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Friseur denunziert Reichentaler Priester bei Gestapo
28.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Friedbert Zapf

Gernsbach - Die NSDAP zog 1928 mit gerade einmal zwölf Abgeordneten in den Reichstag ein. Diese fielen vor allem durch Provokationen und Verächtlichmachung der Demokratie auf. Bei den Reichstagswahlen 1932 wurde die NSDAP sogar stärkste Fraktion, und am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Auswirkungen auf die Pfarrer der damaligen Zeit beleuchtet die nächsten Tage eine dreiteilige Serie.

Als Kommissar des Reiches für Baden wurde Robert Wagner eingesetzt. Er übernahm am 9. März 1933 das Innenministerium in Karlsruhe, was jede Gemeinde bald schon spürte. Bereits am 17. März ließ Wagner die Loyalität der Bürgermeister überprüfen. Dann wurde jenen Gemeinderäten, die Mitglied der früheren Zentrumspartei waren, der Rücktritt nahegelegt. Die Reichentaler Räte weigerten sich, aber die Nazis übten Druck aus und forderten den "freiwilligen Verzicht der ehemaligen Zentrumsgemeinderäte". Da trat der Gemeinderat am 26. August geschlossen zurück. Am 13. Oktober war ein neuer, regimetreuer Rat im Amt.

Bald war auch das gesellschaftliche Leben von der nationalsozialistischen Gesinnung durchdrungen. So beschloss zum Beispiel der Gemeinderat im Februar 1934, dass "der Fortbildungsschulsaal nur noch für rein nationale Zwecke zur Verfügung gestellt werde", die Gemeinde finanzierte der örtlichen Hitlerjugend im August 1934 eine Fahne und überwies eine "Adolf-Hitler-Spende" nach Berlin, Umzüge und Aufmärsche fanden statt, und Hauptlehrer Adolf Huber referierte im Auerhahn über "Rasse und Kultur - Der Jude als Rassenschänder". Es begann zudem ein gegen "Volksfeinde" gerichtetes Spitzelwesen und Denunziantentum.

Am 4. Oktober 1936, einem Sonntag, betritt der in der Adolf-Hitler-Straße in Gernsbach wohnende Friseur Rudolf Straub gegen 15 Uhr die Reichentaler Kirche. Er ist zwar kein NSDAP-Mitglied, wohl aber einer, der immer mit "Heil Hitler" grüßt. In der Kirche sind 30 Frauen versammelt, der 69 Jahre alte Dorfpfarrer Alois Fortenbacher hält gerade eine Andacht. Zum Schluss sagt der Pfarrer etwas, was den Friseur aufhören lässt: "Ich hörte dann, wie der Pfarrer sagte, sie sollen an Gottes Wort glauben. Alsdann sagte er: ,Lasset uns beten für die verfolgten Christen und Märtyrer in Deutschland, Russland und Spanien. Wie ihr ja alle wisst, entscheidet sich in Spanien, ob der Kommunismus und Bolschewismus siegt oder die katholische Kirche.' Alsdann haben sie den Rosenkranz gebetet."

Was den Friseur entrüstete, war die Aussage Fortenbachers, in Deutschland gebe es verfolgte Menschen. Der Friseur zeigte den Pfarrer an. Der Oberstaatsanwalt beim Sondergericht in Mannheim leitete ein Ermittlungsverfahren ein, wobei er sich auf das "Heimtückegesetz" und einen ministeriellen "Erlass zur Abwehr des politischen Katholizismus" berief. Dem Pfarrer drohte Haft.

Am 6. Februar 1937 traf die berüchtigte Geheime Staatspolizei (Gestapo) aus Rastatt in Reichental ein. Der wegen eines Nierenleidens gesundheitlich stark angeschlagene Pfarrer wurde "eindringlich" verhört. Fortenbacher stritt ab, je von verfolgten Christen in Deutschland gesprochen zu haben. Anschließend vernahm die Gestapo einige Frauen, die an der Andacht teilgenommen hatten. Die Hausgehilfin Sofie Wieland, Martha Klumpp, die Näherin Martha Wieland und das Hausmädchen Veronika Wieland deckten Fortenbacher. Nein, von verfolgten Christen in Deutschland habe der Pfarrer sicher nicht gesprochen. Der Kriminalsekretär der Gestapo konnte dem Oberstaatsanwalt keinen Vernehmungserfolg präsentieren, sondern lediglich melden: "Es sind ja alles solche Mädchen und Frauen, die politisch weniger geschult sind und denen solches gar nicht aufgefallen sein kann."

Aufgrund der Zeuginnen, die für den Pfarrer sprachen, und der damit verbundenen "unsicheren Beweislage" musste die Staatsanwaltschaft von einer Anklageerhebung absehen und im Mai 1937 das Verfahren einstellen - allerdings nicht ohne den Pfarrer nachdrücklich zu verwarnen.

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