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Vier Fragen an: Cem Hübner-Müller
Vier Fragen an: Cem Hübner-Müller
28.04.2019 - 08:00 Uhr
Rastatt - Jedes Jahr im Frühjahr beginnt das Spiel aufs Neue: Die Pflanzen sprießen, die Bäume blühen - die Augen jucken und die Nase läuft. So schön der Frühling auch ist, er ist der Auftakt für den Pollenflug. Einer, der sich fast täglich mit Allergien beschäftigt, ist Dr. Cem Hübner-Müller vom Klinikum Mittelbaden. Er ist im Medizinischen Versorgungszentrum Rastatt in der Dermatologie tätig und Facharzt für Allergologie. BT-Volontärin Janina Fortenbacher hat ihm vier Fragen gestellt.

BT: Herr Hübner-Müller, so schön der Frühling für viele ist, so anstrengend kann er für Allergiker sein. Doch es sind nicht nur die Frühjahrsmonate, die Heuschnupfengeplagte leiden lassen. Bereits seit einigen Jahren dehnt sich die Pollensaison immer weiter aus. Woran liegt das?

Cem Hübner-Müller: Der Klimawandel führt in unseren Breiten zu deutlich höheren Temperaturen, außerdem nehmen die Extremspitzen zu - denken wir an die Heiligabende 2012, 2013, 2015 mit Höchsttemperaturen von 15 Grad in Rastatt. So tritt der Pollenflug deutlich früher ein, der Beschwerdezeitraum verlängert sich. Außerdem breiten sich durch die Handelsströme zunehmend Pflanzen aus ursprünglich nichteuropäischen Ländern bei uns aus. Ein Beispiel ist Ambrosia/Traubenkraut, das sich bei uns auf Brachflächen ausgesprochen wohlfühlt und uns eine Pollenlast beschert. Die Ambrosia-Pollen sind hochgradig allergen und belegen somit weitere Monate mit symptomatischen Beschwerden für Pollenallergiker.

BT: Wie genau entsteht eine Pollenallergie und was bewirkt sie im Körper?

Hübner-Müller: Die Pollenallergene, also die allergieauslösenden Bestandteile der Pflanzenpollen, treten beim Einatmen in Kontakt mit den Oberflächen unserer Nasen-, Mund- und Bronchialschleimhaut. Dort lösen sie eine überschießende Reaktion unseres Immunsystems aus: Die Augen jucken, tränen und werden rot, die Nase läuft, kann aber auch einseitig verstopfen. Im Mund tritt häufig ein Kribbeln auf, eventuell ein Kloßgefühl, Schluckbeschwerden, Hustenreiz oder die Stimme wird rau und heiser. Bei Befall der Bronchien verspürt man ein Engegefühl im Brustkorb, das Atmen wird schwerer, asthmatische Beschwerden können sich ausbilden mit Einschränkung der allgemeinen Leistungsfähigkeit in den Pollenflugmonaten.

BT: Wie kann ich herausfinden, welche Pollen genau die allergische Reaktion hervorrufen?

Hübner-Müller: Treten die oben genannten Beschwerden nur wenige Wochen im Jahr, und über Jahre hinweg, fast immer im gleichen Zeitraum auf, ist ein Blick auf den Pollenflugkalender hilfreich. Im Pollenflugkalender sind die jeweiligen, allergieauslösenden Bäume, Gräser, Kräuter, auch Schimmelpilzsporen entsprechenden Monaten zugeordnet. Bei mehrdeutigen, überlappenden Monaten sollten Sie allerdings einen allergologisch versierten Arzt aufsuchen. Eventuell führt präzises Nachfragen dieses Arztes, die sogenannte allergologische Zielanamnese, bereits zur Beantwortung der beschwerdeauslösenden Pollen. Des Weiteren bedienen wir uns verschiedener diagnostischer Verfahren. Beim Pricktest werden verdünnte Pollenextrakte in Flüssigform auf den Unterarm getropft, die Haut wird ganz oberflächlich mit einer Lanzette geritzt, 20 Minuten später kann der Test abgelesen werden - im positiven Fall bildet sich eine juckende Hautquaddel im getesteten Feld aus. Darüber hinaus können Blutuntersuchungen auf spezielle Antikörper gegen die in Frage kommenden Pollen erfolgen. Dies sind die beiden am häufigsten in Deutschland durchgeführten Testverfahren. Im Einzelfall kann auch eine Provokationstestung erfolgen: Hierbei werden mit Pollen versehene Nasensprays oder Augentropfen auf die jeweilige Schleimhaut aufgebracht. Nachfolgend findet dort eine typische allergische Reaktion statt, die ärztlich beurteilt wird.

BT: Welche Möglichkeiten haben Betroffene, bei besonders hoher Pollenbelastung vorzubeugen oder ihre Symptome zu lindern?

Hübner-Müller: Die optimale Vorbeugung ist die Allergenvermeidung, die in der Pollenflugzeit eigentlich nicht zu erreichen ist, außer man verlässt das Gebiet. Man kann jedoch Maßnahmen der Pollenreduktion ergreifen, etwa der Einbau eines Pollenfilters im Fahrzeug, Waschen der Haare vor dem Schlafengehen, damit die Pollendichte am Kopf abnimmt. Auch sollte man sich als Betroffener eher in geschlossenen Räumen als im Freien aufhalten. Zur Symptomlinderung bei leichten Beschwerden eignen sich frei verkäufliche Antiallergiemedikamente, beispielsweise Antihistaminika. Bei komplizierteren Beschwerdeverläufen suchen Sie aber am besten einen allergologisch erfahrenen Arzt auf. Hier kann ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Linderung der Beschwerden ergriffen werden. Es können stärker wirkende Präparate aus der Gruppe der bereits genannten Antihistaminika, aber auch Kortisonpräparate in unterschiedlichen Darreichungsformen verordnet werden. Ihr Arzt kann auch entscheiden, ob die Durchführung einer mehrjährigen Hyposensibilisierung nötig ist. Diese behandelt den Grund und nicht die Symptome Ihrer Beschwerden. Für Pollenallergiker sind Hyposensibilisierungspräparate in Tablettenform, aber auch als Lösung zum Eintropfen auf den Zungengrund verfügbar, ebenso wie Spritzenpräparate für die Injektion unter die Haut.

Foto: Klinikum Mittelbaden

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