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Die Lücke im Reigen der Ehrenbürger schließen
07.07.2017 - 00:00 Uhr
Gernsbach (ham) - Die Stadt Gernsbach hat nur eine Ehrenbürgerin - ausgerechnet von der einzigen Frau unter den ausgezeichneten Granden der Murgtal-Perle hängt jedoch kein Bild im Sitzungssaal des Rathauses. Auge in Auge mit den anderen Porträts der Ehrenbürger forderte die Landtagsabgeordnete Sylvia Felder in der jüngsten Gemeinderatssitzung die Stadtverwaltung auf, doch - was nicht ganz einfach werden dürfte - Abhilfe zu schaffen.

Die CDU-Gemeinderätin hatte im neuen Heimatbuch des Landkreises einen Beitrag von BT-Mitarbeiter Wolfgang Froese entdeckt, in dem Marie Freiin von Günderrode ausgiebig gewürdigt wird. Gleich zu Beginn der acht Seiten (inklusive Anmerkungen) stellt der Autor klar, dass ihr Fehlen in der Galerie "weder ein Versehen noch böser Wille ist, denn es hat sich - nach allem, was wir wissen - keine Abbildung erhalten".

Der Grund: Während alle anderen Gernsbacher Ehrenbürger als Fabrikanten, Bürgermeister, Künstler oder Pfarrer im Licht der Öffentlichkeit standen und für ihr öffentliches Wirken geehrt wurden, spielte sich das Leben von Marie von Günderrode "im Privaten, ja im Verborgenen ab. Als ungenannt bleibende Gönnerin half sie der Stadt, ein langgehegtes Schulbauprojekt zu verwirklichen", berichtet Froese.

Die am 14. August 1821 in Mosbach am Neckar geborene Freiin ist Spross eines alten Patriziergeschlechts, das in Frankfurt jahrhundertelang Spitzenämter einnahm. So fungierte Vater Hektor Freiherr von Günderrode (1786 - 1862) viele Jahre ab 1841 als Älterer Bürgermeister der Freien Reichsstadt. Mutter Charlotte von Closen (1788 - 1863) entstammte einem katholischen Adelsgeschlecht aus Bayern. Marie kam als fünftes von neun Kindern einer als "musterhaft" beschriebenen Ehe zur Welt, heißt es im Heimatbuch. Die Erziehung dürfte im Zeichen der Kultur gestanden sein, gründete doch Vater Hektor 1837 als Präsident die "Gesellschaft für Frankfurts Geschichten und Kunst".

Ihr erhaltenes Poesiealbum lässt viele Schlüsse auf ihre Entwicklung zu - und auch, warum Marie kein Liebesglück fand. Erst hegte sie im April 1842 romantische Gefühle. Ein Aufenthalt im Juli desselben Jahres in Koblenz endete jedoch mit einer "bitteren Enttäuschung", befindet Froese. So blieb von Günderrode ein Leben lang unverheiratet. Während ihre ebenfalls unverheiratete Schwester Clotilde in ein Damenstift eintrat, wohnte Marie weiter bei ihren Eltern.

Gernsbach rückte wohl ab Ende 1853 in den Fokus der damals 43-Jährigen. Ihr Bruder Maximilian heiratete im Dezember eine Tochter des Oberforstrats Karl Friedrich Viktor Jägerschmid. Der ehemalige Leiter des Forstamts Gernsbach wurde vor allem durch seine Murgtal-Beschreibungen bekannt. Nach dem Tod ihrer Eltern 1862 und 1863 zog es von Günderrode zunächst ins noch fernere Magdeburg zu ihrem Schwager, dem ehemaligen preußischen Finanzminister Robert von Patow. Erst mit ihrer Rückkehr nach Frankfurt entstand bei ihr ab etwa 1880 eine "engere Verbindung" ins Murgtal, wie Froese schreibt. Fortan habe sie dort "regelmäßig die Sommermonate" verbracht. Vor allem der "landschaftliche Reiz des nördlichen Schwarzwalds" habe sie wohl begeistert, mutmaßen die Historiker angesichts der Spenden zugunsten des Gernsbacher Verschönerungsvereins, der sich für die touristische Erschließung für Wanderer und Spaziergänger einsetzte.

Spätestens ab 1885 logierte die Freiin laut den Fremdenanmeldungen in der "Villa Fritz", die heute in der Badener Straße 7 liegt. Mit Zimmerwirtin Stefanie Fritz verstand sich die Adelige wohl besonders gut. Das galt auch für den Apotheker Oskar Jung, der im Jahr 1900 zum Bürgermeister der Stadt aufstieg. Der ganz in der Nähe der "Villa Fritz" wohnende Jung spazierte gerne mit dem Gast aus Frankfurt durch den Forst. "Bedeutsam wurde dieses gute Verhältnis, als es um die Finanzierung eines Gernsbacher Großprojekts ging, den Bau eines neuen Schulhauses", erklärt der Heimatbuch-Autor und führt weiter aus, "Mitte Dezember 1909 schrieb die meinungsfreudige Lokalzeitung ,Der Murgtäler', dass Gernsbach ,schon 16 Jahre an der Schulhausfrage herumlaboriert'." Am 5. Januar 1910 fiel endlich ein Beschluss für den Ankauf des heutigen Schulgeländes im Gewann Usselbach.

8000 Mark für Schulhaus-Bauplatz

Jedenfalls: Jung hatte die Freiin schon ein Jahr vorher dafür gewonnen, den Bauplatz mitzufinanzieren. Froese mutmaßt in seinem Artikel, dass Jung der Gönnerin bereits im Vorfeld der Schenkung über 8000 Mark die Ehrenbürgerwürde in Aussicht stellte. Der Gemeinderat stimmte dem am 1. März 1910 zu. Groß öffentlich publik wurde dies aber anscheinend nicht gemacht. Über die späte Anerkennung - auch im Vergleich zum Rest ihrer Familie - freute sich von Günderrode sicher; genauso wie über die von Jung wegen ihrer Wohlfahrtspflege in die Wege geleitete badische Friedrich-Luisen-Medaille.

"Mit ganzem Herzen eine Gernsbacherin"

Froese bezweifelt, dass von Günderrode, die 1906 durch die Erbschaft ihres kinderlos verstorbenen Bruders Karl auf ihre alten Tage zu beträchtlichem Familienvermögen kam, die Ehrenbürgerschaft quasi erkaufte. Als Beleg führt er ihr Dankschreiben an: "Die große Auszeichnung welche mir zu Theil wurde hat mich hoch erfreut. Aber dieselbe ist beschämend für mich, da ich bis jetzt mich nicht in Wirklichkeit an den guten Werken welche ich mit freudigem Herzen thun will, betheiligen konnte. Mein Bestreben ist in meinen letzten Lebens-Tagen Unglückliche glücklich zu machen, deßhalb danke ich Gott, der mir gab, damit ich geben kann. Im Andenken an meine getreue Stefanie, für welche ich hienieden nichts mehr thun kann, bleibe und bin ich, mit ganzem Herzen: Eine Gernsbacherin und dies rechne ich mir zur größten Ehre. Gott möge meine Gebete zum Wohl-Ergehen der Stadt Gernsbach und insbesondere des Herrn Bürgermeisters und Ihren werthen Gemeinderäthen in Gnaden erhören! In tiefer Dankbarkeit."

Die zum Katholizismus übergetretene gebürtige Protestantin überschrieb auch in ihrem Testament das von Stefanie Fritz vermachte Haus an die Kirchengemeinde, "damit die Niederbronner Kranken- und Schulschwestern eine Heimstatt finden sollten". Erst nach ihrem Ableben mit 89 Jahren am 11. November 1911 wurde ihre Ehrenbürgerschaft richtig publik durch die Todesanzeige, die im "Murgtäler" erschien, und den Nachruf. Darin wurden ihre "ächt adelige Gesinnung", ihr "ehrenvoller Charakter" und "ihre Mildtätigkeit" gepriesen. Bürgermeister Jung sorgte hernach dafür, dass der Spazierweg von der Badener Straße zum Gernsberg den Namen "Marienpfad" erhielt. Heute bildet dieser im unteren Teil die Marienstraße.

Im Sitzungssaal des Rathauses klafft jedoch die Lücke in der Porträtreihe. Diese soll nun zumindest - so sich kein Abbild findet - durch eine Tafel geschlossen werden in Erinnerung an Marie Freiin von Günderrode, die einst sagte: "Ich bleibe und bin mit ganzem Herzen eine Gernsbacherin."

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