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Das Private wird unversehens politisch
Das Private wird unversehens politisch
14.11.2017 - 00:00 Uhr
Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - "Ich bin Marokkaner, Moslem und Nordafrikaner, ein ,Nafri', sprich ein Araber ohne Erdöl, der gern den Außeririschen gibt." Abdelkarim spielt nicht nur mit Begriffen wie dem Ausdruck "Nafri", der in der Kölner Silvesternacht 2016/2017 zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Der deutsch-marokkanische Kabarettist und Fernsehmoderator spielt ebenso gern mit den Vorurteilen zwischen Deutschen und Ausländern. Und erst recht mit überspitzten Klischees, die jedoch fast ausnahmslos seiner Lebensrealität entlehnt sind.

Ein Deutscher mit Migrationsvordergrund, aber im Besitz eines "Gesellschaftsteilnahmescheines", der ihn zum "Staatsfreund Nr. 1" erhebt. Gemäß dem Titel seines zweiten Soloprogramms, in dem Abdelkarim mittels biografischer Geschichten die Lachmuskeln des Publikums strapazierte.

Ein Mann wie ein Schrank, in Lederjacke, mit Vollbart, der mit seinem Publikum sofort Kontakt aufnimmt: "Dein Name hört sich türkisch an, ein schwieriges Thema im Moment." Abdelkarim, in der "Bielefelder Bronx" geboren und aufgewachsen, braucht kein Warm-Up, in Sekundenschnelle ist er warm mit seinen Fans. Erzählt im lockeren Plauderton von seinen Erfahrungen als Jugendlicher und als erwachsener marokkanischer Migrant. Redet über zwei Stunden lang ohne Punkt und Komma, rollt die Augen, fuchtelt mit den Armen, ein Stand-up-Comedian mit ausgeprägtem Sinn für Selbstironie. Der mit seinem Erfolgsdebüt "Zwischen Ghetto und Germanen" innerhalb kurzer Zeit namhafte Preise abgeräumt hat.

Ein "politischer Unterhaltungskünstler", der stets authentisch bleibt, einer, bei dem das Private jedoch unversehens politisch wird. Abdelkarims Witz und Humor sind zwischen Vorurteil und Erfahrungswert angesiedelt. Politische Korrektheit spielt eine untergeordnete Rolle, was die zwerchfellschädigende Wirkung seiner Ausführungen keineswegs schmälert. Auch purzeln die Pointen eher beiläufig aus den bildhaften Anekdoten und migrantischen Kurzgeschichten. So plaudert er zwanglos über dies und jenes, etwa über den Umzug seines Freundes Ali, bei dem es auch einen Möbelwagen braucht. Nur: "Für einen Moslem ist es derzeit sehr schwer, einen Lkw zu bekommen." Um Vorfälle wie jene auf dem Kölner Hauptbahnhof zu vermeiden, schlägt er schwule Vierergruppen als "natürlichen Feind von arabischen Antänzern" vor. Nun gut, bei solchen Ideen kann einem durchaus das Lachen schon mal im Hals stecken bleiben.

Darf man Witze über den Islam machen?

An anderer Stelle zitiert der Wahl-Duisburger, der mit vollem Namen Abdelkarim Zemhoute heißt, einen Nachbarn: "Darf man eigentlich Witze über den Islam machen?" Man dürfe, gibt Abdelkarim postwendend zur Antwort, "die Frage ist nur, ob man da noch Zeit hat, die Pointe zu erzählen. Aber es ist ja schließlich euer Land, da könnt ihr machen, was ihr wollt..." Augenrollend und dann augenzwinkernd fügt er an: "Ok, die Stimmung kippt jetzt ein bisschen." Und schwenkt sofort über zum Thema Islam-Experten, zu muslimischen Fußballstars und zum "Moslem-Beruf schlechthin" - Türsteher, "weil die wissen, wir kommen da eh nicht rein."

Abdelkarim wiederum kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Eben hat er noch von den Übersetzungsproblemen eines Duisburger Imams berichtet ("Allah ist mit den Gläubigern"). Minuten später ist er zu ganz normalen Alltagsproblemen von Muslimen übergeschwenkt: In Jacken mit Reißverschluss klemme gern der Vollbart ein, deshalb würden zunehmend Jacken mit Knöpfen bevorzugt. Aus den Knopflöchern von Abdelkarims Lederjacke hingegen tropft in ständigem Fluss Selbstironie. Es folgen denkwürdige Passkontrollen am Flughafen, die Flüchtlingsproblematik, Parteienpolitik, Anerkennung der Staatsbürgerschaft. Lachtriefend seine jugendlichen Kulturschock-Erlebnisse: Eltern von Schulfreunden, die anklopfen, bevor sie das Zimmer betreten; Klassenkameraden, die mit ihren Eltern saunieren und Programmkino, in dem ein Mann das Geschirr spült, während die Frau zuschaut. Wie sagte doch eine lachgebeutelte Besucherin nach zwei Stunden mit dem "Staatsfreund Nr. 1" Abdelkarim: "Unser Alltagsleben wird bei ihm zur locker flockigen, witzigen Realitätsschau."

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