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Drei Dutzend Stationen zum Lobe des Herrn
23.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Thomas Senger

Gaggenau - Es ist ein wunderbarer Brauch im Dörfchen Sulzbach. Bis in das 19. Jahrhundert reicht er zurück. Somit ist das "Wächtersingen" in der Heiligen Nacht zwar noch lange nicht so alt wie das schöne Fachwerkdorf, das im nächsten Jahr sein 775-jähriges Bestehen feiert. Aber einen gewissen "Kultstatus" darf man mit Sicherheit attestieren. An sage und schreibe 36 Standorten erheben die Sänger von nachts um halb eins bis morgens gegen halb sechs ihre Stimmen. Einer von ihnen ist seit 42 Jahren dabei: Ortsvorsteher Artur Haitz. Er und Heimatforscher Winfried Förderer haben sich unabhängig voneinander der ungeklärten Herkunft des Sulzbacher Wächterlieds angenommen. Und sie haben neue Erkenntnisse zutage gefördert.

Um die Herkunft des "Weckrufs" ranken sich Vermutungen. "Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ist das ,Wächtersingen' im Ort mündlich überliefert", weiß Artur Haitz. Ein Sulzbacher, der hoch betagt in den 1970er Jahren verstorben war, hatte ihm noch von dessen Großvater erzählt, der daran als junger Mensch bereits teilgenommen habe.

"Zu jener Zeit war Sulzbach noch eine Filialgemeinde der Pfarrei Michelbach", ergänzt Winfried Förderer. Erst 1884/85 wurde die Pfarrkirche St. Anna im neoromanischen Stil errichtet. "Schriftlich erstmals belegt ist das Wächtersingen im Fragebogen für Sulzbach zur Volkskunde von 1894/95, den der damalige örtliche Hauptlehrer Z. Wehrle bearbeitet hatte. Dieser wird in der Außenstelle Staufen des Badischen Landesmuseums verwahrt", hat Förderer herausgefunden. Tief hat er sich in die regionale Kirchengeschichte eingegraben, hat in Bibliotheken und Archiven Quellen studiert. Die besagte Umfrage, an der sich badische Volksschullehrer aus etwa 550 Ortschaften beteiligten, bildete wesentliche Grundlage für das Standardwerk "Badisches Volksleben" von Elard Hugo Meyer, das 1900 erschien.

Am Heiligen Abend zur Mitternacht läuteten früher die Glocken, um die frohe Botschaft zu verkünden, aber auch, um die Menschen von dem Bösen zu warnen und Teufel und Hexen zu vertreiben. "Dies nannte man damals ,Schreckenläuten'", weiß Winfried Förderer und verweist auf das Kapitel "Die Christnacht" im Buch von Elard Meyer. Darin schilderte dieser, dass nach dem "Schreckenläuten" in Sulzbach die Männer des Kirchenchors auf dem Kirchturm zwei Weihnachtslieder sangen. In aller Frühe wiederholten dann drei Sänger an 22 Stellen des Dorfes das Lied "Stille Nacht" und den in vollem Wortlaut wiedergegebenen Weckruf. Warum sind es mittlerweile 36? "Das Dorf ist gewachsen", hat Artur Haitz eine schlüssige Erklärung.

Eine heiße Spur führt nach Wolfach

Wie von den Vorfahren überliefert, werden die erste Strophe von "Stille Nacht" und der Weckruf "Steht auf im Namen Jesu Christi" gesungen. Aber was sind die Wurzeln des über Generationen gewachsenen Brauchs? Winfried Förderer hat nachgeschaut: In den Gemeinderechnungen und Ratsprotokollen von Sulzbach finden sich keinerlei Hinweise auf einen Nachtwächter.

Fakt ist: "Die ursprüngliche Vermutung, das Wächtersingen könne von eingewanderten Tiroler Holzfällern eingeführt worden sein, hat sich nicht bestätigt", weiß Artur Haitz. So hatte bereits der frühere Vorsitzende des Sulzbacher Kirchenchors, Georg Herm, Anfang der 1980er Jahre 82 Tiroler Dörfer angeschrieben um zu erkunden, ob dort ein solcher Brauch bekannt sei. Artur Haitz: "Die Antworten waren allesamt negativ - ein solcher Brauch ist dort nirgendwo üblich."

"Aber das überlieferte Stundenrufen von Nachtwächtern beschränkte sich nicht nur auf eine Zeitansage, sondern hatte durchweg auch religiösen Charakter", weiß der Heimatforscher. Ebenso hatten viele Nachtwächter den Hauptfesten des Jahres, auch Weihnachten, besondere Lieder gewidmet.

Winfried Förderer seinerseits verweist auf das Buch "Stundenrufe und Lieder der deutschen Nachtwächter" von Josef Wichner (Regensburg, von 1893): "Die Stundenrufe der Nachtwächter der Gemeinden Beuren bei Meersburg, Wechlingen im Nördlichen Ries und Dorlisheim im Elsass weisen eine besonders hohe textliche und inhaltliche Übereinstimmung mit dem Weckruf des Sulzbacher Wächtersingens auf." Dies treffe auch für einzelne Textzeilen von Stundenrufen vieler anderer Gemeinden zu, vor allem im alemannischen Sprachraum. "Das von Männern des Kirchenchores um 1880 gegründete Wächtersingen geht zweifelsfrei auf die tradierten Stundenrufe der deutschen Nachtwächter zurück", sagt Winfried Förderer.

Artur Haitz verweist auf das Städtchen Wolfach im mittleren Schwarzwald: "In dieser Narrenhochburg wird am Rosenmontag beim Narrenumzug in der Frühe vom ,Wohlaufsänger' ein Lied angestimmt, das vom Text und der Melodie her eine starke Ähnlichkeit mit unserem Wächterruf aufweist." Vielleicht, so Haitz, war es ein an die Sulzbacher Volksschule versetzter Lehrer oder Pfarrer, der den Rosenmontags-Aufruf' zum Sulzbacher "Wächterruf" in der Christnacht umdichtete.

Quellen dazu gibt es aber keine. So darf weiter gerätselt werden, woher er nun kommt, dieser wunderbare Brauch im Dörfchen Sulzbach. Vielleicht kommt man ja in der kommenden Heiligen Nacht der Lösung ein bisschen näher? Schließlich freuen sich die Sänger, wenn sie auf ihrem Rundgang durch den Ort ab und an in einer warmen Stube eine kleine Stärkung bekommen - und vielleicht erblicken in geselliger Runde weitere Erkenntnisse das Licht der Welt.

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