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Gelassener Blick auf das Jahr 2030
Michael Brecht ist Vorsitzender des Daimler-Gesamtbetriebsrats und Betriebsratsvorsitzender des Mercedes-Benz-Werks Gaggenau. Foto: Oswald-Fotodesign
28.12.2017 - 00:00 Uhr
Gaggenau - Das Mercedes-Benz-Werk ist hervorragend ausgelastet, die Arbeitsplätze sind gesichert. Diese Überzeugung teilen sowohl Betriebsrat als auch Werkleitung. Doch kann der Standort nicht isoliert betrachtet werden - schließlich ist das Werk als weltweit tätiger Komponentenlieferant von internationalen Zyklen und Entwicklungen besonders betroffen. Betriebsratsvorsitzender Michael Brecht stellt sich hierzu den Fragen von BT-Redakteur Thomas Senger. Teil II werden wir in der morgigen Ausgabe veröffentlichen.

Interview

BT: Herr Brecht, die Deutsche Post AG will in Kooperation mit Ford Europas größter Produzent von emissionsfreien, mittelgroßen E-Transportern werden und greift damit Daimler an. Die "letzte Meile" vom Lieferanten zum Kunden, das ist doch klassisches Mercedes-Sprinter-Terrain?

Michael Brecht: Zunächst mal: Daimler hatte den ersten Elektro-Vito, aber der lief gar nicht - wir waren der Zeit voraus. Daimler war im Übrigen schon intensiv wegen eines auf die Post zugeschnittenen Elektroautos in Kontakt mit der Post, letztlich kam das Projekt aber aus für mich nachvollziehbaren Gründen nicht zustande.

Aber wir haben mit dem Paketzusteller Hermes eine strategische Partnerschaft zur Elektrifizierung seiner Fahrzeugflotte geschlossen. Hermes will bis 2020 1500 Elektrotransporter der Baureihen Vito und Sprinter in Ballungszentren einsetzen. Wir haben die technischen Lösungen ebenfalls.

BT: War Daimler zu langsam in dem Bereich?

Brecht: Dieses ganze Segment ist ein Riesenbaukasten: Paketservice ist nur ein Teil davon. Handwerker zum Beispiel haben schon wieder ganz andere Anforderungen. Wir versuchen schon, uns als Full-Line-Anbieter zu positionieren. Aber wir werden nicht jede einzelne Nische besetzen können. Letztlich ist auch im Jahr 2018 die Elektrifizierung nicht kriegsentscheidend.

BT: Sicher, der Ausbau der Fertigung der Automatik-Wandler ist wichtig. Aber der Standort Gaggenau besteht auch aus anderen Bereichen.

Brecht: Die hat der Betriebsrat auch im Auge. Wir haben ja bereits eine Studie vorgelegt, "ELAB". Wir werden durch Elektrifizierung im Bereich Antriebstrang negative Beschäftigungseffekte haben; diese muss durch andere Fertigungstiefen kompensiert werden. Die Frage ist aber: Ab wann treten diese Effekte ein? Wir sind immer noch nicht an der Wachstumsgrenze der bisherigen Technologien.

BT: Können Sie das begründen?

Brecht: Weltweit werden jährlich derzeit 100 Millionen Autos produziert. Das Wachstum wird weiter zunehmen. Nach neuester Studie von Goldman und Sachs werden es 2040 140 Millionen Kfz pro Jahr sein. Die Frage ist also: Wann ist der Punkt erreicht, ab dem die Verbrennungstechnologie deutlich zurückgeht zugunsten der Elektrofahrzeuge.

BT: Wann wird das sein?

Brecht: Alle unsere Studien gehen bei einem progressiven Szenario davon aus, dass E-Fahrzeuge im Jahr 2030 vielleicht 35 Prozent Marktanteile haben werden. Progressiv heißt, dass dabei die ganze Infrastruktur mitgewachsen sein muss, also zum Beispiel der Bereich der Ladestationen.

BT: Wie wird man dann Arbeitsplatzverluste im Getriebebau verhindern?

Brecht: Das kann man verhindern, wenn es uns gelingt, die Bereiche Motoren- und Getriebebau an Standorten zu bündeln. Aber: Wir werden 2030 mindestens genau so viele Motoren und Getriebe brauchen wie heute. Ich mache mir also bei der Beschäftigung keine Gedanken über das Jahr 2030 - Krisen kann man natürlich nicht vorhersehen.

BT: Und was ist die Strategie?

Brecht: Wir müssen uns Stück für Stück vorbereiten, zum Beispiel geeignete Flächen bereitstellen. Das ist die Herausforderung: Kerngeschäft ausbauen, Neugeschäft aufbauen. In den Werken, die mit Karosseriebau, Lackiererei und Montage ihr Geld verdienen, werden wir durch Elektrifizierung keine Probleme haben.

Unser Standort ist ja stets im Wandel. So wurden beispielsweise die leichten Transporter- Schaltgetriebe verlagert, dafür aber haben wir zum Beispiel Produktionsumfänge für die Achse der neuen A-Klasse und den weiteren Ausbau des Presswerkes und Rohbau in Kuppenheim bekommen. Und durch die Erweiterung der Wandler-Produktion sind wir der einzige Standort weltweit, der den Wandler baut.

BT: Auch dessen Geschichte wird irgendwann enden.

Brecht: Es wird 2040 noch 70 bis 80 Millionen Autos mit Verbrennungsmotoren geben. Auch dann ist es egal, ob das Auto in China, Afrika oder Amerika gebaut wird - der Wandler kommt nach wie vor aus Gaggenau. Wir hatten am Standort noch nie eine so lange Perspektive für einen bestimmten Bereich.

BT: Sie haben dieser Tage gefordert, im Werkteil Rastatt des Standorts Gaggenau müsse eine Batteriefabrikation beginnen. Warum das?

Brecht: Wenn Fahrzeuggenerationen kommen, die kein herkömmliches Getriebe brauchen, brauchen wir einen Ausgleich für die Produktion und Beschäftigung. Deshalb sind die Batterien eines der Themen, die man frühzeitig in den Raum stellen muss.

BT: Ziehen Betriebsrat und Konzernleitung an einem Strang?

Brecht: Wir sind in ständigem Clinch um die Fertigungstiefe, das Unternehmen trifft hier auch oft Entscheidungen, um Investitionen zu begrenzen. Aber für mich ist klar: Alles, was mit Achsen und Getrieben zu tun hat, also der neue elektrifizierte Antriebsstrang, da müssen wir dabei sein. Denn viele Zulieferer gehen bereits in Bereiche hinein, in denen sie bislang nicht tätig sind, um sich ihre Zukunft zu sichern. Ich denke zum Beispiel an die E-Achse.

Wir stehen vor einem riesigen Wandel in der Wertschöpfungskette. Wenn dann Betriebe um ihre Zukunft kämpfen, dann wird da ein großer Preisdruck entstehen und damit wird es Konflikte geben.

BT: Der Clinch ist also, dass der Konzern Kernkompetenzen auch gerne nach außen vergibt.

Brecht: Wenn es unverschämt günstige Angebote von außen gibt, dann kommen wir eben unter Druck. Aber ich bin zuversichtlich, wir haben es bislang immer geschafft, die Kernkompetenzen im Haus zu halten.

BT: Die Daimler-Mitarbeiter verdienen nun mal sehr gut.

Brecht: Der Lohn ist nur ein Faktor bei der Bilanz des Unternehmens. Denn die 13, 14 oder 15 Prozent Anteil der Lohnkosten am Aufwand, das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist unsere hohe Kompetenz und dass die Maschinen rund um die Uhr laufen können.

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