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"Die Leute schenken mir meist ein Lächeln"
14.08.2017 - 00:00 Uhr
Von Dennis Fettig

Gaggenau - Bei der Suche nach besonderen Radfahrern muss nicht immer die radfahrerische Leistung im Vordergrund stehen. Bei Markus Stahlberger aus Oberweier ist es der Drahtesel an sich, der außergewöhnlich ist, oder vielmehr der selbst gebastelte Taschenhalter.

Auf den BT-Aufruf meldete er sich wie folgt: "Seit drei Jahren fahre ich jeden Morgen von Gaggenau-Oberweier nach Ettlingen zur Schule und abends wieder zurück. (...) 15 Kilometer mit dem Rad sind vielleicht nicht so außergewöhnlich, aber seit zwei Jahren habe ich einen Gepäckträger der besonderen Art an mein Rad montiert. Dieser hält nicht nur meine Tasche, wenn ich fahre, und passt auf das Rad auf, wenn ich es parke, sondern bringt viele Passanten dazu mir ihr Lächeln zu schenken, und das ganz nebenbei, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin."

"Er sieht ein bisschen aus wie ein Kellner mit Tablett", schmunzelt Stahlberger beim Blick auf seinen Fahrrad-Vorbau. Auslöser war die Taschenproblematik, denn seit dem Umzug der Familie vor drei Jahren nach Oberweier, radelt er täglich "bei Wind und Wetter" die 15 Kilometer bis zur Albert-Einstein-Schule in Ettlingen. Auf dem Gepäckträger konnte er seine Arbeitstasche nicht richtig festmachen. Eine unbefriedigende Situation für den handwerklich geschickten Berufsschullehrer, der sich umgehend selbst ans Werk machte. Ein erstes Modell samt Tasche fertigte der 50-Jährige komplett aus Holz - was zugleich aber nicht ganz unproblematisch war. "Die Tasche nutzte sich schnell ab", erklärt Stahlberger und zeigt die leicht ramponierte Holztasche. Dennoch ist die liebevoll gestaltete Tragetasche ein echter Hingucker.

Doch schon damals war es vielmehr der breit grinsende Beifahrer am Lenker, der die Blicke auf sich zog. "Bei einer Fahrradtour am Bodensee sind wir mal durch Konstanz gefahren. In der Fußgängerzone stand eine Reisegruppe. Als wir langsam vorbeigefahren sind, rief eine Frau: ,Schaut mal, da kommt Pinocchio'", erzählt Stahlberger freudig und ergänzt: "Die Leute schenken mir meist ein Lächeln." Auf der Rückseite ist hingegen ein trauriges Gesicht aufgemalt - "der muss ja auch mich anschauen", scherzt der gelernte Schlosser.

Auf den Prototyp folgte Taschenhalter 2.0 - mit einigen Verbesserungen. So ist unter der Tragevorrichtung ein Scheinwerfer angebracht, welcher über eine USB-Power-Bank versorgt wird. Auch die Figur kann sich nun sehen lassen: ihr hat Stahlberger einen farbigen Anstrich verpasst. Die Holztasche musste derweil für einer Ledertasche weichen, die mit einem Spannseil befestigt wird - auf den ersten Blick sieht es daher so aus, als hätte der "Geschichten Erzähler", wie es auf der Brust des Männchens zu lesen ist, Hosenträger an. Auch sind dort groß die Buchstaben "ZF" aufgemalt: Sie stehen für "Zscip-Felchen" - Stahlbergers Künstlername bei diversen Mittelaltermärkten, bei denen er als fahrender Händler Anhänger aus Holz verkauft. Ganz zufrieden sei er mit dem Namen aber noch nicht, konstatiert der gebürtige Michelbacher.

Rund eine Dreiviertelstunde braucht der 50-Jährige für die 15 Kilometer von Zuhause bis nach Ettlingen. "Wenn es gut läuft, packe ich es auch in 35 Minuten", berichtet Stahlberger und ergänzt: "Vorausgesetzt ich habe Rückenwind." Doch Geschwindigkeitsrekorde interessieren ihn ohnehin nicht. "Das Schönste für mich ist, wenn ich morgens durch den Wald fahre und die Vögel zwitschern höre. So bekomme ich am besten den Kopf frei und kann mir schon mal Gedanken über den Unterricht machen." Auch sonst kennt der Oberweierer keine Eitelkeit: Wenn auf der Heimfahrt der Berganstieg einmal zu beschwerlich sei, steige er eben ab und schiebe sein Rad.

Bevor er sich mit der dritten Generation seines Taschenhelfers auseinandersetzt, steht laut Stahlberger ein anderes Projekt an: Der Traum von einem selbst gebauten Flevobike - ein Liegerad mit Knicklenkung. Anleitungen dazu habe er im Internet gefunden. Dennoch möchte er bei diesem Vorhaben, viel mit Holz arbeiten. Seine Schüler seien begeistert von seinen Tüfteleien, erzählt Stahlberger. Besonders der Taschenhalter komme gut an. "Nur Nachbauen wollte ihn bislang noch keiner", hält der Berufsschullehrer verwundert fest. Vorerst wird er also der einzige Radfahrer bleiben, dem die Menschen aufgrund seines hölzernen Mitfahrers ein Lächeln zuwerfen.

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