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"Auf der letzten Felge durch Südamerika"
29.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Gernsbach/Südamerika - Von einer Bulldogge während der Fahrt angefallen und gebissen, zahllose Berge, die sich vor einem auftürmen, Schmerzen, drei Monate fast nur Hühnchen, Reis und Kartoffeln - alle Qual ist vergessen. Inzwischen schwärmt Dietmar Rothfuß nur noch von seiner großen Radfahrt durch die Anden: Vom 24. Mai bis 15. August strampelte er mehr als 4000 Kilometer durch Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien und schleppte sein fast 50 Kilogramm schweres Fahrrad mit Zelt über 45000 Höhenmeter.

Der Gernsbacher kam schon vor 34 Jahren auf den Südamerika-Geschmack. "Machu Picchu hat eine ganz besondere Bedeutung für mich, weil ich hier meinen 22. Geburtstag erleben durfte. Ich kam über den Inkatrail durch das Sonnentor oberhalb der Anlage und kann mich an diesen Moment noch genau erinnern", gerät Rothfuß ins Schwelgen und beschreibt auf seinem Reiseblog seine Empfindungen, als er mit 56 Jahren wieder zurückkehrte, "ein unglaubliches Gefühl, nach so langer Zeit wieder hier und gesund zu sein. Ich hätte Bäume ausreißen können!" Mehr als 200 Fotos schoss der Murgtäler allein von der berühmtesten peruanischen Sehenswürdigkeit.

Dass aber nicht nur das Touristen-Mekka lohnenswert ist, daran lässt Rothfuß keinen Zweifel, wenn er launisch über die Fahrt "auf der letzten Felge durch Südamerika" erzählt. Rund 5000 Bilder und 365 Seiten Reiseberichte auf seinem Blog zeugen davon. Von Bogota "quälte" sich der ehemalige Handballer mit seinem alten Sigmaringer Kumpel Max Zimmermann die ersten vier Wochen in Kolumbien und Ecuador "durch die Berge".

Dabei warfen sie ihre "drei Prinzipien" gleich in den ersten Tagen über Bord, die vorgaben, nie mehr als 100 Kilometer am Tag zu absolvieren, nie mehr als 1000 Höhenmeter zu erklimmen und immer bei Helligkeit von 6 bis 18 Uhr unterwegs zu sein, weil es sonst "gefährlich" sei. Schlichter Grund für den frühen Bruch der Vorgaben: "Wir mussten oft einfach weiterfahren, wenn es keine Übernachtungsmöglichkeit gab." Die Pedal-Fron durch die Anden führte dazu, dass Rothfuß rasch um zehn auf 75 Kilogramm abmagerte. Dank des Extremtrainings waren aber nach "fünf Wochen die Schmerzen weg - und am Schluss dachte ich häufig: Hoffentlich kommt der nächste Berg. Ich hatte wieder eine Kondition wie mit 18!"

So hatte der Informatiker bei IBM auch die Kraft, um das Hochland mit bis zu 4500 Metern zu erklimmen. Runter an die Küste oder durch flache Wüsten glitt Rothfuß auch gelegentlich, erinnert sich aber an den "ekligen Nachteil: Der Wind bläst an der Pazifikküste von Süd nach Nord, sorgt also für ständigen Gegenwind. Ich traf eine Holländerin, die aus dem Süden kam und jauchzte: Dietmar, es ist wie Segeln!"

"Extremes Freiheitsgefühl"

Nach der geplanten Trennung von Zimmermann fuhr der 56-Jährige am liebsten alleine, um nicht "zum Ochs zu werden, weil in der Reisegruppe alles vorgegeben ist". So entwickelte sich ein "extremes Freiheitsgefühl. Es ist allerdings eine Herausforderung, nach der Auszeit wieder in den Alltag zurückzufinden", nennt er auch einen Nachteil. "Am schönsten" fand er das "Eintauchen in die beeindruckenden Landschaften und die Bevölkerung. Die Leute haben fern der Touristenzentren eine unglaubliche Herzlichkeit. Ich habe noch immer Kontakt zu vielen", berichtet der Murgtäler von seinen Erfahrungen, die auch alle anderen Extremradfahrer, die das BT in seiner diesjährigen Serie zum 200-jährigen Jubiläum der Draisine vorstellte, hervorhoben.

Kolumbien empfindet Rothfuß in der Rückschau als "grünes und sehr herzliches, radverrücktes Land". In Ecuador ging es entlang der Vulkanstraßen vorbei an 6000er-Gipfeln wie dem Chimborazo. Nicht nur darauf gab es auf seinem Reiseblog eine "überwältigende Resonanz".

Nach "tausend Kilometern trostloser Küste sehnte ich mich wieder nach Bergen" und er durfte sich über 30 Sechstausender in der "peruanischen Schweiz" freuen. Für "echte Gänsehaut" - aus doppeltem Grund - sorgten die "Weißen Kordilleren" in der Provinz Ancach. In den schneebedeckten Bergriesen wurde es in "kurzen Hosen zwar frisch, aber man ist einfach nur überwältigt". Je näher der Gernsbacher der Hauptstadt kam, wurde es gefährlicher: "Bremsen zählt nicht zu den Kernkompetenzen der Peruaner", stellt er fest und schiebt nach, "in Lima ist Rad fahren Suizid!"

Aber auch das überstand der 56-Jährige unbeschadet. Nach diesem gefährlichen Abenteuer musste der zweifache Familienvater erst einmal am Titicacasee ausspannen. Die Inseln darin und der Colca Canyon danach "beeindruckten" Rothfuß "wahnsinnig" - vor allem, wenn sich aus der zweittiefsten Schlucht der Welt die Kondore elegant erhoben. An der Grenze zu Bolivien traf sich der Gernsbacher wieder mit Zimmermann und nahm die Etappen der letzten Woche nach La Paz gemeinsam mit seinem Kumpel in Angriff.

Auch wenn Rothfuß die streunenden Hunde als "laufende Alarmanlagen" seit der Anden-Tour fürchtet und er eine Infektion zehn Tage nach dem Bulldoggen-Biss selbst mit Antibiotika aus der Radapotheke behandeln musste, gewinnt er sogar dieser schmerzhaften Attacke Positives ab: "Zu den Ärzten, die versuchten, einen Impfstoff gegen Tollwut aufzutreiben, und mir sogar ein Hotelzimmer besorgten, habe ich heute noch Kontakt." Daher bleibt als einziger negativer Punkt seit August: "Ich habe in Rekordzeit wieder sieben Kilo zugenommen!"

www.dietmarontheroad.tumblr.com

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