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Schuhsohlen am Berg ruiniert
14.07.2017 - 06:53 Uhr
Von Hartmut Metz

Gernsbach - Die Bergfahrt ist nicht lustig. Schon gar nicht im Hochsommer. Mit der 22 Kilogramm schweren Draisine aus Holz, die dem Original von Karl Freiherr von Drais von 1817 ziemlich nahe kommen dürfte, mühe ich mich den Hang von Gernsbach hoch gen Baden-Baden - auf den Spuren der ersten legendären Draisinen-Bergtour am 28. Juli 1817.

Noch mehr schwitzt Rolf Huber - der Sammler von der Radsportgemeinschaft (RSG) Karlsruhe wirft sich bei Auftritten mit seinem Laufrad stets akkurat in Schale mit Rock und Zylinder. Damit sieht der 74-Jährige fesch aus - und dank seines gewaltigen grauen Backenbarts irgendwie so, als sei der alte von Drais gerade der Gruft entstiegen und gleite zum Jubiläum seiner bahnbrechenden Erfindung höchstselbst wieder über die Straße hoch nach Baden-Baden.

Wobei das verkannte Genie bei seiner zweiten berühmten Fahrt - nach der von Mannheim-Rheinau gen Schwetzingen - keine asphaltierte Strecke und höchstens einen heute besseren Waldweg unter den zwei Rädern hatte. Das ist sicher. Über seine genaue Route von Gernsbach in die Kurstadt sind sich die Experten bis heute uneins. Das Badwochenblatt, einer der Vorläufer des BT, notierte nur am 29. Juli 1817 als erster Chronist, dass von Drais "den steilen, zwey Stunden betragenden Gebirgsweg von Gernsbach hieher in ungefähr einer Stunde zurückgelegt" hatte. Ob über die Nachtigall oder die Wolfsschlucht? Weder der Bericht im Badwochenblatt noch die Quellenlage verraten Genaues.

Die Streckenlänge entsprach knapp einer Badischen Meile (8,88 Kilometer), für die der damals 32-jährige von Drais etwas mehr als eine Stunde benötigte. Nur so viel ist in den Jahren zusätzlich zum Tempo der ersten Bergtour zu erfahren: "Berg auf geht die Maschine, auf guten Landstraßen, so schnell, als ein Mensch in starkem Schritt" und "Berg ab, schneller als ein Pferd in Carrière".

Der Freiherr selbst schrieb in einem Brief 1818 an Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar: "... da ich nach weniger Uebung den steilen Gebirgsweg von Gernsbach nach Baden ohngefähr in Stafettenschnelle zurückgelegt habe ..." In der Ebene taxierte von Drais die Geschwindigkeit "bei trockenen Fußwegen, wie ein Pferd im Galopp, in einer Stunde gegen vier" - also etwa viermal so schnell und bis zu 30 km/h.

Ob diese Einschätzung zutrifft, überprüfte die Zeitgeschehen-Redaktion des Südwestrundfunks. Der SWR ließ Langläufer Lars Kegler gegen Mountainbiker Manuel Müller antreten. Kegler ist Weltrekordler im Halbmarathon - in voller Feuerwehrmontur. Der Floriansjünger aus Speyer hatte keine Chance und verlor auf den sieben Kilometern zunehmend an Boden auf die Draisine. Müller ging in Baden-Baden knapp eine Minute früher über die Ziellinie.

Laufmaschine schlägt Marathonläufer

Experte Huber hatte schon im Vorfeld "eine klare Sache" für Müller prophezeit. "Drais schaffte im Schnitt etwa 15 km/h. Ein guttrainierter Sportler kommt mit der Draisine aus Holz auf etwa 21 km/h", führt der Sammler, der 60 historische Fahrräder aus 200 Jahren sein Eigen nennt, aus. Noch mehr Dampf unterm Hintern lässt sich mit einer Hightech-Draisine machen! 25 Stundenkilometer sind damit kein Problem.

Gefühlt ist der Unterschied noch gewaltiger. Der "Holzbock", wie ich innerlich fluche, ist schwer gängig. Sein Erfinder soll mit dem ersten lenkbaren Zweirad zur Erbauung des zahlungskräftigen wie vergnügungssüchtigen Publikums in der Kurstadt bis zu 170 Meter weit balanciert sein. Bergauf gelingt das sowieso nicht. Kräftig gilt es, mit den Beinen über die Straße zu stampfen.

Anders als bei modernen Fahrrädern liegt das Gewicht nicht auf der Lenkstange, sondern auf der Körperauflage vor dem Sattel. "Über die Brust übt man Druck auf die Maschine aus und stabilisiert und balanciert sie damit", erklärt Huber. Der Antritt erfolgt über ausladende Schritte. Macht man zu kurze oder zu breite Schritte, beginnt die Maschine zu schlingern. Keine guten Voraussetzungen für ein rasantes Wettrennen. Deshalb mache ich bei Huber den Kurz-"Führerschein", um den Kniff mit Druckpunkt, Schrittlänge und Lenkung herauszufinden und ein Gefühl für das Rad zu bekommen. "Man muss es erfahren - im wahrsten Sinn des Wortes", lacht Huber. Bergab ginge es zwar mit der Holzlaufmaschine richtig flott - aber weil ich schon gelesen hatte, dass von Drais auf dem Weg von Gernsbach nach Baden-Baden die Notwendigkeit einer Bremse besonders erkannt haben soll, weiß ich: Besser abwärts langsam machen, um etwas Sohle auf dem Schuh zu belassen ...

Enormer Verschleiß mangels Bremse

"Die erste Laufmaschine hatte keine Bremse. Der musste mit den Schuhsohlen bremsen", unterstreicht Huber dessen Nöte vor 200 Jahren. Mit Lederriemen versuchten die Altvorderen, erste Bremswirkung zu erzielen. "Der Effekt war gleich null!", weiß Huber als Radhistoriker und fügt an, "ich hätte mich nicht getraut, damit zu bremsen!" Später wurde Holz mit Leder belegt, um etwas griffiger zu werden.

Während sich die Fortbewegung mit der alten Draisine als Mühsal entpuppt, macht es mit der Hightech-Draisine Spaß. Auf der liegt der Fahrer nicht nur ganz anders auf. Sie hat auch Bremsen! Ein unschätzbarer Vorteil die Kuppen hinab. Und vor allem ist sie mit zwölf gegenüber 22 Kilogramm fast halb so leicht. "Ich habe sie aus 120 Millimeter starkem Styrodur gefertigt und mit Glas- und Kohlefaser verstärkt und laminiert", beschreibt Huber seinen Eigenbau, der sich viel leichtfüßiger auf Tempo bringen lässt. Allerdings bleibt Bremsen weiterhin unangenehm und drückt aufs Gedärm.

Eine Hightech-Draisine aus Carbon fertigt der Karlsruher heutzutage für "rund 2500 Euro - wenn man den Arbeitslohn nicht rechnet", betont Huber. Vierfach laminierte, noch stabilere Laufmaschinen aus dem Segelflugbau kosten laut Huber rund 4500 Euro. Im Vergleich zu damals nahezu ein Schnäppchen. Freiherr von Drais verkaufte sein Wunderwerk einst zu einem Preis von 1 Carolin (44 Gulden) - kein Pappenstiel, bedenkt man, dass ein Weber Mitte des 19. Jahrhunderts exakt diese Summe im Jahr verdiente. Daran lag es sicher mit, dass der "geniale" Freiherr auch mit dieser unter seinen zahlreichen Erfindungen nicht reich wurde. "Der Mann hat leider nix verdient und wurde nur milde belächelt für seine kuriosen Erfindungen", bedauert Huber.

Denkmal in Karlsruhe Ehrensache

Aber dass Karl von Drais doch noch 166 Jahre nach seinem Tod verdienten Ruhm erfährt, das steht für seinen Fürsprecher fest. Seiner Heimatstadt Karlsruhe schreibt er ins Stammbuch: "Drais war seiner Zeit weit voraus. Ich wurde selbst auf einer Tourismusmesse in Japan, auf der ich mit einer Draisine stand, schon gefragt, warum die Stadt Karlsruhe mit einer Pyramide wirbt, obwohl sie doch den Erfinder des Fahrrads beherbergte!" Für Huber und seine Radsportgemeinschaft Karlsruhe ist daher ein großes Von-Drais-Denkmal Ehrensache.

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