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Vier Fragen an: Sven Plöger
28.07.2019 - 08:00 Uhr
Baden-Baden (marv) - Er dürfte fast jedem Deutschen ein Begriff sein: Wetterfrosch Sven Plöger. Der Diplom-Meteorologe präsentiert seit Jahrzehnten das Wetter in den öffentlich-rechtlichen Programmen der ARD, sowohl für den Rund- als auch Hörfunk. In der vergangenen Woche hat Plöger, der auch ein echter Experte zum Thema Klimawandel und Erstunterzeichner der "Scientists for Future" ist, im Rahmen der Baden-Badener Sommerdialoge einen Vortrag gehalten. Titel der Veranstaltung war "Klimawandel: Gute Aussichten für morgen!?" BT-Volontär Marvin Lauser hatte vier Fragen an ihn.

BT: Herr Plöger, was tun Sie selbst im Alltag, um klimafreundlich zu leben?

Sven Plöger: Ich fahre fast immer elektrisch. Nicht, weil ich ein E-Fahrzeug hätte - da bin ich gerade dran und will mir eins beschaffen - sondern, weil ich mit der Bahn fahre. Wann immer ich kann, bin ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Ich habe aber ein Auto und muss manchmal auch damit fahren. Auch geflogen bin ich schon und werde in meinem Leben auch noch mal fliegen, so ehrlich und fair muss ich sein.

"Seit 2013 produziere ich Strom"

Außerdem habe ich ein Ferienhaus umgebaut, um alles auszuprobieren, was mit Sonnenenergie zu tun hat: Von der Warmwassererzeugung über Photovoltaik bis hin zum Heizen. Ich habe eine App auf meinem Handy, die das Haus heizungstechnisch steuern kann. Ich heize mit Infrarot, das funktioniert über Platten. Wenn man da drunter steht, fühlt sich das an, als hätten Sie Sonnenschein im Haus. Also keine klassische Konvektionsheizung, sondern eine, die die Gegenstände erwärmt. Diese strahlen die Wärme ihrerseits wieder ab. Innerhalb von 24 Stunden können sie so das ganze Haus auf die gewünschte Temperatur bringen.
Seit Dezember 2013 produziere ich damit Energie. Ich habe bereits 35 Millionen Wattstunden Strom erzeugt. Das sind so meine Punkte, über die ich versuche, mich klimafreundlich zu verhalten, aber ich weiß auch, dass ich ein Teil der Gesellschaft bin und so Energie verbrauche und auch Treibhausgase ausstoße.

BT: Die ETH Zürich hat vor Kurzem eine Studie veröffentlicht, in der Aufforstung als Schritt bezeichnet wird, wie man die Folgen des Klimawandels noch mindern könnte. Wäre das aus Ihrer Sicht der erste bedeutende Schritt gegen den Klimawandel?

Plöger: Ob es der Erste ist, weiß ich nicht, aber es ist sicher einer, der wichtig und gut ist. Ich kann mich erinnern, dass ich vor zehn Jahren in meinem Buch genau über dieses Thema geschrieben habe. Es gibt auf der Erde 2.800 Millionen Hektar Wald. Um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, müsste man 900 Millionen Hektar aufforsten. Aber 900 ist bezogen auf 2.800 ein sehr großer Teil. Fünfundzwanzig mal die Fläche Deutschlands. Einfach aufforsten ist also schwierig bei dem Flächenbedarf. Sie können die Bäume ja nicht einfach in die Wüste oder ins Wasser stellen. Trotzdem bleibt der Ansatz da richtig, wo es möglich ist, aufzuforsten. Aber an der aktuellen Situation durch die Trockenheit und dadurch bedingt teilweise absterbende Wälder, sehen Sie, dass zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke klafft. In unseren Städten stehen außerdem oft die falschen Bäume. Die sind nicht gemacht für die trockenen Bedingungen heutiger Sommer und dann muss man inmitten einer Dürre intensiv bewässern. Ziemlich kontraproduktiv.

"Deutschland ist der viertgrößte CO 2 -Emmitent der Welt"

Wichtig wäre es mir, Ländern wie Brasilien beizubringen, unsere grüne Lunge nicht noch weiter abzuholzen. Ich mache mir große Sorgen, wenn Präsident Bolsonaro sagt, er wolle den Wald wirtschaftlicher nutzen. Nur ist dies auch richtig: Wenn wir ein Land wie Brasilien für die Abholzung des Regenwaldes kritisieren und gleichzeitig sagen "Wir steigen aus der Kohle aber erst 2038 aus", dann ist es wenig legitim, Brasilien Vorwürfe zu machen.

BT: Nach dem Motto: "Lieber erst einmal vor der eigenen Tür kehren"?

Plöger: Genau. Am Ende kommen wir einfach nicht weiter, wenn jeder nur auf den anderen schaut und denkt: "Weil der noch weniger macht, muss ich auch nichts ändern". Davon müssen wir wegkommen. Wer die Vorreiterrolle übernimmt, hat dadurch auch große Chancen. Das ist mit einer der Gründe, warum ich bei meinem Vortrag "gute Aussichten für morgen" thematisiere. Der der zuerst loslegt, hat oft auch die besten Chancen und profitiert davon. Einfach rückwärtsgewandt weiterzumachen ist doch nicht zielführend. John F. Kennedy hat mal gesagt: "Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erst einmal reden." Da ist sehr viel Wahres dran und wir als wirtschaftlich relativ gesunde Nation können da Vorreiter sein. Es wird uns - meiner festen Überzeugung nach - auch wirtschaftlich nutzen. Die Chinesen beobachten uns mit Argusaugen, weil sie wissen, so geht es nicht weiter. Die haben in ihren Städten einen Zustand wie wir im Ruhrgebiet der 1960er Jahre. Theoretisch sehe ich Deutschland beim Klimaschutz in einer Vorreiterrolle, die wir in der Praxis aber in keiner Weise haben. Auch wenn wir viel erzählt haben, dass wir Vorreiter sein wollen - wir sind es nicht, denn wir sind der viertgrößte CO 2 -Emittent der Welt. Nummer vier von 196 Ländern.

BT: Sie wecken bei vielen Menschen Interesse am Wetter, sollten wir mit dieser Lust auch den Klimawandel angehen?

Plöger: Ja. Denn diese Veränderung brauchen wir ja sowieso. Wenn wir das weiterhin alles ignorieren und einfach so weiter machen, wird das die junge Generation irgendwann an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringen. Deshalb protestieren sie ja auch mit "Fridays for Future". Wenn ich etwas sowieso machen muss, dann mache ich es lieber mit Freude, als mich den ganzen Tag verbiestert gegen Realitäten zu wehren.
Wir haben dazu beigetragen, das Klima zu verändern, da ist sich die Wissenschaft sehr einig. Und nun kommt es darauf an, die vielen Nachteile, die dadurch entstehen, in den Griff zu bekommen - auch für unsere nachfolgende Generation.

Vier Fragen an:

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags um 8 Uhr auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Fotos: Sebastian Knoth

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