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"Man wusste stets, woran man bei mir war"
10.11.2017 - 00:00 Uhr
Loffenau - "Für mich waren die 40 Jahre in Loffenau beruflich und privat ein Glücksfall", konstatierte Erich Steigerwald gestern im ersten Teil des Interviews zu seinem Abschied aus dem Rathaus. Der 66-Jährige war 1977 zum jüngsten Bürgermeister des Landes Baden-Württemberg gewählt worden. Heute (19.30 Uhr) wird der gebürtige Nürtinger als dienstältester Schultes in der Gemeindehalle gewürdigt und mit mehreren Auszeichnungen bedacht.

Im zweiten Teil des Interviews unterhält sich BT-Redakteur Hartmut Metz mit Steigerwald über dessen Verhältnis zum Gemeinderat, seinem engsten Mitarbeiter Georg Lamparth, seinem Nachfolger Markus Burger, Loffenaus Zukunft - und vor allem Steigerwalds privaten Plänen.

BT: Ein Schmuse-Bürgermeister waren Sie nie, verkündeten Sie.

Steigerwald: Ich habe versucht, mich nicht verbiegen zu lassen. Ich glaube, das ist mir auch gelungen. Man wusste stets, woran man bei mir war. Ich ging nie unangenehmen Dingen aus dem Weg oder verdrängte sie gar. Rau, aber herzlich eben. Insofern blieb ich mir selbst treu, was nicht immer einfach ist. So habe ich aber die 40 Jahre ohne Schaden an Leib und Seele überstanden.

BT: Dem Gemeinderat haben Sie oft klar gesagt, wo es lang gehen sollte. Schwenkte jedoch die Stimmung, passten Sie sich auch oft schnell an und wurden sich handelseinig.

Steigerwald: Ich lasse mich gerne auch mal von anderen Positionen und dem Gegenteil überzeugen, wenn die Argumente besser sind und der Sache dient. Insofern bin ich flexibel und gestehe auch anderen Leuten zu, dass sie bessere Ideen haben als ich selbst. Man sollte immer lernfähig bleiben.

Interview

BT: Mit Ihrem ewigen Weggefährten, Hauptamtsleiter und Kämmerer Georg Lamparth, haben Sie im Rathaus bis 2016 ein kongeniales Duo gebildet.

Steigerwald: Herr Lamparth war im selben Prüfungsjahrgang wie ich. Ich war in Stuttgart, er in Kehl. Er war damals Drittbester der Staatsprüfung und sah Loffenau wohl auch nur als vorübergehende Station. Wir ergänzten uns in einer einzigartigen Weise. Deshalb war nach wenigen Jahren klar, dass wir ein Gespann sind und ein Gespann bleiben. Die Lockerungen der Laufbahnverordnung machten es möglich, dass er in ein entsprechendes Beförderungsamt kommen konnte. Er war wohl der jüngste Amtsrat und jüngste Oberamtsrat in Baden-Württemberg.

BT: Also wie bei Ihnen auch Rekorde. Mit Markus Burger haben Sie nun einen jungen Nachfolger erhalten, dessen offizielle Amtseinführung am 5. Dezember ansteht.

Steigerwald: Wir hatten zwei ausgezeichnete Kandidaten bei der Wahl mit entsprechendem Rüstzeug. Beide jung und dynamisch - und der Bürger hat deutlich entschieden. Damit hat Herr Burger eine breite Legitimation im Rücken. Wir haben bereits einige Stunden zusammen wegen der Geschäftsübergabe verbracht. Herr Burger hat im Gegensatz zu mir vor 40 Jahren den Vorteil, dass er Land und Leute kennt und hier aufwuchs. Er weiß also im Ort Bescheid. Im Beruflichen oder Fachlichen wage ich nicht, Ratschläge zu erteilen. Und die menschliche und persönliche Seite, die das Amt erfordert, muss jeder für sich selbst finden.

BT: Welche Aufgaben sind die wichtigsten für ihn? Und wo sehen Sie Ihre Gemeinde in einem Jahrzehnt? Drohen ein weiterer Rückgang der Einwohnerzahl und irgendwann der Anschluss an Gernsbach?

Steigerwald: In jüngster Zeit steigen die Einwohnerzahlen wieder so stabil, dass man keine Befürchtungen haben muss. Von der Wohn- und Lebensqualität her wird Loffenau sicher nicht ausbluten. Es gibt einen Generationswechsel. Bauplätze sind zur Genüge vorhanden. Die örtliche Infrastruktur ist stimmig. Deshalb mache ich mir um die Selbstständigkeit der Gemeinde keine großen Sorgen.

BT: Sie als Witwer haben überraschend vor zwei Wochen zum dritten Mal geheiratet - und Weisenbachs Bürgermeister Toni Huber hat sich für seine Trauung vor 24 Jahren revanchiert.

Steigerwald: Die Heirat ist gleichzeitig der Beginn des neuen Lebensabschnitts, der vor mir liegt. Ich bin froh, dass sich dienstlich wie privat ein neues Fenster auftut. Ich war schon immer der Meinung: Wenn sich im Leben ein Fenster schließt, geht irgendwo anders ein neues auf - man muss es nur finden.

Neue Spähren mit Muffelwild-Jagd

BT: Geht es nun erst einmal in die sechsmonatigen Flitterwochen oder in Angelurlaub nach Norwegen, um Ihrer zweiten Passion zu frönen?

Steigerwald: Wir gehen 14 Tage in die Sonne, ans Rote Meer. Das haben wir schon länger gebucht. Anschließend versuche ich mich in meinem neuen Ruhestand zurechtzufinden, wobei eines sicher ist: Ich bleibe in Loffenau wohnen, werde aber sehr viel unterwegs sein. Man kann fast formulieren: Ich habe auch in eine Jagd eingeheiratet. Meine Frau besitzt ebenfalls den Jagdschein und eine eigene Jagd in Wetzlar, die für mich neue Sphären bedeutet. Dort gibt es nicht nur Has' und Reh, sondern auch Muffelwild - und sogar Bären! Wenn auch nur Waschbären.

BT: Sie bekamen sogar eine eigene Briefmarke, die auf die Kuverts geklebt wurde, mit denen zu Ihrer heutigen Verabschiedung eingeladen wurde - zum Preis von 1,45 Euro. Fühlen Sie sich abgestempelt und unterbewertet?

Steigerwald: Nein, ich fand es eine sehr originelle Idee meiner Mitarbeiter, an diesen Abschiedstag zu erinnern. Die Briefmarke wird sicher keine wertvolle Rarität, stellt jedoch für mich eine bleibende Erinnerung an eine schöne Zeit dar.

Im Kreistag bis 2019 aktiv

BT: Im Kreistag bleiben Sie indes nach dem Abschied noch aktiv?

Steigerwald: Die Periode endet 2019. Diese werde ich erfüllen. Bis dahin wird auch der neue Landrat gewählt. Das wäre dann in meiner Zugehörigkeit zum Kreistag der dritte nach Werner Hudelmaier und Jürgen Bäuerle. Ansonsten werde ich mich als Pensionär der Kommunalpolitik völlig enthalten, was aber nicht heißt, dass ich zum ein oder anderen keine Meinung habe. Ich will mich jedoch nicht in die Dinge meines Nachfolgers einmischen. Es ließ sich nicht verheimlichen, dass ich am Freitag bei der Verabschiedung erster Ehrenbürger der Gemeinde Loffenau werde und man, insofern, bei manchen Terminen weiterhin nicht ganz um mich herumkommt. Was mich im Übrigen ganz besonders freut: Unsere italienische Partnergemeinde Montefelcino hat mich ebenso zum dortigen Ehrenbürger ernannt! Die Verleihung einer doppelten Ehrenbürgerschaft an einem Tag kommt nicht so oft vor. Das weiß ich durchaus zu schätzen, denn es ist die höchste Auszeichnung, die eine Gemeinde aussprechen kann. Es gilt hierbei ebenso der Spruch von Manfred Rommel: "Ehret die Alten, bevor sie erkalten."

BT: Sie haben die Kür zum neuen Landrat angesprochen. Toni Huber gilt als aussichtsreicher Bäuerle-Nachfolger. Das müssten Sie ja als sich gegenseitig trauende Standesbeamten unterstützen?

Steigerwald: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint mir dies Kaffeesatzleserei zu sein. Für ausgeschlossen halte ich es natürlich nicht! Wir haben damals aus eigenen Reihen Dr. Hudelmaier und den Bürgermeister aus Bühlertal gewählt - und beide waren gute Entscheidungen des Kreistags. Wenn man also den entsprechenden Kandidaten hat ...

BT: Worin sehen Sie Ihren Nachlass? Was wird aus 40 Jahren Steigerwald in Loffenau lange bleiben?

Steigerwald: Die Großinvestitionen werden nicht nur mich, sondern vielleicht auch die nächste Generation überdauern. Wenn ich im Ruhestand einen Spaziergang mache, dann sehe ich vom Sportplatz bis zu den Laufbach-Wasserfällen und dem Gewerbegebiet Dorfwiesen viele Dinge, die in meiner Amtszeit entstanden sind und sich heute eigentlich nicht mehr wegdenken lassen. Irgendwann wird der Ortschronist zur 750-Jahr-Feier die Zeiten ausgraben und die Vergangenheit beurteilen.

BT: Wann ist die 750-Jahr-Feier?

Steigerwald: 2047.

BT: Dann sind Sie fast 100. Da müssen Sie sich anstrengen, um mit 96 dabei zu sein.

Steigerwald: Das wird schwierig, aber dann marschiere ich im Festzug eben im Geiste mit.

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