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"In Baden-Baden lernte ich weinen"
'In Baden-Baden lernte ich weinen'
25.05.2019 - 09:38 Uhr
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" werden die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl. Heute erzählt Hatixhe Azemi. Sie kam 1993 nach dem Ausbruch der Jugoslawienkriege aus Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, nach Baden-Baden. Hier heiratete sie ihren Mann Skender, der ebenfalls aus dem Kosovo fliehen musste.

"Es war im Mai 1992, als ich Skender kennenlernte und mich sofort in ihn verliebte. Er war an der rumänischen Grenze angehalten und in den Kosovo zurückgeschickt worden - mit einem Stempel im Pass, der den Grenzübertritt verbot. Nur deshalb verschlug es ihn nach Pristina; in sein Heimatdorf konnte er damals nicht zurück, denn dort wurde er von den Serben verfolgt. Jeden Tag legte er in diesem Sommer den Pass in die pralle Sonne, damit der Stempel verblasste. Später sagte er immer: "Die Rumänen haben mich zurückgeschickt, damit ich Hatixhe kennenlerne."

"Komm doch nach Baden-Baden"

Skender war besonders: "Wir machen alles zusammen, ich werde nie dein Chef sein". Das imponierte mir, denn ich war in der Stadt groß geworden und sehr selbstständig: Ich war Hebamme und arbeitete in einem Krankenhaus. Nur zwei Monate später machte er sich wieder auf den Weg, und dieses Mal gelang es ihm, nach Deutschland zu fliehen. Ich hatte ihm versprochen, auf ihn zu warten. Wir rechneten damit, dass er spätestens nach einem halben Jahr zurückkehren würde, aber die Lage im Kosovo wurde immer gefährlicher. So telefonierten wir ein Jahr lang jeden Samstag. Irgendwann meinte er aus Spaß: "Komm doch nach Baden-Baden, ich habe inzwischen ein eigenes Zimmer." Er hatte im "Leo's" einen Job als Tellerwäscher gefunden.

Negative Erlebnisse

Aus dem Spaß wurde Ernst! Natürlich sehnte ich mich nach ihm. Und ich sah tagtäglich, was mit den Kosovoalbanern in Serbien passierte. Mein Schulkamerad Fatmir Krasniqi war bei Kriegsausbruch wie so viele junge albanische Männer ins serbische Militär eingezogen worden. Viele von ihnen kamen nicht lebend zurück. Oft bekamen die Angehörigen einen Sarg geschickt, den sie nicht öffnen durften. Aber das verstößt gegen den muslimischen Ritus. Ein Toter muss gewaschen werden, dann wird er in ein weißes Tuch gewickelt und beerdigt. Fatmirs Eltern hatte man mitgeteilt, dass ihr ältester Sohn Selbstmord begangen habe, aber sie konnten es nicht glauben. Sie sägten den Sarg auf und sahen am Körper ihres Jungen eine lange zugenähte Wunde. Hatte man ihn etwa gefoltert? Hatte man ihm ein Organ entnommen? Gerüchte machten die Runde. Wegen solcher Vorfälle flohen viele junge Albaner, um nicht eingezogen zu werden, und eine ganze Generation junger Frauen blieb unverheiratet.

Mir hatte auch die Geschichte eines jungen Mädchens in unserem Krankenhaus einen großen Schreck eingejagt. Es kam zur Ultraschalluntersuchung, um zum ersten Mal ihr werdendes Kind zu sehen. Ihre Mutter und ihr Bruder, die sie begleiteten, weinten. Sie selbst sagte nichts und sah sehr ernst aus. Ich fragte mich, warum sie sich nicht freuten, dass ein kleiner Mensch zur Welt kommen würde. Als die Ärztin wissen wollte, wo eigentlich der Vater des Kindes sei, sagte das Mädchen: "Ich bin von fünf serbischen Polizisten missbraucht worden. Bitte sagen Sie es keinem." Später, als sie weg war, meinte die Ärztin, das sei kein Einzelfall; sie kenne viele junge Frauen, die dasselbe berichtet hatten.

Zu Fuß durch die Nacht

Am 19. Juni 1993 stieg ich in einen Bus nach Pilsen im Westen der Tschechischen Republik. Dort hatte ich mich mit Skender verabredet, der inzwischen alles perfekt für meine Flucht nach Deutschland organisiert hatte: Er hatte einen alten VW aufgetrieben und zwei Begleiter. Einer von ihnen kannte den Wald an der Grenze zwischen Tschechien und Deutschland sehr gut. Als die drei an die Grenze kamen, blieb das Auto mit einem der Männer auf der deutschen Seite zurück.

Der andere Mann mit Ortskenntnis und Skender überquerten heimlich die Grenze im Wald zu Fuß, um dann in einen Bus nach Pilsen zu steigen und mich abzuholen. Als wir uns endlich nach über einem Jahr wiedersahen, erkannte ich Skender im ersten Moment nicht wieder! Wir hatten uns zu lange nicht gesehen. Mit dem Bus und dann zu Fuß ging es mit den beiden Männern zurück zu dem Waldstück. Wir mussten uns in einer sehr dunklen Nacht zu Fuß durchschlagen. Nur unendliche Glühwürmchen schwirrten um uns herum. Das einzige, was ich sehen konnte, war die helle Jeans von Skenders Begleiter vor mir, mein Wegweiser durch das Dickicht. Wir schafften es tatsächlich bis zu der Straße auf der deutschen Seite, auf der der alte VW hin- und herfuhr. Denn einen genauen Treffpunkt und eine genaue Zeit hatte Skender nicht ausmachen können. Damals gab es noch keine Handys. Zähneklappernd saß ich im Auto. Erst jetzt merkte ich, wie kalt mir war und wie viel Angst ich gehabt hatte.

Erster Tag war wie Urlaub

Mein erster Tag in Baden-Baden war wie Urlaub, aber dann bekam ich unendlich Heimweh. Die Schönheit der Stadt sah ich nicht. Ich fühlte mich allein: Ich verstand die Sprache des Landes nicht, und Skender arbeitete die ganze Zeit. Er war so anders, als ich ihn in Erinnerung hatte. Immer war es er, der bestimmte, was zu tun war. Das mochte ich gar nicht. Hatte ich mich richtig entschieden? Kannten wir uns wirklich gut genug? Erst später verstand ich, warum er sich so verhielt: Es lag daran, dass er sich für alles so verantwortlich fühlte. In Baden-Baden lernte ich weinen! Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich hierbleiben und eine neue Heimat finden würde, und dass meine Kinder mit serbischen Schulkameraden spielen würden.

Foto: Privat

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