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Theaterstück vermittelt moralische Werte ohne erhobenen Zeigefinger
Thomas Höhne (rechts mit Darth-Vader-Maske) und Hendrik Pape in der Weihnachtsgeschichte frei nach Charles Dickens. Foto: Uebel
15.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Dagmar Uebel

Gernsbach - "Habt ihr denn kein Zuhause, ihr Plagen?", harschte Thomas Höhne sein jugendliches Publikum an. Und weiter, den Gürtel seines gestreiften Bademantels entschieden fester zurrend: "Ich in eurem Alter war schon stellvertretender Filialleiter." Wer nun meint, der Inhaber der Hilpertsauer Spielstätte "Alte Turnhalle" sei ein grob denkender Mensch, der irrt. Normalerweise durchaus liebenswürdig und höflich, offenbart er in seiner Rolle des Scrooge, alias Herr Raff, viele Momente menschlicher Kälte, aber auch Züge der Wandlungsfähigkeit. Aber das erst ganz zum Schluss der etwa einstündigen Aufführung.

In der modernen Fassung, frei nach Charles Dickens' "A Christmas Carol", treffen zwei Aspekte aufeinander: die bedingungslose Gier nach Erfolg und die Verzweiflung über eigene Einsamkeit. Und mittendrin eine Figur, die erst auf geisterhafte Weise eine Wandlung vollzieht, die hoffentlich über die wenigen Weihnachtstage hinausreicht. Für Schauspieler eine gewollte Herausforderung, die den Mimen "auf den Leib geschrieben" zu sein scheint.

Zusammen mit Hendrik Pape führt Höhne noch bis zum 20. Dezember eine moderne Version des Stücks auf. Nicht als der Ebenezer Scrooge, sondern als Herr Raff zieht er alle Register komödiantischen Könnens. Obwohl Dickens' Roman, mehrfach verfilmt und bis heute an jedem Weihnachtsfest allgegenwärtig, den Mädchen und Jungs der Gaggenauer Konfirmandengruppe bekannt war, verfolgten sie gespannt die Premiere des Weihnachtsklassikers.

Doch so richtig klassisch war die Vorstellung dann doch nicht. Glücklicherweise, möchte man sagen. Dank einer speziellen Textfassung von Julia Schulz, der Lust beider Mimen am Improvisieren, und nicht zuletzt am wunderbar interessanten Bühnenbild erlebten die Besucher eine Vorstellung, in die sie sich einfühlen konnten. Von Schulz in jugendgemäße Theaterform gebracht, inszeniert und von den beiden Mimen humorvoll aufgeführt, siegte der Spaß sowohl bei den Zuschauern als auch auf der Bühne.

Da fehlten im Text weder Glückskeks-Weisheiten, die Nennung des Murgtals noch die Bezüge zu Supermarktbrüdern, die das Land in Nord und Süd unter sich aufteilen. Die Inszenierung sprühte nur so vor Situationskomik. Da konnte Raff (Thomas Höhne) den Kontakt zum Geist seines vor Jahren verstorbenen Bruders nur über eine Whiskyflasche herstellen. Die Rückbesinnungen an seine Kindheit, Jugend und seine damalige Verlobte geschah über einen alten Fernseher. Als Raffs Gegenspieler Pape fast zum Schluss als dritter Geist, dem Geist zukünftiger Weihnachten, auffällige "Star-Wars" -Ohrmuscheln angelegt hatte und Raffs Kopf unter einer schwarzen "Darth-Vader-Maske" verschwunden war, hatten sie die Lacher der Jugendlichen auf ihrer Seite.

Und auch die Erwachsenen entdeckten schmunzelnd, dass sich klassische Theaterstücke durchaus mit Science-Fiction-Figuren vertragen - ja, sogar eine zeitgemäße Aufwertung erhalten können. Bei so vielen Handlungsebenen war es gut, dass Höhne keine Kostümwechsel und das Bühnenbild keine Umbauten brauchte. In der Art eines Speichers, in dem Rudimente aus mehreren Jahrzehnten und Raffs Lebensetappen lagerten, hatte Bühnen- und Kostümbildnerin Ilona Lenk vieles zusammengetragen, das den Mimen alles bot, was sie zu ihrem Spiel brauchten. Lediglich auf Höhnes Gegenspieler Pape kamen mehrere Verkleidungen zu, füllte er doch sowohl die Figur des verstorbenen Bruders, der drei Geister und Raffs Angestelltem aus. Da dieses auf der uneinsehbaren Empore geschah, behinderte es keinesfalls den Verlauf des Spiels.

Was zunächst verwirrte, war die Tatsache des Textablesens. Doch warum nicht, wenn die Handlung dennoch so flüssig, fantasievoll vermittelt wurde? Für Helga Lamm-Gielnik, die gruppenbegleitende Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Gaggenau, eine "Vorstellung, die ganz ohne erhobenen Zeigefinger moralische Werte vermittelt". Und dass das Thema sowohl 1843, als Dickens das Theaterstück schrieb, als auch heute kaum an Bedeutung verloren hat.

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