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"Wir haben die Rüben neu entdeckt"
Jetzt ist Rübenzeit. Verkäuferin Silke Skoruppa von Gemüse-Dehmer in Gaggenau mit einigen Exemplaren von Weißen Rüben. Foto: Senger
30.11.2017 - 00:00 Uhr
Murgtal (tom) -Die ersten Zuschriften sind bereits eingegangen: In der Dienstagsausgabe hatten wir über die Tradition der Süße-Rüben-Gerichte im Selbacher Gasthaus "Krone" berichtet und unsere Leser gebeten, ihre Erinnerungen an Süße- oder Sauer-Rübengerichte aufzuschreiben.

Die Familie hat sich immer gefreut

Esther Rieger aus Gaggenau-Ottenau: "Ich bin 85 Jahre und habe folgende Erinnerung an die ,süßen Rüben': Meine Mutter war Schwäbin, kannte dieses Gericht nicht und darum hat es in meiner frühen Jugend auch nie süße Rüben gegeben. Da es ein Lieblingsgericht meines Vaters war, habe ich mir dann damals von meiner Ottenauer Großmutter die Zubereitung der süßen Rüben mit Schweinebraten erklären lassen. Mein Vater und später auch meine Familie haben sich immer gefreut, wenn dieses Gericht auf den Tisch kam."

"Musste ich nur einmal essen"

Hannelore Kahlert (vorm. Kürti) aus Baden-Baden: "Ihr Bericht heute hat mich sehr erfreut. Erst gestern Abend gab es bei uns ,Saure Rüben', mir läuft jetzt noch das Wasser im Mund zusammen. In meiner Kindheit hat meine Mutter in den Wintermonaten süße und saure Rüben gekocht. Die süßen musste ich nur einmal essen (ich habe mich übergeben), die sauren wollte ich immer wieder. Es gab sie mit Bauchspeck, Hausmacher Blut- und Leberwürstchen, Kassler und Stampfkartoffeln. Nachdem meine Mutter 2006 starb, habe ich ihr altes Kochbuch gefunden (Dr. Oetker von 1927) und zum ersten Mal saure Rüben selbst gekocht. Ich habe sie fast so gut hingekriegt wie sie. Heute gehört es im Winter mindestens einmal im Monat zu unserem Standardessen.

Mein Mann, der dieses Gericht überhaupt nicht kannte, freut sich jedes Mal auf dieses ,Highlight'. Vielleicht muss ich die schlechte Erinnerung an die süßen Rüben einfach mal vergessen (der Geschmack verändert sich ja mit den Jahren) und sie einfach mal kochen. Oder in der ,Krone' in Selbach probieren. Es gibt ja noch so viele alte und billige Gerichte, die ich auch koche: Saure Bohnen, Saure Rahmblättle, Kutteln und so weiter. Könnte das eine Fortsetzung des Artikels über Süße Rüben sein?"

"Ich liebe dieses Gericht"

Angelika Fitterer aus Bad Rotenfels: "Mit großem Interesse habe ich den Bericht über die Familie Heck gelesen, die in ihrem Gasthaus noch ,Süße Rüben' als Gericht anbietet.

Ich verbinde viele Kindheitserinnerungen damit, denn meine Oma hat das Gericht in den 60er Jahren oft gekocht, allerdings meist mit den goldgelben Butterrüben statt der weißen Rüben, dazu gab es auch immer Bratenfleisch, viel Soße und, ganz wichtig, Brot zum Auftunken der Soße.

Ich liebe dieses Gericht! Diese Tradition hat nach dem Tod der Oma meine Mutter übernommen und auch ich freue mich jedes Jahr auf die Herbst- und Rübenzeit. Bei uns gab es auch öfters mal ,Verrührte Gelberüben', auch so ein Gericht, das meine Mutter und Oma gerne gekocht haben. Um bei den Traditionen zu bleiben: Wir haben in den vergangenen Jahren auch wieder Sauerkraut eingemacht, dieses Jahr hat es leider nicht geklappt. Da wir einen Gemüsegarten haben, kochen wir im Sommer auch jedes Jahr Essiggurken traditionell in Weckgläser ein. Sie sind im Freundeskreis sehr begehrt. Nicht alles ist schlecht, was man von früher her bewahrt hat. Ich bin sicher, bei einigem Nachdenken würde mir noch so einiges einfallen."

Rübenrupfen war ein Martyrium

Gabi Ernst aus Sinzheim-Kartung: "Gerade haben wir unser jährliches Rübenessen hinter uns. Seit einigen Jahren veranstalten wir dieses Event Ende November, anlässlich des Geburtstags unseres Vaters (1930-2016) und meiner Schwester Marzia (Jahrgang 1956). Ich selber werde an Silvester so alt wie der ,Krone'-Wirt aus Selbach und kann mich deshalb noch gut an alte Rübenzeiten erinnern. Meine Eltern hatten in Kartung einen Landwirtschaftsbetrieb mit zirka sechs Kühen, zwei Schweinen und allerlei Kleinvieh. Und das bedeutete für uns Kinder, meine drei Schwestern, meinen Bruder und mich, jede Menge Arbeit. Manchmal hat das auch Spaß gemacht, aber das Rübenrupfen im Winter war ein Martyrium.

Bei schlimmstem Wetter, bei Regen und Schnee, mussten die letzten Rüben eingefahren werden. Wir haben diese nicht abgeschnitten und in Löcher vergraben, sondern mit Kraut auf den Hänger geladen und sofort den Kühen verfüttert. Nach drei Tagen war der Hänger leer und wir durften wieder hinaus. Ich kann mich sehr gut an halb abgefrorene Fußzehen und Finger erinnern, die noch mehr wehtaten, wenn wir sie am Holzofen aufwärmten und sie anfingen zu funkeln.

Und dann gab es natürlich auch die süßen Rüben zum Mittagessen, die wir mehr oder weniger gern gegessen haben. Aber wir haben eigentlich alles gegessen, schließlich hatten wir Hunger. Nun, das ist alles lange her, bald ein halbes Jahrhundert. Und nun haben wir die Rüben neu entdeckt. Teuer kaufe ich sie nun beim Gemüsehändler ein und dann geht's los am Samstagnachmittag mit Schnippeln, Kochen Passieren und Probe essen - das ist das Beste. Natürlich mit Salzfleisch, das zusammen mit den Rüben gekocht wird.

Am Sonntag, beim Rübenschmaus, gibt's noch Pellkartoffeln dazu und saure Rüben, die wir aber erst in der Neuzeit kennengelernt haben. In diesem Jahr haben wir sechs Kilo Rüben, vier Kilo Kartoffeln, zwei Kilo saure Rüben und sechs Kilo Salzfleisch verarbeitet. Im nächsten Jahr brauchen wir mehr Rüben.

Ein Kind musste hacken können

Gertrud Mühlfeit aus Baden-Baden: Beim morgendlichen Zeitunglesen ist mir gleich der Artikel ,Wo die Süßen Rüben nicht vergessen sind' aufgefallen. Also, Rüben kenne ich schon seit meiner jüngsten Kindheit. Schon mit sechs Jahren durfte ich mit zum Rübenhacken. Es waren ganz kleine Pflänzchen.

Meine ,Lieblingstante' hat immer gesagt, mit sechs Jahren muss man Rüben hacken können, ohne eine kaputtzuhacken. Dieser Satz ist mir heute noch in Erinnerung. Nach der Ernte im November haben wir die geputzten Rüben in der großen Rübenmühle im Remis zu zweit (zwei Kinder) gemahlen für Kühe, Ziegen und so weiter. Der Rest wurde im Keller aufbewahrt. War das ,Kinderarbeit' wie so vieles damals? Wir wussten es nicht anders. Die Frauen der gefallenen Männer oder die Kranken konnten ja nicht mithelfen.

Aber ich freue mich auf die nächsten süßen Rüben! Mein acht Jahre jüngerer Bruder hatte es sich auch mal gewünscht. Nach dem Essen meinte er, es hat geschmeckt wie bei der Mutter (sie ist schon viele Jahre tot). Mein Mann (schon zwölf Jahre tot) mochte nur die sauren Rüben, die ich gar nicht mochte. Seine Mutter hatte die immer in Steinfässchen eingemacht, ähnlich wie Sauerkraut.

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