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Kerzen erlöschen, Erinnerungen bleiben
Der Rabbiner der israelitischen Gemeinde Baden-Baden, Daniel Naftoli Surovtsev (Mitte), erklärt die Bedeutung der Laubhütte. Foto: Uebel
24.10.2017 - 00:00 Uhr
Gernsbach (ueb) - Heimat ist Geborgenheit. Ob Mann, ob Frau, ob jung oder alt, ob evangelischen, katholischen oder jüdischen Glaubens, alle Menschen brauchen dieses Gefühl der Sicherheit. Auch die Gernsbacher Hilda Dreyfuss, Artur, Erna, Lieselotte und Margit Kahn, Eugen und Heinz Lorsch, Berta Marx und Hermann Nachmann. Sie erhielten im Oktober 1940 die Anweisung, sich mit kleinem Gepäck, etwas Verpflegung und Geld an der Gernsbacher Stadtbrücke einzufinden, damit die damaligen Gestapo-Verantwortlichen stolz vermelden konnten: "Unsere Gaue sind judenfrei."

Ihre Wohnungen in der Bleichstraße, der Salmengasse und in der St. Jakobsgasse durften sie nie wieder betreten. Der Lkw-Transport endete für sie im südfranzösischen Internierungslager Gurs. Obwohl mit dieser Deportation das jüdische Leben in Gernsbach endete, sind ihre Namen und auch Geschicke nicht vergessen, wie die Memorialsteine nahe der Brücke zeigen.

Und noch etwas erinnert an ihr Schicksal: die jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen an diesem Ort. Der vergangene Sonntag war wieder so ein Tag. Trotz kaltem, unfreundlichem Wetter hatten sich erfreulich viele Gernsbacher Bürger am Murgufer eingefunden, um mit Regina Meier vom Arbeitskreis Stadtgeschichte, Bürgermeister Julian Christ und Stefanie Lorsch, die Enkelin eines damals Verschleppten, diesen Gedenktag zu würdigen.

Besser hätte es letztere nicht formulieren können, als sie Zeilen aus einem Gedicht der jüdischen Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger vortrug: "Ich möchte leben, das Leben ist so bunt. Ich will nicht sterben, nein." Auch sie, damals gerade einmal 18 Jahre alt, wurde Opfer der Judenverfolgung.

Für die Kirchen nahmen Stefan Major, Pastoralreferent der katholischen Kirche, und für die Staufenberger Paulusgemeinde Hans-Joachim Scholz an der berührenden Gedenkveranstaltung teil. Beide betonten ihre Wertschätzung der jüdischen Religion und schlossen die Verfolgten in ihre Gebete ein.

Der Rabbiner der israelitischen Gemeinde Baden-Baden, Daniel Naftoli Surovtsev, erklärte die Bedeutung der Laubhütte, die aus diesem Anlass aufgestellt worden war. Auf festem Boden soll sie stehen, das himmelwärts durchlässige Dach mit vier verschiedenen Pflanzenarten bedeckt sein. An sieben Tagen sollen sich die jüdischen Gläubigen überwiegend darin aufhalten, freudvoll die Gottesnähe feiern und, vergleichbar mit dem uns vertrauten Erntedankfest, der Natur danken. Im Innern der symbolischen Nachbildung an der Gernsbacher Stadtbrücke sind Fotos Gernsbacher Juden, der Synagoge und Dokumente zu dieser Zeit zu betrachten.

Die Gedenkveranstaltung am Sonntag wurde musikalisch von Anne Dresel begleitet, die mit ihrem Horn zur entsprechenden Stimmung beitrug. Bürgermeister Christ verlas die Namen der vor 77 Jahren deportierten Gernsbacher. Für jeden verlesenen Namen wurde eine entsprechende Kerze entzündet und am Gedenkstein aufgestellt. Die neun Kerzen gestalteten Schüler der Realschule. Sie werden erlöschen, die Laubhütte abgebaut werden. Die Erinnerung an die Gernsbacher Juden wird bleiben.

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