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"Bürohengst" galoppiert von der West- an die Ostküste
22.12.2017 - 00:00 Uhr

Von Hartmut Metz

Gaggenau/USA - Die Tour de France wird unter den Radprofis gerne als "Tour der Leiden" klassifiziert. Die Pedaleure quälen sich regelmäßig über rund 3500 Kilometer. Ein Kinderspiel im Vergleich zur Tortur, die Jörg Lohmar auf sich nahm. Der in Berlin lebende Gaggenauer sattelte noch einmal knapp 50 Prozent drauf - und strampelte bei seiner persönlichen "großen Schleife" in den USA von "Coast to Coast": Von der West- zur Ostküste ging es über 5202 Kilometer.

Weder Lohmar selbst noch sein Kumpel von den Schachfreunden Hörden, Detlev Bettendorf, hielten dies für möglich: "Ich habe es Jörg nicht zugetraut - es ihm aber verschwiegen", gesteht Bettendorf im Nachhinein. Seine Skepsis nährte vor allem ein Fakt: Lohmar fuhr vorher kaum Rad! "Ich war mir sicher: Das kann er nicht schaffen, denn er hat nur auf dem Hometrainer trainiert! Als mir Jörg mal seine Trainingswerte durchgab, glaubte ich, dass das Gerät kaputt ist..."

Der einstige Gaggenauer absolvierte auf den Straßen in Berlin und Brandenburg in eineinhalb Jahren nur knapp 500 Kilometer. Bei dem Tempo hätte er mehr als 15 Jahre für seinen USA-Trip benötigt ... Doch auf dem Hometrainer trat Lohmar kräftig in die Pedale: Das ungewöhnliche Vorbereitungsprogramm des "Stubenhockers" bestand aus 8500 Kilometern auf dem Hometrainer. Eine Ernährungsumstellung und keinen Tropfen Alkohol mehr ab 1. Januar 2016 sowie "unzählige Gymnastikstunden" machten den 49-Jährigen fit. Dass das reicht für die "erste Fahrradtour meines Lebens", wagten alle zu bezweifeln: "Einzig mein Onkel Jürgen aus Wickede war begeistert und sagte: ,Du schaffst das, Junge. Andere machen die Tour zu Fuß.'" Dies sei Ansporn gewesen und "hat dazu beigetragen, mich über die eine oder andere schwere Etappe in den Bergen und durch die Wüsten des Südwestens der USA zu tragen". Die "ansonsten eher niederschmetternden Kommentare" wie "gefährlich", "lebensmüde", "verrückt", "nicht zu schaffen", "langweilig", "niemals alleine", "nicht ohne Auto", "fahr' doch erst einmal durch Deutschland" ärgerten den Murgtäler zwar, doch trieben ihn vielleicht auch stets ein bisschen an, bloß nicht aufzugeben.

Start- wie Zielort stehen für amerikanische Sehenswürdigkeiten: Los ging es am 30. April auf der Golden Gate Bridge in San Francisco bei strahlendem Sonnenschein. Bis zum Erreichen der Brooklyn Bridge in New York am 25. Juni lagen 56 Tage - was aber nicht darin begründet war, dass sein GPS-Programm anfangs den Dienst versagte. Auf den ersten 35 Kilometern in San Francisco wähnte sich das Navi "weiterhin in Berlin", wie Lohmar schmunzelnd berichtet. Der Start misslang eher, weil "Klickpedale am Berg ihre Tücken haben", wie der Hometrainer-Experte erst auf freier Strecke schmerzlich erfuhr: In Vallejo legte er sich auf den Asphalt, wonach sich sein linker Unterarm eineinhalb Wochen lang in den Bergen in allen "Farbtönen zeigte", obwohl noch kein "Indian Summer" anstand. Von Sacramento aus nach Placerville machte der Jetlag-Geplagte wohl einen recht bemitleidenswerten Eindruck, "denn zweimal musste ich auf den 84 Kilometern nach Placerville stoppen und einkehren - und zweimal ging die Rechnung aufs Haus..."

Nach den anfänglichen Unbilden kam Lohmar jedoch in Richtung Nevada ins Rollen - auch wenn vor der "Loneliest Route in America", der einsamsten Strecke Amerikas über 658 Kilometer, ein Mountainbike-Fahrer am Straßenrand Lohmars Pläne mit New York als Ziel kopfschüttelnd kommentierte: "Verrückt, verrückt, verrückt!"

Akribisch führte der Radtour-Novize, der seit 2009 sechsmal mit dem Auto durch die Staaten cruiste, Buch über seine mörderischen Tagesstrecken, Höhenmeter und den Kalorienverbrauch. 5029 der 5202 Kilometer radelte er selbst, 173 Kilometer notierte Lohmar als "Fremdleistung". 43170 Höhenmeter überwand er und verbrauchte bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,1 km/h 257348 Kalorien! An Extremtagen wie dem 6. Mai "verbrannte" der Angestellte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz "bis zu 9301 Kalorien". Auf den 180 Kilometern von Fallen nach Austin - einem 300-Seelen-Kaff, das nicht mit der texanischen Hauptstadt zu verwechseln ist - strampelte Lohmar netto 10:52 Stunden. "Abendessen gab es keines nach der schwersten Etappe. So ging es mit Riegeln und Obst ins Bett." Dass er tags darauf mit Wadenkrämpfen zu kämpfen hatte, verwundert nicht. Daher legte der frühere Hördener Schachspieler vor der achten Etappe in Eureka einen Ruhetag ein.

Auch auf Etappe zwölf von Salina nach Green River schwächelte der Rad-Novize: "Bei 30 Grad im Schatten, einsetzenden Windböen von bis zu 45 km/h und dem Rat der Polizei, die Interstate 70 wegen der Lkw besser zu meiden", trampte Lohmar doch lieber. Die Lkw-Fahrer waren äußerst hilfsbereit: Der Apache Eddy Castillo kutschierte ihn samt Drahtesel nach Green River.

Das gegenteilige Wetterextrem zeigte sich in den Rocky Mountains. Nicht nur, dass sich der rechte Knöchel des Abenteurers hoch bis zur Wade entzündet hatte - die Winterhose musste er drüberstülpen, weil es auf dem 3444 Meter hohen Monarch Pass Minusgrade hatte. "Ein unbeschreibliches Gefühl, dass ich mein Fahrrad samt Gepäck auf der ersten Fahrradtour meines Lebens über solch einen Pass brachte", damit wuchs jedoch das Selbstvertrauen des Murgtälers.

Schlamm steckt in jeder Ritze

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug, selbst Schlamm konnte ihn nicht stoppen. Bei St. Louis hatte er den Hinweis, der Trail sei wegen Flutschäden gesperrt, ignoriert ("Ich fahre ungern Umwege"). Durch den Schlamm kämpfte sich Lohmar zwar durch, danach war aber nicht mehr an eine Weiterfahrt zu denken, weil dieser in jeder Ritze steckte. Ein Wohnwagenhändler beseitigte die dickflüssige "Bremse" mit dem Wasserschlauch. Auf die Hilfsbereitschaft, wenn auch der Reifen zum fünften Mal platt war, und zahlreiche Einladungen konnte sich der Deutsche stets verlassen. "Unglaublich", fand er dies und berichtete von "nur einem unfreundlichen Lkw-Fahrer", der ihn einmal grundlos an einer Ampel in Richmond "anmotzte". Deshalb konstatierte der 49-Jährige glücklich bei der Ankunft am 25. Juni auf der Brooklyn Bridge in New York bei einem Gruppenbild mit anderen Radbegeisterten: "Ich war nie allein!" Das zeigte auch die "Rückwinke-Quote", die der Statistik-Freak bei Amish-Kutschen, Trecker-Fahrern und Wachturm-Personal auf 100 Prozent taxierte.

"Mit Willen, Begeisterung und Motivation habe ich die Tour besser geschafft, als ich es mir je hätte träumen lassen", zieht Lohmar ein äußerst positives Fazit des "Abenteuers für einen Bürohengst" und schließt mit einer großen Ankündigung: "Eines ist sicher: Es wird mindestens eine weitere Coast-to-coast-Tour durch die USA geben!"

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