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Kartellverfahren: Baiersbronn reagiert
Forstamts-Mitarbeiter des Landkreises Rastatt übernehmen auch die Bewirtschaftung des Kommunalwalds (hier im Revier Bermersbach). Ob das so bleibt, ist ungewiss. Foto: Juch
08.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Murgtal - Seit das Bundeskartellamt die Praxis der Holzvermarktung in Baden-Württemberg verboten hat, herrscht bei vielen Forstmitarbeitern im Land Verunsicherung. Das ist auch im Landkreis Rastatt der Fall, wie Forstamtsleiter Thomas Nissen im BT-Gespräch bestätigt. Die Unruhe fußt aber nicht nur auf dem Holzverkauf, den man bereits 2015 umgestellt hat, sondern auf der Tatsache, dass der Bundesgerichtshof im Zuge des Kartellverfahrens im April kommenden Jahres auch die Frage erörtert, ob die Forstämter weiterhin den Revierdienst für die Gemeinden und Privatwaldbesitzer mitübernehmen dürfen.

Nach Angaben des Waldbesitzerverbands der Forstkammer Baden-Württemberg gehören 200000 Hektar Wald in Baden-Württemberg 230000 Besitzern. Wenn das Einheitsforstamt nicht mehr zuständig ist und ein Dienstleister Geld verlangt, könnten einzelne Besitzer ihre Parzellen verwahrlosen lassen, befürchten die Experten.

Zudem seien zwischen Förstern, ihren Revieren und den Waldbesitzern Beziehungen gewachsen. Diese "bewährte Struktur" zu zerschlagen, das sieht auch Thomas Nissen äußerst kritisch. Für die kartellrechtliche Entscheidung zur Holzvermarktung habe er durchaus Verständnis; dass nun aber auch die jahrelange Bewirtschaftungspraxis infrage gestellt wird, hält der Forstdirektor für "bürokratisch aufgebauscht".

Das Kartellamt argumentiert, dass Holzvermarktung beziehungsweise die wirtschaftliche Tätigkeit des Försters bereits im Wald beginne und nicht erst, wenn das geschlagene Holz am Wegesrand liegt. Schon die Markierung der zu fällenden Bäume in den gemeinsam verwalteten Waldgebieten sei eine wirtschaftliche Tätigkeit.

Die Verteidiger der traditionellen Forstverwaltung sehen hingegen mit der Entscheidung den Wald zur Holzfabrik degradiert. "Der Revierleiter und sein Team dienen in erster Linie dem Allgemeinwohl", unterstreicht Thomas Nissen.

Als erste Gemeinde in der Region hat Baiersbronn dieser Tage auf die sich verändernde Situation reagiert. Ab 2019 geht man dort mit dem Gemeindeforstbetrieb eigene Wege und sagt dem Kreisforstamt Freudenstadt ade: Revierleitung, Wirtschaftsführung und Holzverkauf werden dann von der Gemeinde selbst übernommen. Wie der Schwarzwälder Bote berichtet, hat man sich für die Umstrukturierung Hilfe von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg geholt. "In Zukunft wird es teurer werden für die Kommunen, denn die bisherige Subventionierung der Dienstleistungen fällt weg", erklärt ein Experte der Hochschule die Folgen des Alleingangs. Allerdings spreche gerade mit Blick auf den für Baiersbronn eminent wichtigen Bereich Tourismus auch vieles dafür, einen eigenen Weg zu gehen.

Hintergrund

Einen solchen einzuschlagen, hält der Rastatter Kreisforstamtsleiter für verfrüht, solange die Rahmenbedingungen nicht klar sind: "Im Landkreis Rastatt wollen wir diese Fragen mit etwas mehr Gelassenheit angehen", sagt Nissen und verweist auf einen diesbezüglichen Konsens, der zwischen Kreisforstamt und den waldbesitzenden Kommunen im Kreis Rastatt herrsche.

Was die Vermarktung anbelangt, so habe man den Staatswald auf der einen sowie die kommunalen und die privaten Waldbesitzer mit einer Fläche von mehr als 100 Hektar auf der anderen getrennt und für letztere eine zentrale Verkaufsstelle für deren Nadelrundholz eingerichtet. Sie wird von Marc Nieberle geleitet und schließt unabhängig ihre Verträge ab, was durchaus zu einer Konkurrenzsituation führen könne. "Das ist so gewollt", erklärt Nissen. Den Holzverkauf aus dem Staatswald regelt die Untere Forstbehörde.

Diese Neuregelung funktioniere bislang problemlos. Und auch was die etwaige Umstrukturierung in der Bewirtschaftungspraxis anbelangt, mahnt der Forstdirektor zur Gelassenheit: Vielerorts werde bereits an neuen Modellen gearbeitet, so auch bei Forst BW. Dort hat man ein großes Projekt zur Umstrukturierung der Forstverwaltung mit 14 Arbeitskreisen gestartet. Einem davon gehört der Rastatter Forstamtsleiter Thomas Nissen an.

Sollte der Kartellstreit tatsächlich zur Folge haben, dass die Unteren Forstbehörden und ihre Revierförster den Gemeindewald künftig nicht mehr bewirtschaften dürfen, gebe es Möglichkeiten, über die interkommunale Zusammenarbeit (etwa durch die Gründung eines Zweckverbands) eine für alle Beteiligten praktikable Lösungen zu finden.

Diesbezüglich habe man im Kreisforstamt Rastatt bereits eine interne Arbeitsgruppe gebildet, informiert Thomas Nissen. Weil es sich laut Oberlandesgericht bei der Einheitsforstverwaltung um einen Verstoß gegen europäisches Kartellrecht handelt, könnte es aber noch einige Jahre dauern, bis diese Fragen endgültig beantwortet werden - nämlich dann, wenn sich auch noch der Europäische Gerichtshof in Luxemburg damit auseinandersetzt.

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