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Vier Fragen an: Norbert Peter
Vier Fragen an: Norbert Peter
26.12.2019 - 09:39 Uhr
Baden-Baden/Bühl/Iffezheim (marv) - Für viele Menschen in Mittelbaden war der 26. Dezember 1999 ein einschneidendes Ereignis. Vor genau 20 Jahren fegte Orkan Lothar mit in der Spitze bis zu 272 Stundenkilometern über West- und Mitteleuropa. Der Iffezheimer Forstwirtschaftsmeister Norbert Peter war berufsbedingt mittendrin im Geschehen und als Ausbildungsleiter der Stadt Bühl mehrere Jahre mit den Folgeschäden des Sturms beschäftigt. BT-Redakteur Marvin Lauser hat den 52-Jährigen gefragt, wie er die Stunden, Tage, Wochen und Jahre danach erlebt hat.

BT: Herr Peter, wie haben Sie die Ereignisse damals erlebt? Was war Ihr erster Gedanke?

Norbert Peter: Zunächst war der 26. Dezember 1999 ein ganz normaler Feiertag ohne bedenkliche Wettervorhersage. Beim Besuch der Caracalla Therme wehte bereits in den Morgenstunden ein heftiger Wind im Außenbereich. Auf der Heimfahrt befanden sich gegen 11 Uhr auf der B 500 schon abgerissene Kronenteile auf der Straße und erste Bäume waren bereits entwurzelt. Wir sind ohne Schäden nach Hause gekommen.

Zu Mittag hätte es Nudeln geben sollen, die konnten wir aber nicht fertig kochen, da der Strom ausgefallen war. Zur Mittagszeit waren dann die Windböen so heftig, dass die ersten Ziegel von den Dächern flogen. Erst da wurde mir so richtig bewusst, dass der Sturm nicht nur Häuser abdeckt, sondern auch erheblichen Schaden in unseren Wäldern anrichtet.

Solange der Wind tobte, konnte man keinen Fuß vor die Tür setzen. Mir war schnell klar, das gibt genug Arbeit für die Motorsäge. Ich nutzte die Zeit, um im Keller meine Motorsägen zu schärfen und alle wichtigen Gerätschaften bereitzulegen.

Das Telefon stand nach den schlimmsten Böen nicht mehr still

Nach den schlimmsten Böen bin ich so gegen 14 Uhr zunächst ums Haus gegangen, um nach Schäden zu sehen. Zum Glück waren es nur einige Ziegel am Haus und am Schuppen, die durch die starken Windböen zu Bruch gegangen sind und mit den Vorräten an Ersatzziegeln wieder nachgesteckt werden konnten. Von nun an stand das Telefon im Hause Peter nicht mehr still, da die Leute wussten, dass zwei von den Peterbuben im Forst arbeiten. Zu tun gab es genug: Hier ein abgebrochener Ast, da eine angehobene Hecke oder gar ein umgestürzter Baum, der zu beseitigen war.

BT: Der Orkan Lothar erreichte die Region an Weihnachten 1999 - hätten Sie an den Feiertagen eigentlich frei gehabt oder waren Sie im Urlaub?

Peter: Ich hatte noch Resturlaub über die Tage, da ich mein Arbeitsverhältnis beim Forstamt Kaltenbronn bereits beendet hatte, bevor ich am 10. Januar 2000 meine neue Stelle als Ausbilder bei der Stadt Bühl angetreten habe. Bis zu dieser Zeit wurde ich von einem örtlichen Unternehmer, bei dem ich als Forstmaschinenführer schon länger tätig war, beschäftigt. So war mein Urlaub dahin und ich mitten im Geschehen. Eigentlich hatte ich das Jahr mit meiner Frau besinnlich ausklingen lassen und mich auf meine neue Aufgabe als Ausbilder vorbereiten wollen.

BT: Wie ist das Vorgehen in so einer Ausnahmesituation? Wer koordiniert das und was war Ihre Aufgabe?

Peter: Wenn so ein einschneidendes Ereignis wie ein Orkan Schäden verursacht, müssen alle Hilfskräfte vereint mit anpacken. Bei den Feuerwehren, Ortsverwaltungen und Forstverwaltungen wurden Einsatzzentralen eingerichtet, um Informationen zusammenzuführen und nach Dringlichkeit zu koordinieren. Zuerst mussten mithilfe der Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks die öffentlichen Straßen frei geräumt werden. Das war ein schwieriges Unterfangen. Das Aufarbeiten von Sturmwurf ist eine der gefährlichsten Arbeiten mit der Motorsäge. Es ist Spezialistenarbeit und für Ungeübte nicht einfach.

Schnee setzt den Waldarbeitern weiter zu

Des Weiteren standen nicht genügend Forstmaschinen und Bagger mit geeignetem Werkzeug zur Verfügung, um den Windwurf zu entzerren. So kam es oft vor, dass Motorsägen eingeklemmt waren und abenteuerlich befreit werden mussten, was nicht immer glimpflich ausgegangen ist. Das Sturmtief Lothar hatte auch jede Menge Schnee im Gepäck, der in den Höhenlagen nieder ging. Da war es auch unsere Aufgabe, die wasserführenden Gräben von Windwurf freizuräumen, damit das Schmelzwasser ungehindert ablaufen konnte.

Schadensmaß wird erst nach Hubschrauberflug ersichtlich

Als die Straßen wieder durchgängig befahrbar waren, ging für uns Forstleute die Aufgabe erst richtig los. Man konnte zunächst nur von außen in die betroffenen Waldflächen einsehen, um sich ein erstes Bild von der Verwüstung zu machen. Um es genauer abschätzen zu können, wurden mit dem Hubschrauber die Schadflächen erkundet. Erst aus der Luft wurde das ganze Ausmaß sichtbar. Dann haben wir damit begonnen, die Waldwege bis zu den Hauptschadensgebieten freizuräumen.

Schaden betrug im Bühler Wald das zehn- bis 15-fache des jährlichen Holzeinschlags

Es war schnell klar, dass man dieses Arbeitsvolumen nicht alleine mit den eigenen Forstwirten und ortsansässigen Forstunternehmern bewältigen konnte. Die ersten Schätzungen von den Revierleitern bezüglich der aufzuarbeitenden Holzmenge, also dass das zehn- bis 15-fache des jährlichen Holzeinschlages am Boden lag, bestätigte sich sehr rasch. Von nah und fern mussten Waldarbeiter und Forstmaschinen angeworben werden, um das Schadholz baldmöglichst zu noch guten Konditionen am Markt absetzen zu können.

Ins kalte Wasser geworfen

An meinem ersten Arbeitstag bei der Stadt Bühl (10. Januar 2000, Anm. d. Red.) ging es nach kurzer Begrüßung gleich in den Wald. Nun war es meine Aufgabe, mich mit den drei Auszubildenden an der Aufarbeitung zu beteiligen. Ich musste die Azubis an diese gefährliche Arbeit heranführen. Mithilfe eines Baggers machten wir die Hauptwege im Hardtstein bei Neusatz frei.

Als Nicht-Ortskundiger war es nicht so einfach, sich in einem noch fremden Forstrevier zurechtzufinden, da der Revierleiter mit organisatorischen Aufgaben beschäftigt war. Mithilfe von Forstkarten kämpften wir uns an Hauptwegen entlang.

Schwierige und gefährliche Aufgaben

Das Abstocken der Wurzel vom Stamm ist die größte Herausforderung. Die Spannungsverhältnisse müssen richtig eingeschätzt und der Standplatz auf der richtigen Seite gewählt werden, bevor der Trennschnitt durchgeführt wird. In der Ausbildung muss hierbei besonderer Wert auf die Sicherheit gelegt werden. Daher wird erst einmal alles Schritt für Schritt durchgesprochen, auf Besonderheiten hingewiesen und dann mit der gebotenen Achtsamkeit geschnitten.

BT: Wie lange dauerten die Aufräumarbeiten an und wie sahen diese konkret aus?

Peter: Die Aufräumarbeiten wurden zügig vorangetrieben, um das Holz ohne größere Folgeschäden wie Pilzbefall oder Insektenschäden aus dem Wald zu bringen. Die Hauptarbeit war in den zwei darauf folgenden Jahren größtenteils erledigt.

Die große Menge an aufgearbeitetem Holz konnte der Markt nicht sofort aufnehmen, daher wurden Nasslagerplätze eingerichtet, um das Holz zwischenzulagern und vor weiteren Lagerschäden zu schützen und nach und nach dem Markt zuzuführen. Daher waren wir auch bei der Unterhaltung der Nasslager damit betraut, Rohre, Schläuche und Regner zu positionieren.

Borkenkäfer und andere Schreckensmeldungen

Nach so einem Schadensereignis stellt sich die nächste Kalamität (ein schwerer Schaden in Pflanzenkulturen, Anm. der Red.) ein. Durch den großen Anteil von Bruchholz und abgebrochenen Kronenteilen ist der Infektionsdruck sehr hoch und der Borkenkäfer findet optimale Voraussetzungen, um sich stark zu vermehren. Der Borkenkäfer besiedelte damals auch stehende Bäume, die an den Rändern der Sturmwurffläche standen und die deshalb zeitnah eingeschlagen worden waren. Die Käferholzmenge belastete den Holzmarkt zusätzlich.

Auf den Sturmflächen begann die Wiederbewaldung. In den Folgejahren wurden Tausende Laubhölzer zwischen die Naturverjüngung aus Nadelbäumen gepflanzt, um einen stabilen Mischwald zu erziehen.

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Foto: privat

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