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Radiohören wurde mit Zuchthaus bestraft
Pfarrer Fridolin Merkel gerät unversehens in die Mühlen der diensteifrigen Gestapo.  Foto: Archiv Zapf
29.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Friedbert Zapf

Gernsbach - Der Reichentaler Pfarrer Alois Fortenbacher war 1936 wegen einer Predigt ins Visier der Nazis geraten. Nur die unsichere Beweislage vereitelte eine Verurteilung. Weniger glimpflich verlief es für Fridolin Merkel, den Sohn des Reichentaler Altbürgermeisters Dominik Merkel. Er war seit 1927 Pfarrer in Wieden bei Lörrach. Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 begann, war Merkel 51 Jahre alt. In die Fänge der berüchtigten Gestapo geriet er ein halbes Jahr später.

13. März 1940: Eine Limousine hält vor dem Pfarrhaus in Wieden. Pfarrer Merkel wird von der Gestapo Freiburg abgeholt. Bereits auf der Fahrt ins zwölf Kilometer entfernte Todtnau beginnt Kriminalsekretär Tritschler sein Verhör. Ob Merkel bekannt sei, dass der Todtnauer Pfarrer Blattmann ausländische Radiosender gehört habe oder ob bei Merkels Aufenthalten im dortigen Pfarrhaus darüber gesprochen worden sei. Merkel verweigert die Aussage.

Im Rathaus Todtnau wird das Verhör im Beisein der Gestapo Stuttgart fortgesetzt. Merkel gesteht jetzt, öfter den Schweizer Sender Beromünster und den Vatikansender gehört zu haben. Im Winter ganz selten, weil das Radio in seinem ungeheizten Schlafzimmer stehe. Im Übrigen sei sein Radiogerät der Marke "Tefadyn-Super" seit drei Wochen defekt. Nach dem Verhör wird Merkel in das Gerichtsgefängnis Freiburg eingeliefert.

Flugblätter gegen Adolf Hitler

Am nächsten Morgen setzt die Gestapo das Verhör fort. Er habe, so Merkel, die ausländischen Sender gehört, weil er sich "von neutraler Seite über die politischen Geschehnisse in der Welt unterrichten lassen wollte". Dann will der Gestapo-Mann wissen, ob Merkel auch bei jenen regelmäßigen Treffen der Pfarrer in Todtnau teilgenommen habe. Erneut fällt der Name Pfarrer Blattmann. Der Grund: Anfang 1940 waren im Raum Sigmaringen Flugblätter gegen Adolf Hitler aufgetaucht. Die Matrize war im Pfarrhaus Todtnau auf der Schreibmaschine von Blattmann beschrieben worden. Dieser wurde am 28. Februar verhaftet. Im Polizeigefängnis Stuttgart gestand Blattmann, ausländische Sender gehört zu haben. Bei den wöchentlichen Treffen der Pfarrer von Wieden, Schönau und Todtnauberg im Todtnauer Pfarrhaus habe er sich mit seinen Amtsbrüdern über die ausländischen Nachrichten ausgetauscht. Auch Pfarrer Fridolin Merkel habe regelmäßig teilgenommen.

Am 16. April, einen Monat nach seiner Festnahme, wird Fridolin Merkel im Freiburger Gefängnis wieder verhört. Bei den Pfarrertreffen habe man sich zum Beispiel darüber unterhalten, so Merkel, dass die Zahlen "über die Versenkung von Schiffen bei den deutschen und bei den englischen Sendern weit auseinander" lägen.

Während der von der Gestapo befragte Lörracher Kreisleiter der NSDAP, Allgeier, in Nazimanier hetzt, Merkel sei "die treibende Kraft, die in Wieden für Durcheinander" sorge und ein "sehr gefährlicher Hetzer und Wühler", versichert der Wiedener katholische Stiftungsrat, ihr Pfarrer habe "immer zum Wohl der Gemeinde gewirkt und sich nie in staatspolitisch abträglicher Weise verhalten". Im Mai erteilt Fridolin Merkel Rechtsanwalt Dr. Kopf, Freiburg, eine Prozessvollmacht.

Am 4. Juli erhebt der Oberstaatsanwalt beim "Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk Karlsruhe" Anklage und beschuldigt Merkel des Verbrechens des fortgesetzten absichtlichen Abhörens ausländischer Sender, strafbar nach der "Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen" von 1939.

Merkel wird am 24. Juli "mit dem Gefangenenwagen von Freiburg" ins Mannheimer Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Eine Woche später, am 2. August, beginnt um 9.30 Uhr der Prozess vor dem Sondergericht im Mannheimer Schloss. Um 11.25 Uhr verkündet Landgerichtspräsident Mickel das Urteil: Fridolin Merkel wird zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und neun Monaten unter Anrechnung von vier Monaten Untersuchungshaft verurteilt. In der Urteilsbegründung führt Mickel aus, dass zum Strafmaß beigetragen habe, dass Merkel die ausländischen Nachrichten mit den anderen Pfarrern bei den wöchentlichen Treffen besprochen habe, wobei "die Wirkung der feindlichen Propaganda vertieft wurde".

Am 22. August wird Merkel ins Zuchthaus Bruchsal eingeliefert. Obwohl der Freiburger Erzbischof Conrad im Juli 1941 ein Gnadengesuch einreicht, der Zuchthausarzt ein schweres Magenleiden attestiert und der Leiter des Zuchthauses eine vorzeitige Entlassung befürwortet, zeigt sich die Nazi-Justiz unerbittlich. Merkel muss seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. Erst am 2. Januar 1942 wird er entlassen.

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