Ermordeten erinnert. Ihre Namen sind innen in dem tonnenschweren "Gebrochenen Ring" zu lesen - die meisten waren 15 oder 16 Jahre alt.

"Jedes Mal, wenn man hier vorbeifährt, denkt man daran", sagt die 18 Jahre alte Jil Weber. Sie ging noch zur Grundschule, als sich die Bluttat ereignete. Die junge Frau erinnert sich: Die Rollos seien auf einmal runtergegangen. Später hätten Eltern oder Großeltern die Schüler abgeholt. "Jetzt realisiert man viel mehr als früher, was damals eigentlich geschah."

Gemeinsam mit anderen Frauen liest Jil Weber zehn Jahre später die Namen der Ermordeten vor. Es ist - neben dem Läuten der Kirchenglocken zum Zeitpunkt des ersten Notrufs oder den 15 weißen Rosen am Mahnmal - eines der Rituale, mit denen man in Winnenden versucht, das Unfassbare zu greifen.

"Das Verlesen der Namen ist jedes Mal ein Stich ins Herz"

"Das Verlesen der Namen ist jedes Mal ein Stich ins Herz. Wenn man den Namen seines Angehörigen hört, wird aber jedes Mal ein Stück klarer, dass das so passiert ist - das hilft beim Schritt zur Akzeptanz", sagt der Psychologe Georg Pieper. Er gilt als einer der erfahrensten Trauma-Experten in Deutschland. Gedenktage sind seiner Ansicht nach extrem wichtig. "Es gibt viele Betroffene, die sagen, ich brauche so was nicht, ich denke eh jeden Tag daran. Das ist richtig, aber im Alltag ist das häufig so nicht möglich."

"Zeit heilt alle Wunden - das stimmt hier nicht", sagt Andreas Söltzer. Seine Kinder, damals neun und elf Jahre alt, besuchten nicht die Albertville-Realschule, aber ein Gedanke habe sich damals breit gemacht: "Es hätte unser Kind treffen können", so Söltzer. "Man kann nicht rückgängig machen, was passiert ist. Aber man kann etwas dafür tun, dass das nie mehr passiert."

Mehr Kontrollen von Waffen in Privathaushalten

Das macht er im Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden, das kurz nach der Tat von Angehörigen ins Leben gerufen wurde. Das Bündnis, aus dem die Stiftung gegen Gewalt an Schulen hervorging, setzte sich erfolgreich für Kontrollen zur Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten ein, engagiert sich für mehr Sicherheit an Schulen, gegen Gewalt und Mobbing.

Winnendens Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth (CDU) betont in seiner Rede am Montag, man sei nicht allein mit Trauer und Leid. "Wir fühlen deswegen heute mit allen Menschen, in jedem Land in der ganzen Welt, die von einem Amoklauf, von Terror oder gar Krieg betroffen sind." Er wünschte allen "die notwendige Achtsamkeit, um auch in Zukunft gut miteinander leben zu können."

Foto: dpa

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